Prof. Obiora Ike Prof. Obiora Ike  (Claudia Kaminski)

Obiora Ike: „Das Reich Gottes ist mitten unter uns – jetzt“

Prof. Obiora Ike feierte im April 40 Jahre CIDJAP, eine von ihm gegründete Bildungseinrichtung, 45 Jahre Priesterweihe - und auch noch einen runden Geburtstag. Er gehört zu den bekanntesten katholischen Stimmen Afrikas: Priester, Sozialethiker, Friedensstifter, Universitätsdozent und Brückenbauer zwischen Kontinenten und Kulturen.

Claudia Kaminski - Vatikanstadt

Prof. Obiora Ike hat über Jahrzehnte die katholische Soziallehre in Afrika geprägt, Entwicklungsprojekte aufgebaut, den christlich-muslimischen Dialog gefördert und Generationen von jungen Menschen begleitet.

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Anlässlich seines 70. Geburtstags spricht er mit Radio Vatikan über prägende Erfahrungen seines Lebens, seine Berufung, die Herausforderungen Nigerias und die Hoffnung, die ihn bis heute trägt.

Herr Professor Ike, wenn Sie auf 70 Lebensjahre zurückblicken: Gab es entscheidende Wendepunkte in Ihrem Leben?

Solche Fragen sind gut – aber manchmal fehlen darauf einfache Antworten. Welches ist der entscheidende Moment eines Lebens? Für mich ist jeder Tag entscheidend. Wenn ich auf 70 Jahre zurückblicke, sehe ich viele Erfahrungen: meine Kindheit während des Biafra-Krieges, die Jahre im Priesterseminar, das Studium in Nigeria, Österreich, Deutschland, England und Frankreich, die vielen Begegnungen und Aufgaben meines Lebens.

...anlässlich der Geburtstagsfeier
...anlässlich der Geburtstagsfeier

Wo soll man beginnen? Bei der Kindheit? Beim Priesterseminar? Beim Studium der Philosophie und Theologie? Bei den Jahren im Ausland?

Ich glaube nicht, dass es den einen entscheidenden Augenblick gibt. Entscheidend ist vielmehr jeder einzelne Tag. Jeder Tag ist eine neue Berufung, eine neue Chance, Gottes Wirken zu erkennen. Deshalb lebe ich gerne in der Gegenwart, im Jetzt. Jesus sagt: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“

Nicht morgen. Nicht gestern. Jetzt.

War Ihre Berufung zum Priestertum ein solcher Schlüsselmoment?

Die Berufung beginnt nicht erst an einem bestimmten Tag. Der Prophet Jeremia sagt: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich erwählt.“

Wenn man mich fragt, wann ich berufen wurde, kann ich darauf keine genaue Antwort geben. Gott hat seinen eigenen Weg mit jedem Menschen.

Warum bin ich Priester geworden? Ich weiß es letztlich nicht. Ich kann nur sagen: Gott hat die Türen geöffnet, und ich durfte hindurchgehen. Das Leben selbst ist Gnade. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Gnade anzunehmen. Und genau das versuche ich zu tun.

Wer hat Sie auf diesem Weg besonders geprägt?

Es gab viele Menschen, die für mich zu Wegweisern geworden sind.An erster Stelle denke ich an meinen verstorbenen Bischof Michael. Er war ein zutiefst spiritueller Mensch. Er hat seine Priester und seine Diözese nicht durch große Worte geführt, sondern durch das Zeugnis seines Lebens. Viele Menschen reden viel. Bei ihm konnte man sehen, was er glaubte.

Ein weiterer wichtiger Mensch war mein Vater. Er war ein lebensfroher Mensch. Er sprach mit uns Kindern über unsere Träume und Zukunftspläne. Er fragte uns: „Was möchtest du einmal werden?“ Als ich sagte, ich wolle Priester werden, freute er sich darüber. Er gab uns das Gefühl, dass unsere Berufung wertvoll ist und dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden darf. Und schließlich denke ich an meinen Regens im Knabenseminar, in Nigeria, Monsignore Emmanuel. Er begleitete uns Jungen wie ein Vater und schenkte uns Orientierung in einer wichtigen Lebensphase. Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich viele solcher Menschen. Sie waren Lichter auf meinem Weg.

