Palmsonntag auf dem Petersplatz Palmsonntag auf dem Petersplatz  (VATICAN MEDIA Divisione Foto)

Unser Sonntag: Das bin ich Ihm wert

Vor dem Kreuz, so Markus Hofmann, müssten eigentlich jedem Menschen alle Minderwertigkeitskomplexe vergehen. Wenn ich mein eigenes Gesicht im Spiegel nicht ertragen kann, dann kann ich mir immer noch sagen – ja dann muss ich mir nach der Passion Jesu sagen: Gott aber liebt dieses Gesicht.

Dr. Markus Hofmann, Bonn

Palmsonntag 

Mt 21, 1–11

Liebe Schwestern und Brüder in Christus, zur Feier des heutigen Palmsonntags gehört seit alter Zeit die Palmprozession.

Sie ist schon Ende des 4. Jahrhunderts in Jerusalem bezeugt durch eine Pilgerin namens Egeria aus Gallien, also dem heutigen Frankreich.
Sie unternahm damals eine Wallfahrt ins Hl. Land und hat dann einen ausführlichen Bericht darüber verfasst. Diese feierliche Prozession vom Ölberg hinab ins Kidrontal und von dort wieder hinauf in die Stadt Jerusalem wurde bald darauf auch anderswo aufgegriffen.

Hier zum Nachhören

Später entwickelte sich der Brauch, eine Christusfigur auf einem hölzernen Esel, der auf Rädern montiert war, zum Mittelpunkt der Prozession zu machen.In einer ganzen Reihe süddeutscher Kirche findet man diesen sog. „Palmesel“ noch heute stehen. Bis in die 50-er Jahre wurden sie dort noch mitgeführt. Bei unseren Palmprozessionen führen wir meist keinen Palmesel mehr mit. Immerhin finden wir bei auch außerhalb Bayerns z.B. in Köln solche Christusfiguren z.B. im Schnütgen-Museum und im Kolumba-Museum.

Jesus ist der wahre König 

In allen vier Evangelien finden wir den Hinweis auf einen jungen Esel, dessen sich Jesus beim Einzug in Jerusalem bediente.
Uns mag dies heute eher belanglos erscheinen, aber für die jüdischen Zeitgenossen Jesu war dies, wie Papst Benedikt XVI. an mehreren Stellen seiner drei Jesus-Bücher hervorhebt, voll geheimnisvoller Bezüge.
Sie alle machen deutlich: Jesus ist der wahre König Israels und der König der ganzen Welt.

„Hier wird ein armer König angekündigt – einer, der nicht durch politische und militärische Macht herrscht“

Jesus nimmt mit der Nutzung des Esels das in der ganzen Antike bekannte Recht des Königs in Anspruch, bei Bedarf Transportmittel zu requirieren.
Verschiedene Stellen des AT klingen dabei an. Vor allem zwei Verse aus dem Buch des Propheten Sacharja. Die Evangelisten Matthäus und Johannes führen diese Stelle jeweils ausdrücklich an: „Sagt der Tochter Sion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und er reitet auf einer Eselin auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttieres.“ Hier wird ein armer König angekündigt – einer, der nicht durch politische und militärische Macht herrscht. Einer, der nicht auf einem Streitross oder auf einem Kriegswagen kommt – dem Panzer der Antike -, sondern ein König des Friedens, der den Kriegsbogen zerbricht. Das Wesen dieses Königs ist Demut, Sanftmut, Gott und den Menschen gegenüber. Er ist der Friedenskönig – und das ist er von der Macht Gottes her, nicht aus eigenem, menschlichem Vermögen.

Das Königtum Jesu ist universal

Ein zweiter Gedanke kommt hinzu: Das Königtum Jesu ist universal, es umfasst die ganze Erde. „Von Meer zu Meer“.
Es wird die Gestalt dessen sichtbar, der wirklich für alle Welt den Frieden gebracht hat, indem er auf alle Gewaltanwendung verzichtet und gelitten hat, bis er durch den Vater aus dem Leiden und dem Tod gerettet worden ist..
Dieser König baut sein Reich des Friedens weiter auf. Dieses Reich ist bis heute gewachsen – auf jedem Kontinent gibt es Bürger dieses Reiches.
Das weltumfassende Reich Christi finden wir überall dort, wo seine Lebens- und Liebeshingabe in der Feier der hl. Eucharistie vergegenwärtigt wird. –
In allen Kirchen des Erdkreises, wo heute das Evangelium vom Palmsonntag verkündet worden ist – da ist dieser Friedenskönig gegenwärtig.

„Hosanna – auch heute wird dieser Jubelrufe überall in den Feiern des Palmsonntags aufgegriffen“

Die Jünger legten damals ihre Kleider auf den Esel und sie hoben Jesus hinauf. Hier wird das Ritual der Erhebung zum König aufgegriffen.
Die Menschen riefen damals „Hosanna“ – auch heute wird dieser Jubelrufe überall in den Feiern des Palmsonntags aufgegriffen und in jeder hl. Messe erklingt er im Sanctus – unmittelbar bevor der demütige König der ganzen Welt in den demütigen Gestalten von Brot und Wein auf dem Altar gegenwärtig wird – und sein Reich weiter aufbaut.

