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Unser Sonntag: Jesu Blick

Jesus ist ein guter Beobachter, der die Not der Menschen sieht und handelt, so P. Johannes Lechner in dieser Betrachtung. Auch wir sind aufgefordert, den Blick nicht abzuwenden, sondern die „Weltsprache Mitgefühl“ zu nutzen.

P. Dr. Johannes Lechner, csj

Mt 9,36-38.10,1-8

Liebe Hörerinnen und Hörer,

Ich lebe im Zentrum von Rom, nahe der Piazza Navona. Sobald ich das Haus verlasse, bin ich mitten unter den Menschenmengen der überfüllten Straßen und Plätze der ewigen Stadt: große Gruppen und Einzelne, Feiernde und Stille, Pilger und Touristen, Menschen aus aller Welt, mit allen Sprachen und Kulturen.

Hier zum Nachhören

Ich gestehe, bei aller Schönheit und allem Reichtum der Begegnungen, bin ich manchmal mit diesen Menschenmassen überfordert, fühle mich in einer ersten Reaktion genervt und gereizt, besonders wenn ich im Stress bin und in den Straßen nicht vorankomme, aber pünktlich zu einem Termin erscheinen will. In diesen Situationen sehe ich die Menschen nicht wirklich, gehe ihnen aus dem Weg wie Hindernisse in einem Parcours, schaue weg, vermeide Blickkontakt.

„Und wenn ich dann den Schritt verlangsame und aufmerksam bin, sehe ich, wie viele der Menschen einen einfachen Blickkontakt mit mir suchen, ein Lächeln, ein Wohlwollen“

Doch in einem zweiten Moment frage ich mich dann oft: Wer sind diese Menschen? Warum kommen sie hierher nach Rom? Was suchen sie? Was bewegt sie? Woran tragen sie schwer? Wie geht es ihnen wohl wirklich? Und wenn ich dann den Schritt verlangsame und aufmerksam bin, sehe ich, wie viele der Menschen einen einfachen Blickkontakt mit mir suchen, ein Lächeln, ein Wohlwollen. Und ich frage mich selbst: Wie siehst du sie an?
Es gibt Blicke die sind liebevoll und ermutigend. Es gibt Blicke, die anklagend und verachtend sind. Es ist wohltuend, wenn man sehr müde ist oder gerade einen schweren Tag hatte, wenn es jemand sieht und auf unsere Situation eingeht, unsere Bedürfnisse erkennt und so gut es geht stillt.

Jesus ist ein aufmerksamer Beobachter...

Das Erste, was im heutigen Evangelium auffällt, ist der Blick Jesu und seine Reaktion auf das, was er sieht. Jesus ist ein sehr guter und aufmerksamer Beobachter: „Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Es beginnt alles mit einem Blick. Sein Blick sieht nicht nur das Äußere, sondern sieht das Herz des Menschen. Sein Blick ist liebevoll und wohlwollend:

...er sieht das Ringen und die Sehnsucht

Er sieht nicht zuerst die Fehler, sondern das Ringen und die Sehnsucht. Um die Tiefe dieses Blicks zu verstehen, müssen wir bis zum Buch Genesis zurückgehen, bis zu jenem Moment, da Gott nach der Erschaffung des Menschen als "Mann und Frau" sah, dass "alles ... sehr gut war" (Gen 1,31). Dieser allererste Blick des Schöpfers findet sich im Blick Christi wieder. Daher hat er so eine Kraft der Zuwendung, der Wahrheit und der Verwandlungskraft.

„Jesus sieht → wird innerlich bewegt → handelt.“

Was er sieht, das bewegt ihn. Jesus sieht den Menschen mit Güte und Zuwendung, nicht mit Distanz oder Härte. Jesus wurde von Mitleid bewegt. Das im griechischen Text verwendete Wort σπλαγχνίζομαι splagchnizomai kommt von splanchná, ‚die inneren Organe‘, besonders das Herz, die Lunge, die Leber und die Nieren. Splagchnon heißt wörtlich: „es bewegen sich die Eingeweide“, jemand empfindet tiefes Mitgefühl und wird innerlich bewegt. In den synoptischen Evangelien ist dieses Verb fast ausschließlich mit dem Wirken Jesu verbunden. Das durchgehende Muster lautet: Jesus sieht → wird innerlich bewegt → handelt. Es ist eine vom Geist gewirkte Regung, bei der sein ganzes inneres Wesen zu barmherzigem Handeln bewegt wird. Das Mitleid Jesu ist daher nicht bloß Gefühl, sondern die menschgewordene Offenbarung der bundestreuen Barmherzigkeit Gottes (Exodus 34,6).

Die geistliche Not der Menschenmengen

Der Grund seines Mitleids: Er sieht, dass die Menschen müde und erschöpft sind, wie Schafe, die keinen Hirten haben. Auch hier lohnt sich der Rückgriff auf die Nuancen der griechischen Begriffe: ἐσκυλμένοι καὶ ἐρριμμένοι (eskylmenoi kai errimmenoi).
Das Wort für „müde" – eskylmenoi – kommt von skýllō (von skylon, „Haut, Fell") und bedeutet ursprünglich: jemanden häuten, „die Haut abziehen". Im übertragenen Sinn: bedrängen, hart zusetzen, belästigen oder zermürben. Das Verb zeichnet ein sehr eindrückliches Bild einer Erfahrung des Gequältseins, Bedrängtwerdens und inneren Zermürbtseins.