Was hat Ihnen all die Jahre Kraft gegeben?

Die Eucharistie. Die Feier der Heiligen Messe ist für mich Quelle der Kraft und der Erneuerung. In der Eucharistie begegnen wir Christus. Sie ist Gebet, Mahl, Meditation, Opfer und Gemeinschaft zugleich. Es ist eine Begegnung mit Gott. Jedes Mal, wenn ich die Heilige Messe feiere, gehe ich gestärkt daraus hervor. Dort erfahre ich immer wieder neu, dass Gott mit uns ist. Das ist die Quelle meiner Hoffnung und meiner Energie.

Wie hat sich die Arbeit bei CIDJAP entwickelt - es besteht seit 40 Jahren - welche anderen Probleme gibt es heute als vor 40 Jahren?

Sogar der Name "Katholisches Institut für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden" ist ausgedacht, diskutiert und empfohlen - sitzend im Auto mit meinem Lehrer Lothar Groß zwischen Bonn und Odenwald. Bei der Hinfahrt durch die Wälder, unterwegs für ein Wochenende im Odenwald wo er einen Fischteich und eine kleine Hütte hat - Dann hat er gefragt: Was möchtest du machen, wenn du wieder in Nigeria bist? Ich möchte ein Institut gründen. Und er und ich haben gemeinsam den Namen ausgewählt. Das Institut ist eine „unterwegs in Deutschland geprägte Erfahrung und Gründung.

Damals gab es mehr Mut. Man hat Träume gehabt und hat es durchgeführt. Heute hören wir nur Migration usw und nur Motzerei. Und damals gab es so viel Potenzial. Menschen wollten etwas erreichen. Heutzutage ist es das Gegenteil. Menschen sagen Nein, nein, ich kann nicht. Ich möchte nicht. Ich setze Grenzen. Ich verstecke mich. Ich gebe nicht ab.

Die Herausforderungen sind immer verschieden. Aber CIDJAP hat jede Herausforderung zehn Jahre im Voraus gesehen, zum Beispiel mit Blick auf Kirchenverfolgung in Nigeria oder Gefängnisseelsorge, oder die Bekämpfung der Todesstrafe. Wo wir damals begonnen haben, die Gefängnisseelsorge in Nigeria zu organisieren. Ich bin der Gründer der katholischen Gefängnisseelsorge in Nigeria. Es gibt im Vergleich zwischen damals und heute verschiedene Probleme.  Trotzdem sind die Probleme Menschen-Probleme. Der Schauplatz an sich hat gewechselt aber die Probleme sind die gleichen: Armut, Unwissenheit, Mangel an seelischem Wohl - und dann Krieg und Hass und Mangel an Liebe.

Da sind die gleichen Probleme, bleibende Probleme, wo heute CIDJAP das ein bisschen leichter macht, dass wir nicht total neue Probleme haben, sondern menschliche Probleme mit menschlicher Antwort, mit Gottes Gnade.

Gibt es ein bestimmtes Beispiel, ein persönliches oder auch wo Gemeinschaft wirklich profitiert hat, von CIDJAP?

Durch Cidjap sie haben eine Menge – da würde ich nicht das Wort profitiert verwenden. Sie haben eine Menge gewonnen, gewonnen in menschlichen Beziehungen, in institutionellen Beziehungen, in Aufbau und Austauschprogrammen. Und es gibt nicht ein Beispiel, nicht 100, nicht 200. Das sind unzählige und auch Bücher, die geschrieben sind, die das Potenzial erlebt haben durch die internationale, interkulturelle und menschliche Kommunikation in den letzten Jahren gewonnen haben.

