Papst am Aschermittwoch: Aufruf zu Umkehr und Gemeinschaft
Silvia Kritzenberger - Vatikanstadt
Normalerweise besucht der Papst den Aventin-Hügel im Herzen Roms nur einmal im Jahr: am Aschermittwoch. Dieser alten Tradition entsprechend, hat Papst Leo mit einer Bußprozession und einem Gottesdienst in der frühchristlichen Kirche der Dominikaner auf dem Aventin-Hügel die diesjährige Fastenzeit begonnen. Nach einem kurzen Gebet in der Benediktinerkirche Sant'Anselmo zog der Pontifex unter dem feierlichen Gesang der Heiligenlitanei mit Kardinälen, Bischöfen und Ordensleuten zur nahegelegenen Basilika Santa Sabina, einer der vielen Gedenkstätten der Märtyrer, die das Fundament der Kirche von Rom bilden. Bei der Messe in dem geschichtsträchtigen Gotteshaus, teilte der Papst das Aschenkreuz aus: ein Zeichen, das an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert.
Der Aventin, einer der sieben Hügel, auf denen das Alte Rom erbaut war, ist heute eine ruhige, aber teure Wohngegend in der römischen Altstadt. 16 Ordenshäuser sind hier zuhause, darunter auch die Ordensleitungen der Malteser, Dominikaner, Zisterzienser und Benediktiner. Dort, in der Benediktinerkirche Sant'Anselmo, begann die erste Etappe dieser römischen Tradition, die auf die frühen christlichen Jahrhunderte zurückgeht.
Die Predigt des Papstes
„Versammelt das Volk, heiligt die Gemeinde!“, zitierte Leo XIV. zu Beginn seiner Predigt den Propheten Joël. Die Gläubigen forderte er auf, sich nicht nur persönlich, sondern auch als Gemeinschaft in der Fastenzeit zu versammeln.
Gemeinschaft ohne Feindbilder
„Die Fastenzeit ist auch heute eine besondere Zeit der Gemeinschaft,“ so der Papst. „Wir wissen, dass es immer schwieriger wird, Menschen zusammenzubringen und sich als Volk wahrzunehmen, nicht auf nationalistische und aggressive Weise, sondern in einer Gemeinschaft, in der jeder seinen Platz findet.“
Und dabei ginge es nicht nur um eine innere Umkehr, sondern auch um das Bekenntnis der Sünden in einer Welt, die von Konflikten und Ungerechtigkeit geprägt ist. Die Fastenzeit sei ein Aufruf, „sich der eigenen Verantwortung zu stellen“. Das Kirchenoberhaupt erinnerte daran, dass die Sünde zwar persönlich ist, aber auch in den „Strukturen der Sünde“ – in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – weiterwirke. Ein wahrhaftiges Bekenntnis könne also nur dort beginnen, wo man sich dieser Strukturen bewusst werde.
„Der Götzenverehrung den lebendigen Gott entgegenzusetzen, bedeutet – wie uns die Heilige Schrift lehrt –, die Freiheit zu wagen und sie durch einen Exodus, auf einem Weg, wiederzufinden. Nicht mehr gelähmt, starr, sicher in den eigenen Positionen, sondern versammelt, um sich zu bewegen und zu verändern. Wie selten findet man Erwachsene, die Reue zeigen, Menschen, Unternehmen und Institutionen, die zugeben, dass sie Fehler gemacht haben!“
Junge Menschen entdecken den Aschermittwoch neu
In diesem Zusammenhang wies der Pontifex darauf hin, dass heute vor allem junge Menschen – selbst in säkularisierten Umfeldern – ein wachsendes Bewusstsein für Verantwortung und Gerechtigkeit entwickeln würden. Sie spürten, dass „eine gerechtere Lebensweise möglich ist“ und dass Verantwortung übernommen werden müsse für das, „was in der Kirche und in der Welt nicht in Ordnung ist“.
Daher folgender Aufruf des Papstes:
„Nehmen wir also die missionarische Dimension der Fastenzeit wahr, nicht etwa, um uns von der Arbeit an uns selbst abzulenken, sondern um sie für viele unruhige und gutwillige Menschen zu öffnen, die nach Wegen suchen, ihr Leben in der Perspektive des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit wirklich zu erneuern.“
Mit Verweis auf seinen Vorgänger Paul VI. und dessen Einführung der öffentlichen Aschenauflegung im Petersdom 1966, rief Papst Leo zu einer ehrlichen und ernsthaften Auseinandersetzung mit der eigenen Sünde auf – als Zeichen der Umkehr und der Hoffnung auf Auferstehung.
Die Fastenzeit befreit uns davon, um jeden Preis gesehen werden zu wollen
Paul VI. habe von einer „Apologie der Asche“ gesprochen – einer Kultur, die letztlich „auf die unvermeidliche Sinnlosigkeit von allem“ und eine „Metaphysik des Absurden und des Nichts“ hinauslaufe, so der Pontifex weiter. Wie prophetisch diese Worte seien, zeige sich heute angesichts einer Welt voller Kriege, zerstörter Städte und zerbrechender Ordnungen:
„Heute können wir erkennen, wie prophetisch diese Worte waren, und in der Asche auf unserem Haupt können wir die Last einer brennenden Welt spüren, ganzer Städte, die vom Krieg zerstört wurden: die Asche des Völkerrechts und der Gerechtigkeit zwischen den Völkern, die Asche ganzer Ökosysteme und der Eintracht unter den Menschen, die Asche des kritischen Denkens und alter lokaler Wissensschätze, die Asche jenes Sinns für das Heilige, den jedes Geschöpf in sich trägt.“
Die Asche auf dem Haupt werde so zum Zeichen einer „brennenden Welt“ – und zugleich zum Aufruf, nicht bei der Zerstörung stehenzubleiben.
Zeugnis der Auferstehung
Am Ende richtete Papst Leo den Blick auf die Märtyrer der Vergangenheit und der Gegenwart, sowie auf die alte römische Tradition der Stationskirchen. Sie erinnere an das Unterwegssein der Kirche – als Pilgergemeinschaft, die sich immer neu auf Gott ausrichtet.
Abschließend gab der Pontifex noch folgenden Denkanstoß:
„Die Fastenzeit – wie das Evangelium sie uns nahegelegt hat – befreit uns davon, um jeden Preis gesehen werden zu wollen, sie lehrt uns, vielmehr das zu sehen, was entsteht, was wächst, und sie drängt uns, ihm zu dienen. Es ist die tiefe Harmonie mit dem Gott des Lebens, unserem Vater und dem Vater aller, die sich im Verborgenen bei denen einstellt, die fasten, beten und lieben. Auf ihn richten wir unser ganzes Sein, unser ganzes Herz mit Nüchternheit und Freude neu aus.“
Das Fastenzeit-Programm des Papstes
Mit der traditionellen Liturgie auf dem Aventin begann für Papst Leo sein erstes fastenzeitliches Programm bis Ostern. Die Fastenexerzitien für den Papst und die Spitzenverantwortlichen der Römischen Kurie finden vom 22. bis 27. Februar statt.
Leos Vorgänger Papst Franziskus hatte diese Einkehrtage an einen Ort außerhalb des Vatikans verlegt: nach Ariccia, südöstlich von Rom. Nun werden sie wieder in der Paulinischen Kapelle des Apostolischen Palastes gehalten. Gepredigt werden sie von dem norwegischen Bischof und Trappistenmönch Erik Varden. Das Thema der diesjährigen Exerzitien lautet „Erleuchtet von einer verborgenen Herrlichkeit“.
(vaticannews – skr)
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