Müde und erschöpft

Das Wort beschreibt sowohl die geistliche Not der Menschenmengen als auch die konkrete Belastung und Bedrängnis ihres Lebens. Das Bild erinnert an Schafe, deren schützendes Fell gewaltsam abgerissen wurde – schutzlos, verwundet, ausgeliefert.
Das zweite Wort „erschöpft - Errimmenoi kommt von rhiptō und heißt „niederwerfen", „zu Boden werfen". Es beschreibt Erschöpfung, Überforderung, ein Leben unter Lasten, die einen „zu Boden schleudern". Die Menschen erscheinen wie hingeworfen unter der Last des Lebens, innerlich entmutigt und ausgelaugt. „Müde und erschöpft“ zeichnet das doppelte Bild von äußerer Bedrängnis und innerer Erschöpfung.

Heute Burnout und Einsamkeit 

Wie ein Schaf ohne Fell. Dieser verletzte Zustand ist auch die Konsequenz einer mangelhaften geistlichen Führung (Schafe ohne Hirten). Jesus begegnet genau dieser Situation mit seinem Erbarmen. Er bestätigt die reale Not des Menschen, nimmt die Last ernst. Die Aussendung der Jünger ist die Antwort auf diese Not der Orientierungslosigkeit und Entmutigung. Sie sollen das Mitleid Jesu erfahrbar machen. Die Diagnose Jesu ist auch heute im digitalen Zeitalter gültig. Die Erfahrung des Niedergeworfenseins ist nicht verschwunden. Sie trägt heute andere Namen: Burnout, Einsamkeit, das Gefühl, für niemand zu zählen. Aber die Frage bleibt dieselbe wie damals: Wer sieht es? Wer lässt sich davon bewegen?

Das Zeugnis von André Heller

Der österreichische Künstler André Heller gab bei einer Rede ein ehrliches Zeugnis. Er gestand:
Ich zitiere wörtlich: „Ich dachte Jahrzehnte lang, ich wäre etwas Besseres als andere. Klüger, begabter, amüsanter, zum Hochmut berechtigt. Ich war arrogant, selbstverliebt, ständig andere bewertend und es tat mir nicht gut, bis ich eines Tages in einem Wagon der Londoner U-Bahn um mich schaute. Da saßen und standen unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichster Hautfarbe und ich hörte unterschiedlichste Sprachen:

„Unsere wirkliche Muttersprache, die Weltmuttersprache ist und sollte das Mitgefühl sein“

In einer Art von Blitzschlag in mein Bewusstsein, erkannte ich, dass jede und jeder von diesen Frauen und Männern, alten und jungen, hoffnungsfrohen und verzweifelten, auch ich selbst bin und nicht Deutsch, Englisch, Russisch, Chinesisch, Spanisch, Arabisch oder Swahili unsere wirkliche Muttersprache ist, sondern die Weltmuttersprache ist und sollte das Mitgefühl sein. Es ermöglicht uns in jedem anderen, uns selbst zu erkennen und mit ihm innigst und liebevoll verbunden zu sein und diese Erkenntnis in weiterer Folge in all unseren Gedanken und Taten zu berücksichtigen“.

Den anderen wirklich sehen!

Jesus sendet seine Jünger nicht mit einem Programm – er sendet sie mit diesem Blick. „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein" (Mt 10,8). Wer den Menschen so anschaut wie Jesus, der kann nicht gleichgültig bleiben. Die Sendung beginnt mit einer Haltung: dem Blick, der wahrnimmt, der nicht ausweicht, der die Last des anderen erkennt und ernst nimmt. Das ist der Auftrag, den Jesus auch uns heute mitgibt. Jeder und jede, denen wir heute begegnen, könnten darauf warten, dass ihn jemand wirklich sieht.

„Schau hin. Lass dich bewegen. Handle“

Wir können die Armut in der Welt nicht lösen. Aber wir können Mitgefühl haben. „Die Weltmuttersprache: Mitgefühl." Jesus spricht diese Sprache. Bei ihm können wir sie erlernen. Es ist die Sendung der Jünger Jesu, Mitgefühl in dieser Welt erfahrbar zu machen und so zu Jesus, dem guten Hirten, zu führen. Am Anfang habe ich mich gefragt: Wie siehst du die Menschen auf den Straßen Roms an? Es ist nicht nur meine persönliche Gewissenserforschung. Es ist die Frage des Evangeliums an uns alle. Jesus hat sie beantwortet – mit seinem Blick, mit seinem Erbarmen, mit seiner Sendung. Und er lädt uns ein, dieselbe Antwort zu leben: Schau hin. Lass dich bewegen. Handle.


Wie der heilige Bischof Ambrosius sagte: „Omnia Christus est nobis“.
„Christus ist alles für uns:
Wenn du eine Wunde heilen willst, ist er der Arzt;
wenn du von Fieber verzehrt wirst, ist er die Quelle;
wenn du unter der Ungerechtigkeit leidest, ist er die Gerechtigkeit;
wenn du Hilfe brauchst, ist er die Kraft;
wenn du den Tod fürchtest, ist er das Leben;
wenn du den Himmel suchst, ist er der Weg;
wenn du in der Finsternis bist, ist er das Licht.
Kostet und seht, wie gut der Herr ist:
selig der Mensch, der auf ihn vertraut!“
(vgl. De Virginitate 16, 99)

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

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13. Juni 2026, 10:33