Erzbischof Marcel Lefebvre, Gründer der FSSPX Erzbischof Marcel Lefebvre, Gründer der FSSPX  (© Fotocollectie Elsevier Nationaal Archief)

Kirchenhistoriker über Schismen in der Kirchengeschichte

Nach Bischofsweihen gegen den Willen des Papstes gelten die Piusbrüder nach Feststellung des Heiligen Stuhls als schismatisch. Eine schwerwiegende Situation, aber nicht die erste dieser Art, sagte der deutsche Kirchenhistoriker Klaus Unterburger. Das Kölner Domradio hat mit ihm gesprochen.

DOMRADIO.DE: Das erste und wahrscheinlich bedeutendste Schisma, also eine Kirchenspaltung, erlebte die Kirche vor fast 1000 Jahren, im Jahr 1054, als sich die orthodoxe und die katholische Kirche voneinander trennten. Was war das für eine Situation? Ging es damals um Fragen des Kirchenverständnisses oder mehr um Politik? 

Prof. Dr. Klaus Unterburger (Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München): Das war eine Situation, in der alles zusammengeflossen ist. Da ging es um unterschiedliche politische Konzepte, aber auch sehr stark um das Kirchenverständnis. Der Papst und die päpstliche Ekklesiologie im 11. Jahrhundert beanspruchten zunehmend ein Jurisdiktions-Primat für die ganze Kirche, was man im Osten ablehnte.

Dahinter steht aber noch was anderes, nämlich ein eher frömmigkeitsgeschichtlicher Entfremdungsprozess. Im Osten wurden andere Traditionen gelebt als im Westen. Aus diesen unterschiedlichen Traditionen – etwa ob beim Abendmahl gesäuertes oder ungesäuertes Brot verwendet wird – wurden eigentlich sekundär-theologische Debatten und Angriffspunkte gegenseitig konstruiert. 

Grundsätzlich muss man sagen, sehen wir jetzt im Rückblick 1054 als das entscheidende Datum an. Es gab aber vorher schon vorübergehend Schismen mit der Ostkirche, danach aber noch Gemeinsamkeiten. Man hat danach sehr wohl wieder füreinander im Hochgebet gebetet, sodass dieses Schisma 1054 sich erst einmal verfestigen musste. 

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Entfremdungsprozess, der nicht völlig linear verlief

Das 13. Jahrhundert wurde entscheidend, als die Lateiner Konstantinopel im Kreuzzug eroberten und die orthodoxe Hierarchie nicht anerkannten. Sie richteten eine eigene lateinische, dem Papst untergeordnete Hierarchie mit Bischöfen ein. Diese Verbitterung und das Ausrauben Konstantinopels sind Dinge, die das Schisma so verfestigten, dass sich das einprägte. Insgesamt war das aber ein langer Entfremdungsprozess, der nicht völlig linear verlief und nicht so punktuell war, dass man sagen könnte: 1054 Schisma und vorher Gemeinschaft. 

Martin Luther-Porträt
Martin Luther-Porträt

DOMRADIO.DE: Im deutschsprachigen Raum denken wir beim Thema Kirchenspaltung als Erstes ans 16. Jahrhundert, an Martin Luther und die Protestanten. Kann man das mit der Trennung von den Orthodoxen gleichsetzen? 

Unterburger: Tendenziell ist es so, dass bei Martin Luther schon von Anfang an theologische, konzeptionelle Gründe stärker eine Rolle spielten. Martin Luther war Theologieprofessor. Bei den Orthodoxen war die lebenspraktische Entfremdung das Entscheidende, da war es tatsächlich eher das Schisma, auch wenn sekundär manche Punkte auch als Häresie, als Glaubensabweichung konstruiert wurden. 

Bei Martin Luther war es dagegen von Beginn an ein Ketzer-Prozess, ein Häresieprozess, der in Rom abgehalten wurde. Martin Luther wurde deshalb verbannt und als Häretiker verurteilt. Auch da ist es so gewesen, dass die römische Verurteilung 1520 früh kam, aber dieser Weg lange Zeit noch offen war, man sich in Religionsgesprächen oder ganz prominent 1530 am Augsburger Reichstag beinah noch auf etwas Gemeinsames geeinigt hätte. 

Das war ein langsamer Prozess, bei dem man von der Rückschau her nicht sagen kann, das musste von Anfang an klar zum Schisma, zur Kirchentrennung kommen. Diese Kirchenspaltung ist ein Prozess, der am Ende von einer Konstellation steht, die sich dynamisch entwickelt hat und bei der viele Faktoren eine Rolle spielten. 

Kirchenspaltung unter Heinrich VIII. 

