V. l.: Sebastian Pietsch, Christian Hümpfner und Prof. Stephan Wahle bei Radio Vatikan V. l.: Sebastian Pietsch, Christian Hümpfner und Prof. Stephan Wahle bei Radio Vatikan 

Kirchen-Studie aus Fulda: Gemeinsam lebendig bleiben

Wie kann Kirche in Zukunft wieder mehr Menschen erreichen? Welche Formen von Gemeinschaft, Gottesdienst und Engagement tragen wirklich? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Studie „Gemeinsam lebendig bleiben – Ökumenische Impulse für eine Kirche mit Zukunft“, die im Bistum Fulda entstanden ist. Herausgeber der Studie ist Christian Hümpfner, der die Ergebnisse nun auch im Vatikan vorstellen konnte.

Ausgangspunkt der Untersuchung, aus der auch ein Buch entstand, das bei Herder erschienen ist, war eine grundlegende Frage: Was erwarten Menschen eigentlich von der Kirche? – mit Fokus auf die Vitalität christlicher Gemeinden in Fulda.

Dazu entwickelte das Forschungsteam einen Fragebogen mit 15 offenen Fragen, der sich an Gemeindeleitungen und Mitglieder richtete. Insgesamt arbeiteten über tausend Menschen aus unterschiedlichen Konfessionen mit. Im Fokus standen zentrale Dimensionen kirchlichen Lebens – von Diakonie und Nächstenliebe über Verkündigung und Predigt bis hin zu Gottesdienst und Gemeinschaft.

Wie die qualitative Auswertung deutlich gezeigt habe, erreiche nicht alles, was traditionell angeboten werde, die Menschen gleichermaßen, erörterte Christian Hümpfner im Gespräch mit Radio Vatikan. In der Studie konnten neben den Schwachstellen auch konkret Beispiele identifiziert werden, die vor Ort jeweils gut funktionieren und als Vorbild für andere Gemeinden dienen könnten.

Freikirchen oft näher an den Bedürfnissen

Ein zentrales Ergebnis der Studie: In vielen Bereichen schnitten Freikirchen besser ab als katholische und evangelische Gemeinden, was besonders deutlich beim Thema Gemeinschaft werde, so Hümpfner. Denn während Freikirchen stark auf persönliche Beziehungen und eine ausgeprägte Willkommenskultur setzten, bleibe dieses Bedürfnis in den großen Kirchen häufig unerfüllt. Auch in der Gestaltung von Gottesdiensten sehen die Forschenden Unterschiede: Freikirchliche Formate, die stärker auf Beteiligung und verständliche Vermittlung setzen, werden oft als zugänglicher wahrgenommen.

Ein weiterer wichtiger Punkt der Studie ist die Diakonie. Hier zeigt sich laut den Autoren, dass Hilfe nicht nur institutionell organisiert sein sollte. Vielmehr wünschten sich viele Menschen konkrete Unterstützung innerhalb der Gemeinde – von Gemeindemitgliedern für Gemeindemitglieder.

Ökumene neu denken

Die Studie plädiert darüber hinaus für ein erweitertes Verständnis von Ökumene. Ausdrücklich christlich verfasste Freikirchen sollten nicht länger als Randerscheinung betrachtet werden, sondern als Teil der gemeinsamen Landschaft. Mehr Zusammenarbeit – insbesondere in Mission und Evangelisation – könnte neue Dynamiken schaffen, so die Autoren, die den Blick über die eigenen konfessionellen Grenzen hinaus als entscheidenden Zukunftsfaktor identifizieren.

Grundsätzliches Ergebnis der Studie: Kirche kann lebendig sein – wenn sie sich stärker an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, Gemeinschaft ernst nimmt und ökumenisch offener denkt.

Positive Resonanz aus dem Vatikan

Die Ergebnisse der zunächst lokal angelegten Studie wurden in Rom unter anderem Kardinal Kurt Koch vorgestellt, der im Vatikan für ökumenische Fragen zuständig ist. Der Schweizer Kardinal habe interessiert reagiert und ihnen seine ideelle Unterstützung zugesichert, so die Autoren – ein wichtiger Schritt für die weitere Verbreitung der Erkenntnisse.

Prof. Stephan Wahle, Christian Hümpfner, Kardinal Kurt Koch, Sebastian Pietsch und P. Augustinus Sander im Dikasterium für die Einheit der Christen im Vatikan
Prof. Stephan Wahle, Christian Hümpfner, Kardinal Kurt Koch, Sebastian Pietsch und P. Augustinus Sander im Dikasterium für die Einheit der Christen im Vatikan

Forschung geht weiter – mit Praxisbezug

Hümpfner, der in Paderborn Theologie studiert, will das Projekt nun im Rahmen einer Promotion weiterführen. Geplant ist eine deutschlandweite Untersuchung, die Theorie und Praxis enger verbindet.

Einen innovativen Ansatz stellen dabei sogenannte „One Heart Vision“-Gottesdienste und deren Soultruck-Projekt dar. Mit mobilen Bühnen sollen Gemeinden im gesamten deutschsprachigen Raum besucht werden. Bereits Monate vor solchen Veranstaltungen werden die Gemeinden analysiert und begleitet – ähnlich einer Beratung, um herauszufinden, was vor Ort gut funktioniert und wo es eventuellen Verbesserungsbedarf gebe. Besonders im Fokus steht dabei die Frage, ob große Events tatsächlich langfristige Effekte auf Gemeindeleben und Gottesdienstbesuch haben könnten.

Wissenschaftliche Begleitung und neue Perspektiven

Begleitet wird die Studie unter anderem von dem Paderborner Liturgiewissenschaftler Stephan Wahle. Für ihn hat die Untersuchung einen wichtigen eigenen „blinden Fleck“ sichtbar gemacht: Konzentriere sich die Ökumene doch oft zu stark auf katholische und evangelische Kirchen, während Freikirchen bislang zu wenig beachtet würden, räumt der Professor ein. Gerade hier sehen er jedenfalls großes Potenzial – sowohl für die Praxis als auch für die theologische Forschung. Insgesamt gelte es, diese Erkenntnisse nicht nur zu diskutieren, sondern konkret in die Praxis umzusetzen.

Ein Buch mit breiter Perspektive

Aus der Studie ist inzwischen auch ein Sammelband entstanden, an dem zahlreiche Autorinnen und Autoren aus unterschiedlichen Konfessionen mitgewirkt haben. Ziel war es, bewusst verschiedene Perspektiven zusammenzubringen – aus Wissenschaft und Praxis gleichermaßen. Das Interesse ist jedenfalls groß: Das im Herder-Verlag erschienene Buch war zeitweise bereits vergriffen. Inzwischen ist es wieder erhältlich.

Einzelheiten zur Publikation: Christian Hümpfner (Hg.): Gemeinsam lebendig bleiben - Ökumenische Impulse für eine Kirche mit Zukunft. Erschienen im Herder-Verlag, Preis etwa 24 Euro 

(vatican news - cs)

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30. März 2026, 09:24