Jetzt gibt es in Nigeria weiter schwierige Herausforderungen. Da habe ich schon einige genannt: Ungleichheit, Korruption und Unsicherheit. Was sind die Ursachen? Da hat sich in den letzten 40 Jahren nicht so viel geändert.

Die Ursachen von Ungleichheit, Korruption und Unsicherheit all diese Ursachen liegen heute wie damals im Alten Testament: Sünde, der abtrünnige Mensch damals und heute. Dass die Kinder von Adam sich selbst gegenseitig „abschlachten“: Kain, wo ist dein Bruder Abel? Bin ich der Hüter meines Bruders? Das war die Antwort an Gott. Menschen damals. Menschen heute. Menschen in der Zukunft lernen nie. Man möchte Gott nicht gehorchen. Man möchte Eltern nicht gehorchen. Man möchte Gemeinwohl nicht respektieren. Man möchte Umwelt abholzen. Man möchte nur für sich alleine leben. Und das ist nicht möglich. Insofern, als wir nicht offen sind und ruhig den Willen Gottes akzeptieren. Und das heißt Gott anerkennen, Gott verehren, Gott dienen, Gott lieben, Gott schätzen. Solange wir das nicht machen, wird die Kirche auch nicht ihre Aufgabe erfüllen. Die Kirche muss durch Lehre, die Sakramente und durch Heilung leiten. Wenn die Kirche das nicht tut oder tun will, die Menschen nicht kommen, dann gibt es eine Lücke. Gerade, was ich in westlichen Gesellschaften sehe. Ja, in Afrika wäre das noch nicht so viel, denn da ist noch eine junge, frische Kirche, da ist noch eine pulsierende Kirche. Die Leute gehen gerne zum Gottesdienst.

Das wollte ich ansprechen - es fällt hier gerade bei den Gottesdiensten auf, dass die Jugend mit Begeisterung dabei ist. Man sieht viele frohe, glückliche und wirklich erfüllte Gesichter bei den Jugendlichen. Wie kommt es, dass die Kirche hier so bei den Jugendlichen ankommt und die Kirchen in Europa eher leer sind? In Deutschland, Österreich, Schweiz gibt es kaum noch junge Leute, die in die Kirche gehen. Was muss geschehen, um sie wieder in die Kirche zu bringen? 

Es gibt keine monolithische Antwort. Es ist eine differenzierte Frage. Ich habe auch so viele junge Menschen in europäischen Kirchen gesehen. Ich denke an ADORAY in der Schweiz, wo so viele Menschen die ganze Nacht beten. Ich habe auch noch neue Formen des geistlichen Lebens in Europa gefunden – Taize zum Beispiel. Aber das mit Afrika ist die Einheit von Kultur und von Leib und Seele. In Europa hat man durch die Sprache, durch die kulturelle Denkart eine - man könnte sagen eine Spaltung der Gesellschaft.

Der Priester ist Seelsorger, der Arzt ist Leibsorger! In Nigeria und in afrikanischen Ländern haben wir das nicht: Einer passt auf die Seele auf, einer passt auf den Leib auf – man denkt ganzheitlich. Europa hat durch die Philosophie von Platon eine dualistische Weltanschauung: Geist und Leben. Afrika ist Geist und Leben: der gleiche Mensch. In Afrika sind Erde und Himmel immer noch verbunden. Afrikanische Weltanschauung hat uns, was Religion angeht, besser positioniert.

Man kann nicht sagen: Ich glaube nicht. Der Mensch ist ein glaubendes Wesen. Man kann nicht sagen Ich gehöre nicht zu Gott. Das ist eine Dummheit. Aber in Europa hat man gemeint: Ich lebe autonom – Ich kann das tun, was ich will. Aber das sind Sklaven. Sklaven der Freiheit – aber da wird Freiheit missbraucht. Hinzukommt: Ein voller Bauch studiert nicht gern. Ich habe viel gegessen. Ich habe alles leer im Herzen. Leer in der Seele. Das andere ist Stolz: Ich weiß alles. Wo ist Gott? Zeig mir Gott. Ich muss alles messen.

