Die Berufung des Matthäus, Caravaggio, San Luigi dei Francesi,  Rom Die Berufung des Matthäus, Caravaggio, San Luigi dei Francesi, Rom  (Diego Fiore, All rights reserved)

Unser Sonntag: Gott und Mensch an einem Tisch

P. Johannes Lechner verdeutlicht, dass der heilige Gott zum heilenden Begleiter wird, der nicht verurteilt, sondern rettet, heilt, und zu einem neuen göttlichen Leben beruft. Diese Offenbarung geschieht im Teilen unseres alltäglichen Lebens, im gemeinsamen Essen und Unterwegssein.

P. Johannes Lechner

10. Sonntag im Jahreskreis: Mt 9,9-13

In der Berufung des Zöllners Matthäus zeigt sich die Nähe und Menschenfreundlichkeit Gottes, die aus dem Geheimnis der Inkarnation hervorgeht. Jesus ruft ihn vom Zoll in seine Nachfolge und Matthäus folgt ihm ohne Zögern. Sein erster Akt der Nachfolge besteht darin, dass er Jesus freudig Gastfreundschaft gewährt, in sein Haus aufnimmt und so seine Welt mit ihm teilt. Er bereitet ihm ein Festmahl. Und viele seiner Freunde und Arbeitskollegen kommen dazu: „Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern“.

Hier zum Nachhören

In seiner Menschwerdung ist er in allem den Menschen gleich geworden - außer der Sünde. „Sein Leben war das eines Menschen“ (Phil 2,7). Seine konkrete menschliche Lebensform bringt das Mysterium der Inkarnation zum Ausdruck. Der hl. Thomas von Aquin sagt: „Christus ist gekommen, um uns die Wahrheit zu manifestieren, uns von der Sünde zu befreien und uns einen Zugang zu Gott zu eröffnen“. Seine Lebensführung ist kein Zufall, sondern Ausdruck seiner Sendung. Sie entspricht seiner Offenbarungstätigkeit und seiner Heilsmission.

„Die Evangelien zeigen uns in der Lebensweise Jesu eine erstaunliche Beziehungsfähigkeit im Umgang mit Menschen“

Die Evangelien zeigen uns in der Lebensweise Jesu eine erstaunliche Beziehungsfähigkeit im Umgang mit Menschen – eine Offenheit die über enge menschliche und auch rituell-religiösen Kategorien hinausgeht. Denn es geht ihm um den Menschen. In Christus bleibt Gott nicht auf Distanz, sondern kommt uns nahe, zeigt sich im Mitsein. Jesus lebt als Wanderprediger, geht auf die Menschen zu gleich einem Hirten, der sich um seine Schafe kümmert, oder wie ein Arzt, der sich den Kranken zuwendet.

Jesus ist zugänglich

Er pflegt einen vertrauensvollen Umgang mit den Menschen. Er ist zugänglich, scheut sich nicht, in ihre Häuser zu gehen und mit ihnen Tischgemeinschaft zu halten. In dieser Einfachheit und Vertrautheit wird etwas Entscheidendes sichtbar: Der unsichtbare Gott offenbart sich als menschenfreundlicher Lehrer, als Weggefährte und Tischgenosse. In Gespräch, im gegenseitigen Dienen und in freundschaftlicher Nähe zeigt er seine gott-menschliche Zuwendung.

Seine Heiligkeit wirkt ansteckend

Die Frage der Pharisäer an die Jünger: „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?“ hat einen anklagenden Ton. Wenn man das Anklagende herausfiltert, ist die Frage durchaus berechtigt und erhellend. Das Sprichwort sagt: Sag mir mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist. Es ist hier nicht so, dass sich Gleich zu Gleich gesellt, oder der Heilige sich von der Sünde kontaminieren lässt und seine Heiligkeit verliert. Er wird durch den Kontakt mit Sündern nicht angesteckt – sondern seine Heiligkeit wirkt ansteckend und richtet das Gefallene auf. Darum antwortet Jesus selbst: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“.

