Welttag des geweihten Lebens: Die Predigt im Wortlaut

Lesen Sie hier in amtlicher Übersetzung, was Papst Leo in seiner Predigt zum Fest der Darstellung des Herrn gesagt hat, an dem die katholische Kirche auch den Welttag des geweihten Lebens begeht.

Liebe Brüder und Schwestern, am heutigen Fest der Darstellung des Herrn berichtet uns das Evangelium von Jesus, der im Tempel von Simeon und Hanna als Messias erkannt und verkündet wird (vgl. Lk 2,22-40). Es schildert uns die Begegnung zweier Bewegungen der Liebe: der Liebe Gottes, der kommt, den Menschen zu retten; und der Liebe des Menschen, der wach und gläubig sein Kommen erwartet.

Von Seiten Gottes zeigt uns die Tatsache, dass Jesus vor der beeindruckenden Kulisse Jerusalems als Sohn einer armen Familie dargestellt wird, wie Gott sich uns schenkt: unter voller Achtung unserer Freiheit und in voller Solidarität mit unserer Armut. In seinem Handeln gibt es keinen Zwang, sondern nur die entwaffnende Kraft seiner wehrlosen Selbstlosigkeit. Von Seiten der Menschen hingegen zeigt sich in den beiden Greisen Simeon und Hanna die Erwartung des Volkes Israel auf ihrem Höhepunkt, auf dem Zenit einer langen Heilsgeschichte, die vom Garten Eden bis zu den Höfen des Tempels reicht; einer Geschichte, die von Licht und Schatten, von Niederlagen und Neuanfängen geprägt, aber stets von einem einzigen lebendigen Wunsch durchzogen ist: die volle Gemeinschaft des Geschöpfes mit seinem Schöpfer wiederherzustellen. So bietet sich wenige Schritte vom „Allerheiligsten” entfernt der Quell des Lichtes an, der Welt zu leuchten, und der Unendliche schenkt sich dem Endlichen auf so demütige Weise, dass es fast unbemerkt bleibt.

Vor diesem Hintergrund begehen wir den 30. Tag des geweihten Lebens und erkennen in dieser Szene ein Symbol für die Sendung der Ordensmänner und Ordensfrauen in der Kirche und in der Welt, wie Papst Franziskus sagte: »Ich erwarte, dass ihr „die Welt aufweckt“, denn das Merkmal, das das geweihte Leben kennzeichnet, ist die Prophetie« (Apostolisches Schreiben zum Jahr des geweihten Lebens, 21. November 2014, II, 2).

Liebe Brüder und Schwestern, die Kirche bittet euch, Propheten zu sein: Boten und Botinnen, die die Gegenwart des Herrn verkünden und ihm den Weg bereiten. Um es mit den Worten Maleachis zu sagen, die wir in der ersten Lesung gehört haben: Die Kirche lädt euch ein, euch für den Herrn in großzügiger „Entäußerung“ zu Schalen für das Feuer des Schmelzers und zu Gefäßen für die Lauge des Walkers zu machen (vgl. Mal 3,1-3), damit Christus, der einzige und ewige Bote des Bundes, der auch heute unter den Menschen zugegen ist, die Herzen mit seiner Liebe, seiner Gnade und seiner Barmherzigkeit schmelzen und reinigen kann. Und das sollt ihr vor allem durch das Opfer eures Lebens tun, verwurzelt im Gebet und bereit, euch in der Liebe zu verzehren (vgl. ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 44).

Eure Gründer und Gründerinnen, die empfänglich für das Wirken des Heiligen Geistes waren, haben euch ein wunderbares Beispiel hinterlassen, wie man diesen Auftrag konkret leben kann. In stetiger Spannung zwischen Erde und Himmel haben sie sich, von der Eucharistie her, gläubig und mutig auf den Weg gemacht: die einen in die Stille der Klöster, die anderen in die Herausforderungen des Apostolats, wieder andere in den Schulunterricht, in das Elend der Straße oder in die Mühen der Mission. Und mit demselben Glauben kehrten sie jedes Mal demütig und weise zum Fuß des Kreuzes und zum Tabernakel zurück, um alles vor Gott zu bringen und in ihm wieder neu den Ursprung und das Ziel all ihres Handels zu entdecken. Mit der Kraft der Gnade haben sie sich auch in riskante Unternehmungen gewagt, um in feindselig und gleichgültig gesinnten Umfeldern betend da zu sein und in Situationen des Verfalls und der Verlassenheit eine gütige Hand und eine freundliche Schulter zu bieten, um inmitten von Krieg und Hass ein Zeugnis des Friedens und der Versöhnung zu geben, bereit, auch die Folgen eines unkonventionellen Handelns zu tragen, das sie in Christus zu einem „Zeichen des Widerspruchs” werden ließ (vgl. Lk 2,34) und manchmal sogar zum Martyrium geführt hat.

