Symbolbild Symbolbild  (Copyright Marlon Lopez MMG1design. All rights reserved.)

Ordensfrau: Augen vor Menschenhandel nicht verschließen

Wie brutal Menschenhändler wirklich vorgehen, das möchten viele Menschen lieber gar nicht wissen. Doch auch in unserer direkten Umgebung kann es Opfer geben. Die Augen vor ihrer Situation nicht zu verschließen, ist ein erster Schritt zur Hilfe, meint Sr. Marjolein Bruinen, die sich mit ganzer Kraft dem Kampf gegen Menschenhandel verschrieben hat.

Am 8. Februar begeht die Kirche den Welttag gegen Menschenhandel. Einberufen hatte ihn Papst Franziskus im Jahr 2015. Insbesondere Ordensfrauen sind jedoch schon seit jeher und das ganze Jahr an vorderster Front, um gegen Menschenhandel zu kämpfen und Betroffenen zur Seite zu stehen. Eine von ihnen ist Sr. Marjolein Bruinen. Die gebürtige Holländerin ist Generalsekretärin von UCESM, der Union der Europäischen Konferenzen der Höheren Ordensoberen/innen. Dabei handelt es sich um ein Netzwerk und eine Gemeinschaft, die 38 nationale Konferenzen apostolischer Ordensgemeinschaften aus 28 europäischen Ländern vertritt. Wir sprachen mit Sr. Marjolein im Vorfeld des Welttages.

Radio Vatikan: Wie kämpfen Ordensfrauen gegen Menschenhandel?

Sr. Marjolein Bruinen, UCESM-Generalsekretärin: „Wir engagieren uns unter anderem für Aufklärung, ich selbst habe viele Vorträge in Schulen, Kirchengemeinden und Frauengruppen gehalten. Wir stehen oft im direkten Umfeld Familien und sehen, was passiert, manchmal sogar früher als die eigenen Eltern, beispielsweise wenn es darum geht, dass die Kinder durch einen Loverboy oder ein Lovergirl verführt werden, die zunächst Liebe vortäuschen und dann zur Lösung eines vorgespielten gravierenden Problems die oft verliebten Opfer in die Prostitution locken. Außerdem sorgen wir für Schutz und Begleitung. Wenn beispielsweise ein Opfer aus einem afrikanischen Land kommt, suchen wir dort vor Ort Klöster auf - und fragen, ob es nach Rückkehr dort unterkommen kann, da die Betroffenen fast nie zu ihrer eigenen Familie zurückkehren können.“

Sr. Marjolein bei einer UISG-Veranstaltung
Sr. Marjolein bei einer UISG-Veranstaltung

Radio Vatikan: Was sind die größten Herausforderungen im Bereich Menschenhandel?

Sr. Marjolein Bruinen: „Es gibt unzählige Herausforderungen: Wenn man sie kurz zusammenfassen will, geht es einerseits um Unsichtbarkeit, das heißt, die Delikte geschehen hinter der Haustür. Aber auch darum, dass die Betroffenen Angst haben könnten, zur Polizei zu gehen, weil sie selbst schlechte Erfahrungen mit den Sicherheitskräften im eigenen Land gemacht haben. Schlimm ist auch die Unwilligkeit der Männer, Anzeige zu erstatten, wenn sie merken, dass eine Frau sich ihnen nicht freiwillig hingibt. Wir hatten beispielsweise den Fall eines minderjährigen Mädchens, das an einem Wochenende 80 Männer in einem Hotel bedienen musste. Die Polizei fand Kondome in ihrem Mülleimer und konnte so einige Täter identifizieren und bei diesen Männern vorstellig werden. Die öffentliche Meinung wandte sich aber gegen die Polizei, weil man der Meinung war, dass sie damit Familien zerstörte....“

Vatican News: Eigentlich unglaublich, dass so etwas vor oder sogar hinter unserer eigenen Haustür passieren kann. Es müssen wirklich sehr herzlose Menschen sein, die diese Opfer ausnutzen…

Sr. Marjolein Bruinen: „Ja, und die organisierte Kriminalität ist noch härter und herzloser. Einmal bekam eine Frau zum Beispiel den abgetrennten Daumen ihres kleinen Kindes zugeschickt, als sie unwillig war, mitzuarbeiten. Solcher Geschichten gibt es viele. Eine weitere Komponente ist die Armut: Frauen, darunter auch promovierte Ärztinnen und Juristinnen, hoffen, in kurzer Zeit im wohlhabenden Ausland Geld zu sammeln, um in ihrem Heimatland eine Praxis aufzubauen. Aber sie haben keine Ahnung, wo sie landen werden. Krieg und damit verbundene erzwungene Flucht spielen natürlich auch eine Rolle, davon sprach man beispielsweise in Zusammenhang mit der Ukraine verstärkt. Und ganz wichtig: das Fehlen eines eigenen warmherzigen Zuhauses, das wird von Loverboys ganz gezielt ausgenutzt.“

Sr. Marjolein bei einem Workshop
Sr. Marjolein bei einem Workshop

Vatican News: Kann ein „normaler Mensch“ in irgendeiner Stadt in Westeuropa etwas gegen Menschenhandel tun?

Sr. Marjolein Bruinen: „Nach einem Vortrag habe ich immer gesagt: ,Wenn jeder, der hier sitzt, diese Geschichte einer weiteren Person erzählt, und diese Person tut das auch, dann wird dieses Dorf bald sicherer sein.‘ Das gilt auch für unsere Breitengrade. Das Bewusstsein für die Problematik zu schaffen und die Augen vor derartigen Situationen nicht zu verschließen ist der erste Schritt dafür, dem Menschenhandel und seinen vielfältigen Auswirkungen einen Riegel vorzuschieben.“

Der Tropfen auf dem heißen Stein

Vatican News: Gibt es eine Geschichte aus dem Bereich Menschenhandel, die Sie mit unseren Hörerinnen und Hörern teilen können?

Sr. Marjolein Bruinen: „Das ist natürlich ein viel zu knappes Beispiel, aber als ich in Riga lebte, habe ich eine junge Frau aufgenommen. Sie war in Lettland in einem Heim aufgewachsen, das sie mit 18 Jahren verlassen musste. Kurz zuvor hatte sie einen Mann kennengelernt, der ihr versprach, sie zu heiraten. Zu diesem Zweck nahm er sie mit nach Schweden. Dort zwang er sie zum Sex. Er verkaufte sie mehrmals, bis es ihr gelang zu fliehen und sie dann bei unserem Kloster anklopfte. Ich begleitete sie zum Gericht, was für sie sehr schwer war, weil es sie neu traumatisierte, über das Erlebte zu sprechen. Später stellte sich heraus, dass ihr Händler ein hochrangiger Polizist war und ungestraft davonkam...“

Vatican News: Wenn man dann aber sieht, dass Täter, von denen man Namen und Nachnamen kennt, ungestraft davonkommen, möchte man dann nicht eigentlich alles hinschmeißen?

Sr. Marjolein Bruinen: „Es gibt Situationen, in denen man wirklich am liebsten alles hinschmeißen würde, weil es scheint, als ob man nichts dagegen tun kann – und alles, was man tut, ist natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber ohne diesen Tropfen wäre der Stein noch heißer, deshalb darf man die Hoffnung nie aufgeben.“

#SistersProject

(vatican news - cs)

 

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

07. Februar 2026, 13:44