Ein kleiner, winziger Mensch möchte Gott spielen. Nur weil er Technik entwickelt hat. Die afrikanische Weltanschauung hat uns gelehrt - das Christentum hat es ein bisschen vertieft - aber die afrikanische Weltanschauung hat uns gelehrt: Du kannst nicht Mensch sein ohne deinen Leib. Deine Seele und dein Geist übernehmen das zusammen.

Sie sind bekannt als starker Fürsprecher für Gerechtigkeit und Frieden. Hat Sie das jemals persönlich etwas gekostet?

Wenn jemand für Gerechtigkeit kämpft, muss man jeden Tag etwas bezahlen dafür. Wenn du für die Wahrheit eintrittst wie Jesus, dann musst du jeden Tag die Wahrheit sagen und wahrhaftig auch leben. Es kostet uns alle: Die Christen sind etwas und das ist auch die Lehre Jesu. Wer mir nachfolgen will, der nehme zuerst sein Kreuz und folge mir nach. Es ist ein Kreuz für die ersten Monate. Es ist ein Kreuz täglich. Es kostet uns etwas, jeden Tag Jesus Christus nachzufolgen. Ich sehe das in der notwendigen Disziplin, was wir alle brauchen. In der Tatsache, dass wir so viel Essen haben, sagen Nein, ich möchte verzichten. Dass man sagt, ich werde ein bisschen ruhiger sein. Diese Möglichkeit, was wir als Menschen haben, dem Kreuz zu begegnen, das Kreuz anzunehmen, im Kreuz unsere Zukunft zu sehen, durch das Kreuz, unser Leben zu gewinnen, wie die Osterlesungen uns zeigen, das ist etwas Afrikanisches, was Europa von Afrika lernen kann und muss.

Gibt es eine unvollendete Arbeit, die dich antreibt?

Das Evangelium Jesu treibt uns an. Das Evangelium Jesu wie nie erschöpft, solange Menschen hier auf Erden sind. Das treibt uns an. Das treibt mich an, jeden Tag neu zu predigen, neu zu formulieren, neu zu beten, neu am Mahl zu sein, am Tisch des Herrn. Jeden Tag neu. Und das nicht für einen Tag, sondern jeden Tag. Man hat immer noch eine Chance, an der Evangelisierung der Welt Jesu dabei zu sein, mitzumachen. Und daraus kommt unser Heil.

Was gibt Ihnen Hoffnung, wenn Sie an die Zukunft Nigerias und Afrikas denken?

Jesus ist der Grund unserer Hoffnung. Wenn man Jesus hat, dann kann man nie aufgeben. In Jesus Christus sehen wir den Grund der Hoffnung. Unsere Hoffnung ist nicht leer. Er sagt und tut, was er sagt. Wer mir nachfolgt, den werde ich nicht abweisen, ist seine Botschaft.

Gibt es noch eine Botschaft, die Sie uns mitgeben möchten? Für die Kirche, für Nigeria, für die Welt?

Für Nigeria gibt es bestimmt eine Botschaft:  Wir sind noch ein Land in Zersplitterung Christen, Moslems und Nomaden, Bauern, Zivilisation, fortschreitende Menschen, rückständige Menschen. Wir brauchen die goldene Mitte. Wir möchten uns gegenseitig ergänzen, gegenseitig begegnen und gegenseitig als Menschen feiern. Das ist nicht leicht, aber das treibt mich an! Das war daran, immer weiterhin zu arbeiten.

Und ein Letztes:

Es bleiben nur noch den Zuhörer und Zuhörerinnen, den Geist Gottes die Gnade Gottes in dieser Zeit aus Nigeria zu wünschen, dass sie, egal wo sie sind, die Spur von der Inspiration, von der Gnade Gottes, dass er uns frei gibt, ohne dass wir dafür bezahlen, dass wir diese Spur erfahren und integrieren in unserem Leben.

Im Oktober wird Prof. Ike seinen Geburtstag auch noch in Europa feiern. 

(vaticannews - ck)

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03. Juli 2026, 16:55