Papst Benedikt XVI. schrieb, dass die »Auslegung der Heiligen Schrift [unvollständig] bliebe […], wenn sie nicht auch jene anhörte, die wirklich das Wort Gottes gelebt haben« (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini, 48); und wir möchten an die Brüder und Schwestern erinnern, die uns als Protagonisten dieser »prophetischen Überlieferung, in der das Wort Gottes das Leben des Propheten selbst in den Dienst nimmt« (ebd., 49), vorausgegangen sind. Wir tun dies vor allem, um von ihnen den Staffelstab zu übernehmen.

Auch heute seid ihr berufen, mit der Profess der evangelischen Räte und durch die vielfältigen Werke der Nächstenliebe, die ihr leistet, in einer Gesellschaft, in der Glaube und Leben sich aufgrund eines falschen und verkürzten Menschenbildes immer mehr voneinander zu entfernen scheinen, Zeugnis davon zu geben, dass Gott in der Geschichte als Heil aller Völker gegenwärtig ist (vgl. Lk 2,30-31); zu bezeugen, dass junge und alte Menschen, Arme, Kranke und Gefangene vor allem ihren heiligen Platz auf seinem Altar und in seinem Herzen haben und dass gleichzeitig jeder von ihnen ein unantastbarer Tempel seiner Gegenwart ist, vor dem man niederknien muss, um ihm zu begegnen, ihn anzubeten und ihm die Ehre zu erweisen.

Ein Zeichen dafür sind die zahlreichen „Horte des Evangeliums”, die viele eurer Gemeinschaften in den unterschiedlichsten und herausforderndsten Kontexten, selbst inmitten von Konflikten, aufrechterhalten. Sie gehen nicht weg, sie fliehen nicht, sie bleiben, ohne alles, um ein Zeichen zu sein, das mehr sagt als tausend Worte, für die unantastbare Heiligkeit des Lebens an sich, und sie werden mit ihrer Anwesenheit – auch dort, wo Waffen dröhnen und wo Überheblichkeit, Eigennutz und Gewalt zu herrschen scheinen – zu einem Widerhall der Worte Jesu: »Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn […] ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters« (Mt 18,10).

In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Gebet des greisen Simeon eingehen, das wir alle täglich sprechen: »Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen« (Lk 2,29-30). Das Ordensleben lehrt uns nämlich mit seiner gelassenen Loslösung von allem Vergänglichen die unauflösliche Verbindung zwischen der echten Sorge um die irdischen Dinge und der liebevollen Hoffnung auf die ewigen Dinge, für die wir uns bereits in diesem Leben als unser letztes und einziges Ziel entschieden haben und die alles andere zu erhellen vermögen. Simeon hat in Jesus das Heil gesehen und ist frei gegenüber dem Leben und dem Tod. Als »gerechter und frommer Mann« (vgl. Lk 2,25) behält er zusammen mit Hanna, die »sich ständig im Tempel aufhielt« (vgl. ebd. V. 37), den Blick auf die zukünftigen Güter gerichtet.

Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert uns daran: »Die Kirche […] wird erst in der himmlischen Herrlichkeit vollendet werden, wenn die Zeit der allgemeinen Wiederherstellung kommt. Dann wird mit dem Menschengeschlecht auch die ganze Welt […] vollkommen in Christus erneuert werden« (ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 48). Auch diese Verheißung ist euch anvertraut, Männern und Frauen, die ihr mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, aber gleichzeitig stets auf die ewigen Güter ausgerichtet seid (vgl. Römisches Messbuch, Tagesgebet zum Hochfest Mariä Aufnahme in den Himmel). Christus ist gestorben und auferstanden, »um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren« (Hebr 2,15). Ihr, die ihr euch verpflichtet habt, ihm in besonderer Weise nachzufolgen und an seiner „Selbstentäußerung“ teilzuhaben, um in seinem Geist zu leben (vgl. ZWEITES VATIKANISCHES KONZIL, Dekret Perfectae caritatis, 28. Oktober 1965, 5), könnt der Welt in der Freiheit derer, die maßlos lieben und vergeben, den Weg zeigen, wie Konflikte überwunden werden und Geschwisterlichkeit gesät werden kann.

Liebe gottgeweihte Frauen und Männer, die Kirche dankt heute dem Herrn und euch für euer Dasein und ermutigt euch, dort, wo die Vorsehung euch hinführt, ein Ferment des Friedens und ein Zeichen der Hoffnung zu sein. Wir vertrauen euer Wirken der Fürsprache der seligen Jungfrau Maria und all eurer heiligen Gründer und Gründerinnen an, während wir vor dem Altar gemeinsam unsere Lebenshingabe an Gott erneuern.

(vaticannews - skr)

 

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02. Februar 2026, 18:14