„Das gemeinsame Essen Jesu mit den Zöllnern und Sündern ist daher mehr als eine soziale Geste. Es hat eine tiefe Offenbarungsbedeutung“

Das gemeinsame Essen Jesu mit den Zöllnern und Sündern ist daher mehr als eine soziale Geste. Es hat eine tiefe Offenbarungsbedeutung. Es ist die konkrete Manifestation der göttlichen Liebe und Barmherzigkeit durch Jesus. Wie der Prophet Baruch über die Inkarnation prophezeite: „[Die Weisheit] erschien auf der Erde und lebte mit den Menschen“ (Bar 3,38). Jesus geht auf unseren Wegen, er sitzt an unseren Tischen, er berührt die Kranken, er spricht mit den Ausgestoßenen, er bleibt stehen bei denen, an denen andere vorbeigehen.

„Gott wird zum heilenden Begleiter, der nicht verurteilt, sondern rettet, heilt, und zu einem neuen göttlichen Leben beruft“

Er bleibt nicht auf Abstand. Er bleibt nicht außerhalb. Er entsetzt sich nicht über die Schwächen der Menschen. Er tritt ein in unsere Lebensgeschichte. Als Mensch unter Menschen wird Gott sichtbar, wird Gott zugänglich; der heilige Gott wird zum heilenden Begleiter, der nicht verurteilt, sondern rettet, heilt, und zu einem neuen göttlichen Leben beruft. Diese Offenbarung geschieht im Teilen unseres alltäglichen Lebens, im gemeinsamen Essen und Unterwegssein. Gott und Mensch an einem Tisch. Die göttliche Liebe nimmt die Gestalt der Freundschaft an, mit einer sanften, gewinnenden Art. Ich kann mit ihm reden wie mit einem Freund, obwohl er doch der Herr ist.

Was ergibt sich daraus für uns?

a. Zunächst: die Einladung zur Gemeinschaft mit Christus selbst. Im Buch der Offenbarung 3,20 heißt es: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn einer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten und Mahl mit ihm halten und er mit mir“. Die Initiative geht von ihm aus. Das Mahl ist ein geheimnisvolles Mahl im Geist, das er mit mir halten will. Der Tisch ist schon gedeckt und er bringt alles mit: Licht für unseren Verstand, Liebe für unser Herz, Kraft für unser Handeln, Heilung für unsere Wunden. Und doch ist diese Mahlgemeinschaft nicht einseitig. „Ich mit ihm und er mit mir“ – das ist die Sprache des Bundes, der Freundschaft. Der Austausch ist gegenseitig.

Verweilen bei einem Freund

Seine Nähe zu uns hört mit der Auferstehung und Himmelfahrt nicht auf, sondern nimmt eine neue, innere Gestalt an, in Glaube, Hoffnung und Liebe. Die hl. Theresia von Avila sagt: „Inneres Beten ist Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt“.


Fragen wir uns: Nehmen wir uns die Zeit, um diese Freundschaft mit Christus zu pflegen? Was bringe ich zu diesem Mahl mit?

b. Zweitens folgt daraus: Der Lebensstil Christi wird zum Maßstab für uns. In einer Welt der Distanz und Individualisierung sind wir in der Nachfolge Christi gerufen, Nähe zu leben – echte, konkrete Nähe.
Papst Leo XIV. ermutigt uns dazu in seiner Enzyklika MAGNIFICA HUMANITAS (Nr. 239), wörtlich: „Pflegen wir Beziehungen! In einer Zeit, die zu Beschleunigung und Fragmentierung neigt, verlangt der menschliche Körper weiterhin nach Fürsorge und Anerkennung durch Hände, die zu Zärtlichkeit fähig sind, durch aufmerksame Menschen und durch freundliche Worte.

„Papst Leo: dennoch bewahrt das menschliche Herz ein unverzichtbares Bedürfnis nach Nähe“

Die digitale Kultur vervielfacht Verbindungen und bietet neue Möglichkeiten der Begegnung; dennoch bewahrt das menschliche Herz ein unverzichtbares Bedürfnis nach Nähe. Ich lade dazu ein, an Orten und Zeiten festzuhalten, wo die physische Anwesenheit zählt: am gemeinsamen Tisch, an der christlichen Gemeinschaft, die sich versammelt, am Besuch bei einsamen Menschen und am Dienst an den Armen“.
Fragen wir uns: Wen lade ich ein? Wo setze ich mich an den Tisch? Wem zeige ich Nähe? Das Evangelium lädt uns ein: in Freundschaft mit Christus zu leben – und den Menschen nahe zu sein.

(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)

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06. Juni 2026, 11:12