Die heilige Wiborada mit dem Bischof von St. Gallen. Stiftsbibliothek St.Gallen, Codex Sangallensis 602 Die heilige Wiborada mit dem Bischof von St. Gallen. Stiftsbibliothek St.Gallen, Codex Sangallensis 602 

Schweiz: Wiborada, die wiederentdeckte Heilige

Sie war die erste heiliggesprochene Frau der Christenheit: Wiborada von St. Gallen. In einer Zelle eingeschlossen, lebte sie als gottgeweihte Frau und Ratgeberin für andere. Vor wenigen Jahren erst wurde Wiborada in der Schweiz gleichsam wiederentdeckt. Sie starb am 2. Mai vor 1.100 Jahren – Anlass für ein großes Fest in St. Gallen.

Sich einschließen lassen auf eigenen Wunsch, in einer Zelle, die andockt an eine Kirche; beten, Eucharistie mitfeiern, aber auch frei sein für Gespräche und offen für Ratsuchende: Das ist in zwei Zeilen das Leben der Wiborada von St. Gallen, einer ungewöhnlichen Heiligen der Kirchengeschichte.

„Die Frau stammte aus einer adeligen Familie, wohl im heutigen Thurgau stammend“, erklärt im Gespräch mit uns die Schweizer Theologin und Seelsorgerin Hildegard Aepli, die diese lange vergessene Frauenfigur aus dem Mittelalter ans Licht geholt hat. „Sie ließ sich hier in St. Gallen einmauern und lebte dann fortan als sogenannte Inklusin während zehn Jahren und wurde hier in St. Gallen eine Stadtgröße als Beraterin, als Fürsprecherin, als Gesprächspartnerin.“ In alten Chroniken lässt sich nachlesen, wer alles zu dieser frommen Frau an ihre Klause kam. Es waren viele. „Überliefert ist auch, dass sie von den Mönchen des Klosters St. Gallen, von Äbten, Fürsten aufgesucht wurde bei wichtigen Fragen.“

Hier zum Hören:

Ein Fenster ihrer winzigen Zelle ging in die Kirche, ein anderes nach draußen – diese beiden Pole, Gott und Welt, bestimmten Wiboradas Zeit. Dass sich daraus auch für heutige Glaubende Inspiration ziehen lässt, davon war Hildegard Aepli bald überzeugt. Sie gab den Anstoß, Wiboradas Zelle in St. Gallen nachzubauen. In dieser Klause aus Holz neben der Kirche St. Mangen konnten sich seit 2021 Interessenten und Interessentinnen auf Zeit, für Tage oder eine Woche, einschließen lassen und dasselbe tun wie damals Wiborada: beten, nachdenken, Eucharistie mitfeiern, sich ansprechen lassen.

In der Wiborada-Zelle: Bischof Beat Grögli, als Besucherin: Hildegard Aepli
In der Wiborada-Zelle: Bischof Beat Grögli, als Besucherin: Hildegard Aepli

„...dass im Dasein, im Bleiben ein großer Wert liegt“

Einer, der das erst kürzlich tat, war der neue St. Galler Bischof Beat Grögli. „Ich habe durch dieses Wiborada-Projekt die Heilige Wiborada noch einmal neu entdeckt“, sagte uns der Bischof, der seit Juli 2025 im Amt ist. Die Heilige habe eine herausfordernde Existenzform gewählt. „Für mich war aber eindrücklich, wie ich selber in diesem sperrigen Lebensentwurf doch viel Kostbares eben entdecken konnte. Darin liegt auch eine Botschaft: Den Wert einer Lebensentscheidung neu entdecken, auch wenn mir das zuerst einmal fremd ist.“ Und noch eine weitere Einsicht hat der Bischof aus Wiboradas Zelle mitgenommen. „Ich glaube, dass diese Heilige für heute eine wichtige Botschaft hat: dass im Dasein, im Bleiben ein großer Wert liegt, gerade in einer Gesellschaft, wo wir immer schon wieder an einem anderen Ort sind.“

Wiborada als zeitgenössische Skulptur
Wiborada als zeitgenössische Skulptur

Ganz ähnlich sieht es Hildegard Aepli im Rückblick auf fünf Jahre Wiborada-Projekt. Die Heilige sei damals in ihrer Zeit für die Stadt und das Kloster Sankt Gallen einfach da gewesen. „Von niemand anderem in dieser Stadt wusste man, wer rund um die Uhr immer am selben Ort anzutreffen ist - und auch noch zugänglich. Über dieses Dasein an diesem Ort in dieser Lebensform, über das Fenster zur Welt und das Fenster nach innen, hat sie eine Spiritualität gelebt, von der wir sagen können: Sie lehnt sich an den ersten Namen von Gott an. Sie war die, die da ist.“

Das Martyrium der heiligen Wiborada. Stiftsbibliothek St.Gallen, Codex Sangallensis 602
Das Martyrium der heiligen Wiborada. Stiftsbibliothek St.Gallen, Codex Sangallensis 602

Wiboradas 1.100 Todestag: Großes Fest in St. Gallen

Wiborada warnte die Mönche von St. Gallen vor dem bevorstehenden Einfall der Hunnen. Die Benediktiner flohen mit ihren wertvollen Kultgegenständen. Die Inklusin selbst fand durch die Hunnen einen grausamen Tod. Sie starb als Märtyrerin am 2. Mai 926, vor 1.100 Jahren. Rund um Wiboradas Todestag ehren in und um St. Gallen viele Veranstaltungen diese ungewöhnliche und herausragende Christin, die vor so langer Zeit Gott und Welt in einer Zelle zusammenführte und 1047 als erste Frau im offiziellen römischen Verfahren heiliggesprochen wurde. Die nachgestaltete Wiborada-Zelle wird wieder abgebaut, doch die Erinnerung an die zurückgewonnene Stadtheilige bleibt.

(vatican news – gs)

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30. April 2026, 15:32