Jesus und der Blindgeborene Jesus und der Blindgeborene 

Unser Sonntag: Christ, erkenne deine Würde

In dieser Betrachtung von Markus Hofmann geht es um die Auserwählung des Menschen, seine Neuschöpfung durch die Taufe - mit konkreten Vorschlägen für die abendliche Gewissenserforschung in der kommenden Woche.

Dr. Markus Hofmann, Bonn

4. Fastensonntag "Laetare" - A 

Joh 9, 1–41

Liebe Schwester, lieber Bruder,

die Texte der heutigen Lesung und des heutigen Evangeliums sind schön:
die Geschichte vom jungen David und die Heilung des Blindgeborenen kann man sich gut anhören; es gibt schwierigere Stellen in der hl.Schrift.

Hier zum Nachhören

Aber speziell an die erste Lesung können wir die Frage stellen: Was heißt denn diese schöne Geschichte für uns?

- es gibt ja bei uns keine Könige mehr (in Deutschland gibt es keine und wir vermissen sie auch nicht; in Europa gibt es zwar noch gekrönte Häupter, aber die haben sehr wenig mit dem Königtum im alten Israel zu tun).

- das Thema Auserwählung, das in der Geschichte anklingt, erscheint vielen verdächtig:
das riecht nach Elite, nach besonderer Hervorhebung und dann denken wir schnell an soziale Ungerechtigkeit, Arroganz, Machtmißbrauch etc.

„Gott sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz."“

Der Schlüssel zum Verständnis der ganzen Stelle liegt in dem Satz: "Gott sieht nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz." Gut, könnte man sagen: „Es kommt also auf die richtige innere Haltung an, auf die gute Absicht, auf den ehrlichen Willen - das zählt vor Gott - nicht Reichtum, Körperkraft, Ansehen bei anderen, usw.“

Das ist richtig. Gott können wir nicht durch unser Bankkonto, durch unsere Muskeln oder durch unser Prestige beeindrucken. Das sind nicht die Kriterien, die vor ihm und für ihn zählen.ABER: das ist noch lange nicht alles: die Lesung sagt Mehr und Tieferes aus: in der Gestalt Davids sind wir ganz persönlich, ganz direkt angesprochen: diese Lesung will uns nicht nur sagen, wie Gott über die Menschen allgemein denkt,sondern sie sagt uns, wer wir sind!

Gott schaut auf den inneren Menschen 

Denken wir an unsere Taufe zurück. Wir waren kleine Geschöpfe, wir konnten und brauchten weder Gott oder sonst jemanden beeindrucken:
Wir hatten noch weniger Geld als jetzt, noch sehr schwache Muskeln und aus eigener Kraft noch kein soziales Ansehen. Gott schaut auf den inneren Menschen -
Ja! Und: in der Taufe handelt er auch an ihm: er beschenkt ihn mit dem Kostbarsten, was es überhaupt gibt: mit seinem eigenen göttlichen Leben!
Liebe Schwestern und Brüder, wir sind in der Taufe mit dem Leben des dreifaltigen Gottes selbst ausgestattet worden. – Das müsste uns eigentlich bei jedem Nehmen des Weihwassers innerlich aufjubeln lassen!

Taufe ist Neuschöpfung

Das innere Geschehen der Taufe bleibt unsichtbar - äußerlich ändert sich nichts. Aber: in der Seele hat eine echte Neuschöpfung stattgefunden.
Deswegen wird durch äußere Zeichen, durch sichtbare Riten versucht, das für unsere Augen verborgene Geschehen zu verdeutlichen: Der Mensch ist vom Geschöpf zum Kind Gottes geworden. Er hat Anteil erhalten an der Würde Gottes selbst. Der neue Mensch wird deshalb gesalbt zum König - genauso wie der junge David in der Lesung:

„Der Getaufte ist zugleich Priester, weil er teilhat an der Aufgabe des Hohenpriesters Jesus Christus“

Im Alten Bund wurden die Könige, die Priester und die Prophten durch die Salbung in ihr Amt, in ihre Aufgabe eingesetzt. Das Einziehen des heiligen Salböls in den Leib des Gesalbten zeigte das Kommen des Geistes Gottes in diesen Menschen an. Nach der Salbung besitzt der Mensch daher eine neue Qualität, eine neue Würde. Er ist jetzt ein anderer als vorher, denn: der Geist, den Jesus Christus gesandt hat, der Geist Gottes ist dem Getauften verliehen. Er ist ein König, weil er Anteil hat am Königtum Jesu Christi. Der Getaufte ist zugleich Priester, weil er teilhat an der Aufgabe des Hohenpriesters Jesus Christus. Er ist Prophet, weil er, als Glied und Organ am Leib Christi, der Kirche, zum Zeugnis für Gott befähigt ist.