Dass das Thema Schisma so primär im Mittelpunkt stand, ist im 16. Jahrhundert vor allem in der englischen Kirche entscheidend gewesen. Denn dort wurde später auch sekundär viel reformatorisches Gedankengut vom Kontinent her rezipiert. Aber der Ursprung der Kirchenspaltung unter Heinrich VIII. war ein Schisma. Man sagte sich von Rom los und der König erklärte sich selbst als das einzige souveräne Oberhaupt der englischen Kirche. 

Das war ein schismatischer Akt, der später immer mehr auch in die Frage der Häresie, der abweichenden Glaubenslehre, überging. Das ist eher vergleichbar mit der Ostkirche im Mittelalter als mit der Reformation, die von Anfang an mehr eine inhaltliche Glaubensdebatte war. 

Blick auf den Petersdom
Blick auf den Petersdom

DOMRADIO.DE: Die Piusbrüder wollten die Ergebnisse des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht anerkennen, vor allem beim Thema Religionsfreiheit. Eine ähnliche Situation gab es schon 100 Jahre zuvor, beim ersten Vatikanischen Konzil. Damals gingen die Altkatholiken aus einer Spaltung hervor. War das vergleichbar mit heute?

Unterburger: Es gibt zumindest zwei große Parallelitäten, es gibt aber einen großen Unterschied: Die Piusbrüder, vom konservativen Flügel her, lehnen Neuerungen ab, während die Altkatholiken zwar auch Neuerungen, aber vor allem die konservativen Neuerungen, ablehnen. Es gibt vom Inhalt her große Unterschiede. 

Aber wir haben bei beiden das Selbstverständnis, treu zur alten Kirche vor dem Konzil zu bleiben und die Neuerungen nicht anzunehmen: einmal das erste Vatikanum bei den Altkatholiken und das zweite Vatikanum bei den Piusbrüdern. Wir haben zweitens für diese ablehnenden Gruppengemeinschaften das Problem, dass sie ihre Kontinuität sichern wollen und müssen. Das bedeutet, wenn man von der offiziellen römisch-katholischen Kirche getrennt ist und weiter bestehen will, braucht man Amtsträger, die per Vollmacht weitergeben können und sollen. Die Altkatholiken entschieden daher 1873, einen Bischof zu weihen. Der Breslauer Kirchenhistoriker Reinkens wurde der erste altkatholische Bischof.

Ähnlich war es mit der Piusbruderschaft, als Marcel Lefebvre alt war. Man hat zunächst Priester geweiht, um das Fortbestehen zu sichern. Dann kam es 1988 zum ersten Mal zur Bischofsweihe, wo vier Bischöfe geweiht wurden. Jetzt, 2026, kam der zweite Akt, weil natürlich auch diese Bischöfe alt sind. Um das Fortbestehen zu sichern, hat man erneut diese unerlaubten Bischofsweihen gespendet. 

Erzbischof Lefebvre
Erzbischof Lefebvre   (© Jim, the Photographer and Stv26)

Wie geht es weiter?

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade die Bischofsweihe von 1988 erwähnt, darauf folgte die Exkommunikation. Papst Benedikt XVI. hat diese 2009 zum Teil wieder zurückgenommen. Was denken Sie als Kirchenhistoriker, wie wir in 100 Jahren über die Piusbrüder sprechen werden? 

Unterburger: Das ist schwer zu prognostizieren. Der französische Katholizismus war im 19. Jahrhundert ganz stark gegen die liberale und laizistische Demokratie eingestellt. Da lebte der Gedanke an die Gesellschaft vor der Französischen Revolution als die ideale weiter. Aber dann kam insbesondere die Modernismus-Krise. Man sieht, in der Piusbruderschaft sind bestimmte Entwicklungsstadien der katholischen Kirche eingefroren. 

Vermutlich wird es so sein, dass auf der einen Seite konservative Spielarten des Katholizismus durchaus für einen Teil der Gläubigen anziehend sein werden. Auf der anderen Seite wird diese eingefrorene schismatische Situation vermutlich nicht auf Dauer Bestand haben. Das heißt, mit einem Teil davon wird es sicher Versuche der Aussöhnung und Kompromisse geben, während ein anderer Teil sich vermutlich richtig verhärten wird und es zu einer endgültigen Spaltung kommt. 

Ich selbst glaube nicht daran, dass es eine universelle Rückkehr und Integration in die katholische Kirche gibt, sondern eher, dass für einige die Brücke gebaut wird und sich andere endgültig abspalten werden. Aber das ist eine Prognose, die sich auch als falsch erweisen und anders entwickeln kann.

(domradio - pr)

 

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09. Juli 2026, 12:05