In einer Flüchtlingsunterkunft in Irpin hält eine Mutter ein Taschenlampe für spielende Kinder In einer Flüchtlingsunterkunft in Irpin hält eine Mutter ein Taschenlampe für spielende Kinder 

Nuntius in der Ukraine: Enorme Solidarität und enorme Bedürfnisse

Ein einst blühendes Land, in dem Wasser und Strom mittlerweile Mangelware geworden sind: Der Nuntius in der Ukraine, Visvaldas Kulbokas, warnt im Interview mit den Vatikanmedien, dass ohne baldigen Frieden der Bedarf der Menschen nicht mehr gedeckt werden kann und es zu einer Massenevakuierung kommen könnte. Die ständigen Friedensappelle des Papstes trösteten jedoch die, die alles verloren haben.

Nuntius Kulbokas hatte von Anfang an entschieden, Kiew nicht zu verlassen und den Menschen zur Seite zu stehen, die unter dem Wahnsinn des Krieges zu leiden haben. Nur acht Monate vor Beginn der russischen Invasion war der Nuntius in ein völlig anderes Land geschickt worden, als es sich heute darstellt. In der Zwischenzeit wurde er zur Stimme all jener, die keine Stimme haben – und koordiniert auch Hilfsleistungen, die kirchlicherseits in das Land kommen.

„Papst: Ich bin völlig gegen den Krieg, weil ich unabhängig bin“

Der eindringliche Friedensappell des Papstes auf dem Rückflug von Bahrain, nicht der erste seiner Art, sei zwar an alle Menschen gerichtet gewesen, doch es sei klar, „dass er mit seinem Herzen vor allem die russische Öffentlichkeit ansprechen wollte“, betont Kulbokas mit Blick auf die Verweise auf die russische Kultur, mit denen der Papst bei dieser Gelegenheit seinen Appell versehen hatte.

„Der zweite Aspekt, den ich für sehr bedeutsam halte, ist, dass der Heilige Vater sich als eine völlig unabhängige Stimme positioniert, so dass er versucht hat, Worte zu verwenden, mit denen er allen die gleiche Zuneigung zeigt - er hat das Wort Zuneigung gebraucht, von Respekt, Achtung und Liebe gesprochen - und damit sagt er: Ich bin völlig gegen den Krieg, weil ich unabhängig bin. Und hier haben wir den dritten Aspekt, den ich hervorheben möchte: Der Heilige Vater hat nicht nur als Oberhaupt der katholischen Kirche gesprochen, sondern hier, wenn wir von Frieden sprechen, spricht ein Mensch - aber ein Mensch, ein Mann, der an das Jenseits glaubt. So spricht der Papst als Mensch zu all jenen, die an das Jenseits glauben, ob sie nun Christen, Muslime, Hindus oder Buddhisten sind, denn im Jenseits werden wir uns alle treffen, und wenn jemand einen Krieg provoziert, wird der Krieg zu einer Verurteilung - ich verurteile dich, ich nehme dir das Leben, und mit den modernen Kriegen setzen wir sogar das Leben von acht Milliarden Menschen aufs Spiel -, und wenn wir all diese Opfer im Jenseits treffen, werden sie uns fragen: Wie kommt es, dass du mich auf diese Weise verurteilt hast, wie kommt es, dass du dich an die Stelle Gottes gesetzt hast?“

Ein ukrainischer Soldat feuert seine Waffe ab
Ein ukrainischer Soldat feuert seine Waffe ab

Die Mission der Kirche und aller Gläubigen müsse darin bestehen, diese Worte „mit Gebet zu begleiten“, damit es keine leeren Worte blieben, appelliert Kulbokas. Doch wie auch der Großerzbischof der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche Swiatoslaw Schewtschuk bei seinem Treffen mit dem Papst am Montag betont hatte, leiste die Kirche darüber hinaus konkrete Hilfe, sei mit ihren Kathedralen und Zentren zu einem „Zufluchtsort“ geworden:

„Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie viele Kirchen zu Verteilungslagern für die humanitäre Hilfe geworden sind, die zum Teil direkt vom Heiligen Vater und zum Teil von verschiedenen katholischen und nichtkatholischen Wohltätigkeitsorganisationen kommt“, bestätigt uns auch Nuntius Kulbokas. Viele Eparchien, Diözesen und Pfarreien seien direkt beteiligt und nutzten mitunter sogar den sakralen Kirchenraum, um die Hilfsgüter unterzubringen. „Ganz zu schweigen davon, dass mehrere Kirchen mit ihren unterirdischen Unterkünften auch als Schutzräume für die Nachbarschaft zur Verfügung stehen. Viele Gemeinden wissen, dass es andere Orte gibt, vielleicht weiter entfernt von den großen Städten, in denen die Menschen kein Licht, ja nicht einmal Brot haben. Manchmal gibt es auch kein Wasser, daher die vielen mobilen Garküchen. Der Staat bietet diese Hilfe an, aber es gibt auch viele freiwillige Gruppen, und es wäre schwierig, alle Aktivitäten aufzuzählen, aber sie sind enorm, weil auch die Bedürfnisse enorm sind.“

„Eine wichtige Hilfe wäre es, Kinder in andere Länder zu bringen“

Doch alles stehe und falle mit einem Friedensschluss, denn solange es den nicht gebe, könnten die humanitären Bedürfnisse nicht geringer werden. Wasser und Strom, oftmals schwierig zu erhalten, würden durch soziale Zentren verwendet, um den Menschen bestmöglich zu helfen. „Eine wichtige Hilfe wäre es, Kinder in andere Länder zu bringen“, appelliert Kulbokas in diesem Zusammenhang. Oft könnten ihre Eltern nicht ins Ausland gehen, was auch die Kinder in der Kriegssituation ausharren lasse. Doch es gebe noch viele andere Bedürfnisse, bei denen Hilfe aus dem Ausland nötig sei: „Autos, Minivans, weil so viele soziale Zentren, so viele karitative Zentren versuchen, Wasser und Lebensmittel in die am unmittelbarsten betroffenen Gebiete zu bringen, wo es keine Möglichkeit gibt, Brot zu produzieren oder zu kaufen. Und dann noch Diesel, Kraftstoff. Es geht also nicht mehr um den Bau von Kirchen oder Zentren, sondern um die Versorgung mit den unmittelbarsten lebensnotwendigen Gütern: Brot, Wasser, Licht und Heizung.“

Kinder leiden unter der Situation besonders
Kinder leiden unter der Situation besonders

Auch die Hauptstadt Kiew, Sitz der Nuntiatur, wurde in letzter Zeit verstärkt Ziel von gezielten Angriffen. In einigen besonders betroffenen Stadtteilen gebe es die meiste Zeit des Tages kein Licht, erst nachts, wenn der allgemeine Stromverbrauch sinke, komme etwas davon an, berichtet Erzbischof Kulbokas. „Viele haben mir gesagt, dass es auch schwieriger wird, selbst Brot zu produzieren. Wenn sich zum Beispiel in Kiew die Lage verschlechtert, wird es auch ein Problem mit Brot geben, denn es braucht ein Minimum an Energie, um dieses wichtigste Lebensmittel herzustellen. Und wenn sich die humanitäre Lage noch weiter verschlechtert, könnte das Szenario sogar unerträglich werden, weil die Abwasserentsorgung ganz eingestellt würde. Aus diesem Grund sprechen die Zivilbehörden auch davon, dass alle evakuiert werden müssen, was bedeutet, dass wir auf alle Eventualitäten vorbereitet sein müssen.“

Nähe des Papstes berührt

Die Stimme von Papst Franziskus, der sich mit Beginn der russischen Invasion in das Nachbarland stets nachdrücklich für ein Ende des Krieges ausgesprochen hatte, werde von den Ukrainern als „Stimme der Nähe“ wahrgenommen und geschätzt, berichtet der Nuntius. „Aber ich möchte vor allem betonen, was mir die Mütter und Ehefrauen der Gefangenen sagen. Sie sagen: Wir sind dankbar für diese solidarische Aufmerksamkeit. Sie sagen: Wir haben nur wenige Bezugspersonen, und zu diesen wenigen Bezugspersonen gehört Papst Franziskus, dem wir unsere Bitten um die Freilassung von Vermissten und Personen, die unter verschiedenen Bedingungen inhaftiert sind, anvertrauen können. Diese Nähe des Heiligen Vaters berührt uns wirklich und ich wollte hier berichten, was mir die Mütter und Ehefrauen von Herzen sagen.“

(vatican news - cs)

 

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09. November 2022, 12:00