„Hosanna schlägt um in "Kreuzige ihn"“

Ein dritter Gedanke:
Das Reich Christi ist allerdings noch nicht vollendet. – Der Friede ist noch nicht überall erreicht.
Wir wissen, wie die Hosanna-Rufe damals in Jerusalem rasch umschlugen in das „Kreuzige ihn“, wie wir in der Passion heute ebenfalls gehört haben.
Wenn wir die hl. Woche feiern, dann ist jeder einzelne von uns gefragt, ob sein Hosanna ehrlich gemeint oder nur ein Strohfeuer ist.

Jeder Christ wird die Stunde des Simon Petrus durchleben, wo er vor die Wahl gestellt ist, Jesus zu bekennen oder ihn zu verleugnen. Bitten wir Christus, den König des Friedens, dass er uns von seiner inneren Kraft gibt, damit wir ihm und seinem Weg der Wahrheit und der inneren Stärke treu bleiben. Dass wir ihn glaubwürdig bezeugen können – nicht nur in der Liturgie, sondern in unserem ganzen Leben.

„Im leidenden Jesus sehen wir, wie groß und wie ernst die Liebe Gottes uns gegenüber ist.“

Was heißt das konkret? – In der Liturgie des Palmsonntags feiern wir nicht nur den feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem, sondern mit der Passion wird uns auch das Leiden Jesu – und zweiter, schmerzlicher Weg durch Jerusalem vor Augen geführt – und wir vollziehen ihn liturgisch mit. In Jesus, diesem gequälten, von Wunden zerfetzten und zugleich doch so königlich souveränen Erlöser, der weder vor der brutalen Macht eines Pilatus kapituliert noch durch die verblendete Undankbarkeit seines eigenen Volkes in seiner Liebe gebrochen wird, im leidenden Jesus sehen wir, wie groß und wie ernst die Liebe Gottes uns gegenüber ist.

Im Angesicht des Gekreuzigten...

Manchmal sagen Menschen, die die Größe der gegenseitigen Liebe zueinander staunend erfahren und sie in ihrer Schönheit kaum aushalten können, dass diese Erfahrung geradezu weh tut. Und wir alle kennen Tränen der Freude, die zeigen, wie nahe manchmal Liebe und Schmerz liegen. Im blutenden und von den Schlägen geschwollenen Angesicht des Gekreuzigten, in seinen von Liebe und Schmerz gezeichneten Augen sehen wir, was wir Gott wert sind.

Das Ziel: Unsere Erlösung

Das ganze Unternehmen Gottes – wenn wir so sagen dürfen – von seiner Menschwerdung bis zu seinem Tod am Kreuz und bis zu seiner Auferstehung hat den einen – und nur diesen einen Sinn: Dem verlorenen Menschen, in dem das ursprüngliche Bild Gottes zerstört worden war, seine unermessliche Würde und seinen ungeheuren Wert wieder zu schenken und ihn dies wissen zu lassen.

Was muss ich Gott wert sein, liebe Schwestern und Brüder, wenn er einen solchen Einsatz für mich wagt! – Wie unfassbar kostbar muss ich ihm sein, wenn er einen solchen Preis für mich zahlt! --- Christus ist so tief hinabgestiegen in das Elend dieser Welt und sogar noch tiefer bis in das Reich des Todes, um Sie und mich in seiner Himmelfahrt mitzunehmen in die Höhe des Vaters – in die Herrlichkeit, in der seit Beginn der Schöpfung für jeden einzelnen von uns ein eigener, fester Platz vorgesehen ist.

„Vor dem Kreuz müssten eigentlich jedem Menschen alle Minderwertigkeitskomplexe vergehen.“

Vor dem Kreuz müssten eigentlich jedem Menschen alle Minderwertigkeitskomplexe vergehen. Wenn ich mein eigenes Gesicht im Spiegel nicht ertragen kann, dann kann ich mir immer noch sagen – ja dann muss ich mir nach der Passion Jesu sagen: Gott aber liebt dieses Gesicht – er hat seine Liebe und seine Zuneigung, seine Güte und sein Erbarmen für dieses Gesicht bis zum letzten Atemzug und bis zum allerletzten Blutstropfen aufrechterhalten.

Dafür ist er gestorben, dass mein Gesicht wieder hell und klar werden kann. Dass Gott mich liebt – und zwar bis zum Kreuz, das macht mich mir wert. Und das bewahrt mich davor, auf irgendeinen anderen Menschen – wer auch immer es sei - mit Verachtung herabzublicken. – Denn auch für dieses Gesicht ist Jesus am Kreuz gestorben. Amen.

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

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28. März 2026, 11:30