Ein anderer Christus

Der Getaufte ist ein anderer „Christus“. „Christos“ ist ja das griechische Wort für das hebr. „Messias“. Beides heißt „der Gesalbte“.
Der Getaufte ist ein vom Geist Jesu Gesalbter und Erfüllter: äußerlich ist zunächst wenig und bald gar nichts mehr vom Salböl zu sehen.
Aber sein Duft hält an: die Wirkung bleibt weiter spürbar.
So soll vom Leben des Christen die Gegenwart Gottes ausströmen. Sie soll spürbar werden in seiner Umgebung. Man soll ihn an seiner Art und Haltung erkennen, wie an einem guten Duftwasser.
Wenn er irgendwo ist, soll er eine Atmosphäre ausströmen, die wohltuend ist und die möglichst nach seinem Weggehen anhält.

„Das ist eine gute Frage für unsere abendliche Gewissenserforschung: Habe ich versucht, dort wo ich war, den Duft Gottes zu spürbar werden zu lassen? ---“

Das ist eine gute Frage für unsere abendliche Gewissenserforschung:
Habe ich versucht, dort wo ich war, den Duft Gottes zu spürbar werden zu lassen? --- Natürlich können wir das nicht aus eigener Kraft. Das steckt so nicht in uns. Aber wenn wir mit dem Potential, das uns in der Taufe gegeben ist, mitarbeiten, dann ist das möglich! Denn wir haben Möglichkeiten in uns hineingelegt bekommen, von denen wir uns keine Vorstellung machen. Jeder Christ besitzt eine königliche, priesterliche und prophetische Berufung und Würde.

So kann Papst Leo d. Gr. im 5. Jh. dazu aufrufen: "Christ [Gesalbter], erkenne deine Würde! Du bist der göttlichen Natur teilhaftig geworden ... lebe nicht unter deiner Würde!"
Was das bedeutet: dazu abschließend ganz konkret 3 Vorschläge:

Wo kann ich dienen?

1.) Christus ist König: Ein König, der seinem Volk dient - kein Despot oder Tyrann, der es ausnutzt und brutal knechtet.
"Ich bin gekommen, nicht um mich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen!"- sagt er. So sollen auch wir unser Königtum verstehen. Fragen wir uns also: wo kann ich heute, in der kommenden Woche einem anderen Menschen dienen? ----

Wo kann ich die Begegnung zwischen einem Menschen und Gott vermitteln?

2.) Christus ist Priester: das gemeinsame Priestertum aller Getauften und das besondere Priestertum der Weihe, das im Dienst am gemeinsamen steht, haben hier ihren Ursprung.
Als Priester ist Christus der Mittler, der Pontifex, d.h. der Brückenbauer zwischen Gott und den Menschen.
Für uns als Teilhabende an diesem Dienst, stellt sich damit die Frage:
Wo kann ich die Begegnung zwischen einem Menschen und Gott vermitteln? Wie kann ich dazu beitragen, daß eine andere Person wieder besser, tiefer zu Gott findet? -Vor allem, dass sie wieder betet?----

Wo kann ich Zeichen setzen, die andere aufmerken lassen?

3.) Christus ist der Prophet: d.h. er spricht als Zeuge und auch als Mahner Gottes: er spricht im Auftrag des Vaters zu uns und setzt, weil er der Sohn ist, noch größere Zeichen als die Propehten im AT: z.B. die Blindenheilung im heutigen Evangelium. 

Für uns heißt das:
Wo kann ich Zeichen setzen, die andere aufmerken lassen?
Die andere über den Glauben nachdenken und nach ihm fragen lassen?
z.B. durch meinen bewussten Verzicht auf etwas Gutes und Erlaubtes in der Fastenzeit.----

Wer versucht, auf diese Fragen praktisch zu antworten, der beweist von selbst, dass Auserwählung durch Gott nie den schlechten Geruch der Arroganz, sondern immer den guten Duft dankbaren Staunens hinterlässt. – Amen.

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

 

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14. März 2026, 10:50