Unser Sonntag: „Durchschlagende“ Lösung gegen den Kirchenschlaf
„Uns ist zu Ohren gekommen,
dass immer mehr Hörer bei der sonntäglichen Predigt
in Schlaf versinken.
Daher ordnen wir allergnädigst an,
dass bei jedem Gottesdienst ältere Männer mit langen Stangen
in der Kirche auf und ab gehen und mit einer Klatsche allen,
die einschlafen, auf den Kopf schlagen, um so die gebotene andächtige Aufmerksamkeit zu erwirken.”
So soll eine Verfügung lauten, die vor gut 150 Jahren der evangelische König Christian VIII. in Dänemark erlassen hat. Unsere Ministranten wären bestimmt ganz erpicht darauf, so einen Dienst tun zu dürfen.
Aber heutzutage braucht man so was ja Gott sei Dank nicht mehr, oder?
Damals jedenfalls eine „treffende” Idee mit ganz bestimmt „eindrucksvoller” Wirkung und manchmal „durchschlagendem” Erfolg. Aber heutzutage würde sie den Boden, auf den das Wort Gottes fallen soll, ganz bestimmt eher verhärten als aufbrechen.
Nehmen wir das Wort Gottes auf?
Das Problem selber aber bleibt: Sind wir, jetzt und heute, bereit, den Samen des Wortes Gottes aufzunehmen?
Im II. Vatikanischen Konzil wurde jeden Morgen am Beginn der Sitzung ein kostbares Evangeliar in einer feierlichen Prozession zur Mitte der Bischofsversammlung getragen und dort auf ein eigenes Altartischchen gelegt. Bei besonderen Gottesdiensten, also Hochämtern, verwenden auch wir diesen Gestus, durch den in besonderer Art das Evangelium als Wort Gottes geehrt wird.
Denn die Bibel ist ja nicht einfach nur eine Sammlung menschlicher Weisheit aus fast zwei Jahrtausenden, sondern in diesem Wort ist Gott selber durch Jesus Christus lebendig gegenwärtig, was auch der Ruf „Ehre sei dir o Herr” vor dem Evangelium und „Lob sei dir Christus” danach deutlich machen will.
Auch das Aufstehen zum Evangelium bzw. zum Halleluja-Ruf, der als Gruß an Christus gilt, soll uns bewusst machen, dass zu uns jener spricht,von dem die Jünger spürten: „Er lehrt wie einer, der Macht hat”.
Scheuklappen und Kirchenschlaf
Denn es ist der lebendige und starke Gott, der mich jetzt und hier anspricht, auch wenn diese Worte von Menschen verfasst, aufgeschrieben und vorgetragen wurden.
Aber dieses Wort braucht aufmerksame Hörer, die sich ansprechen und treffen lassen. Darum reicht es nicht, die Lesung oder das Evangelium mit den Scheuklappen der Gewohnheit anzuhören oder sich schon von vornherein auf den Kirchenschlaf des Gerechten einzustellen.
Ich muss mich ganz persönlich diesem Wort aussetzen:
Ich bin gemeint – und nicht nur mein Nachbar.
Wenigstens ein Satz aus den biblischen Texten, ein Gedanke der Predigt oder eine Zeile aus einem Lied sollte mich über den Augenblick hinaus beschäftigen.
Gott will auch mein Leben verändern
Unabhängig von allen persönlichen Schwankungen in der Aufnahmefähigkeit muss ich mich immer wieder fragen, ob ich grundsätzlich bereit bin, das Wort Gottes zu hören.
Denn Gott will mein Leben verändern. Manchmal scheinbar nur zentimeter- oder gar millimeterweise, ein anderes Mal vielleicht ganz radikal.
Denken wir zum Beispiel an einen Franz von Assisi, den das Wort der Bergpredigt „Selig die Armen ...” so gepackt hat, dass er sein Leben von Grund auf umstellte.
Der Schweizer Nikolaus von der Flüe machte das Wort „Selig, die Frieden stiften...” zum Leitgedanken seines Lebens und wurde so zum großen Friedenspatron seines Landes.
Und wie viel Trost und Kraft schöpfen weltweit verfolgte und gequälte Schwestern und Brüder aus der Zusage Jesu:
„Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden...”
Haben wir es selbst nicht auch schon erlebt, dass ein Wort in uns hängen blieb und uns Richtung wies in einer Zeit, da wir „Ant-wort” brauchten?
Wenn Gott spricht: Hören wir noch zu?
Welche Chancen gebe ich dem Wort Gottes, in mir zu wirken?
Was erwarte ich mir von so einer ganz normalen Sonntagsmesse?
Denn wenn ich mir nichts erwarte und eigentlich auch nichts brauche – dann darf ich mich nicht wundern, wenn auch nichts in Bewegung kommt. Und selbst wenn ich mich bemühe, werde ich oft genug feststellen, dass das ganze Gleichnis vom Sämann in mir sein Abbild hat:
Gott säht seinen Samen aus in meinem Geist,
in jedem guten Gedanken,
in jedem Willen zu einem guten Werk,
aber ich stelle auch fest,
– dass meine Gedanken, schnell und quirlig wie eine Spatzenherde, sich allzu oft damit begnügen, nur ein Körnchen der Wahrheit aufzupickenund dann weiter zu fliegen zu all den schönen Träumen und Vorstellungen, die mir, angenehm aber unnütz, die Zeit vertreiben.
Ich stelle fest,– dass da genug „schräge Vögel” in meiner Umgebung sind, die diesen Samen wegpicken wollen, so dass er nicht aufgehen kann.
– dass es auch in meinem Leben den felsigen Boden
kurzfristiger Begeisterung gibt, den der Alltag schnell austrocknet.
– dass schon viele gute Vorsätze zertreten wurden
auf den gewundenen Wegen der Vernunft oder der Mutlosigkeit
– dass schon so viele Versuche erstickt sind in den Dornen der Mühsal und Sorgen des Lebens oder dem Gestrüpp der Trägheit und des Egoismus.
Den Boden bereiten
Ich finde aber auch den guten Boden, wo das Wort in mir, für mich, und vielleicht auch schon durch mich Frucht gebracht hat.
Jeder Bauer und jeder Hobby-Gärtner weiß, dass man den Boden auch vorbereiten kann, damit der Samen besser aufgeht.
Genauso kann man sich auch auf die Begegnung mit Gott im Gottesdienst oder im Gebet vorbereiten:
Man kann sich die Zeit nehmen, etwas eher da zu sein und zunächst alles abzulegen, was die Gedanken in Beschlag nimmt.
So stimmt man sich innerlich ein auf das, was kommt und macht sich bewusst, dass es der lebendige Gott ist, der nun zu mir sprechen möchte.
Vielleicht können Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, auch die Sendungen hier bei Radio Vatikan so verstehen!
Das Buch des Lebens
Ich habe gelesen, dass es in einem amerikanischen Kirchenlied heißt:
„Und wenn das Buch, geöffnet wird,
ja wenn das Buch geöffnet wird,
ja dann lass mich auch dabei sein, wenn das Buch geöffnet wird.”
Wollen wir da wirklich dabei sein, wenn das Buch geöffnet wird?
In jedem Gottesdienst sind wir dabei, wenn das Buch des Lebens aufgeschlagen wird.
Die Frage ist, ob wir nur körperlich dabei sind – oder auch mit Herz und Verstand.
(Radio Vatikan – Redaktion Claudia Kaminski)
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