Papst Leo: Mitmenschen auf- und annehmen
Die Berufung des Christen sei „darauf ausgerichtet, Gemeinschaft zwischen den Menschen zu schaffen“, sagte er bei einer Audienz im Vatikan für die Teilnehmer der IV. „Cattedra dell’accoglienza” (Lehrstuhl für Gastfreundschaft). Und Gemeinschaft entstehe „aus der Fähigkeit, andere aufzunehmen, ihnen zuzuhören, ihnen Gastfreundschaft und Hilfe anzubieten“.
„Im Mittelpunkt jeder authentischen Aufnahme steht eine Beziehung, die aus der Gnade einer Begegnung entsteht. Wir erleben viele Arten von Begegnungen und damit auch von Gastfreundschaft: die Begegnung mit Menschen, die uns lieben, mit Familienangehörigen, mit Kollegen und auch mit Fremden, die uns manchmal feindlich gesinnt sind. Wenn eine Begegnung echt ist, kann sie sich aus persönlicher Erfahrung heraus wandeln und nach und nach andere mit einbeziehen, wodurch eine gemeinschaftliche Erfahrung entsteht.“
Jungen Menschen zuhören
Ganz konkret bat Papst Leo darum, auf junge Leute zuzugehen und ihre Anliegen ernstzunehmen. „In einer Zeit tiefgreifender kultureller und sozialer Veränderungen sind junge Menschen nicht nur die Zukunft der Gesellschaft und der Kirche, sondern in Wirklichkeit schon deren lebendige und schöpferische Gegenwart. Ihre Fragen und ihre Unruhe laden uns dazu ein, den Stil unserer Beziehungen zu erneuern. Junge Menschen aufzunehmen bedeutet vor allem, ihnen zuzuhören, ihnen in die Augen zu schauen und anzuerkennen, dass der Heilige Geist in ihrem Leben und in ihrer Sprache weiterhin wirkt und uns neue Wege der Präsenz und Fürsorge aufzeigt.“
An diese Aussagen schloss Papst Leo noch einige Gedanken zum Thema Präsenz an. Im Leben anderer präsent zu sein sei etwas sehr Wichtiges; das zeige sich ex negativo auch an der hartnäckigen Suche von Joseph und Maria nach dem verschwundenen, zwölfjährigen Jesus, den sie schließlich im Tempel wiederfinden. Daraus lasse sich schließen, dass zur Präsenz ein ständiges Suchen gehöre.
Auf der Suche nach Jesus
„So ist es auch im Glaubensleben: Wir nehmen die Gegenwart Jesu in unserem Leben als selbstverständlich hin, bis es plötzlich so scheint, als wäre er nicht mehr dort, wo wir ihn zurückgelassen haben. Wir verspüren ein Gefühl der Verlorenheit. In Wirklichkeit hat er sich nicht verloren, sondern wir haben uns entfernt. Wenn dies geschieht, sind wir aufgerufen, ihn vertrauensvoll zu suchen, mit dem Mut, unbekannte Wege zu beschreiten und die Welt mit neuen, hoffnungsvollen Augen zu betrachten. Auf diese Weise hören wir auf, einen Gott nach unserem Maß zu suchen, um ihm vielmehr dort zu begegnen, wo er wohnt. Jesus zu suchen bedeutet, von der Sicherheit unserer Überzeugungen zur Verantwortung der Begegnung überzugehen und zu lernen, eine Gegenwart Gottes zu sehen und anzunehmen, die immer ‚jenseits‘ liegt.“
Als Papst Franziskus den hl. Augustinus zitierte
Das erinnert ein wenig an das erste große Interview, das der damalige Papst Franziskus 2013, im Jahr seines Amtsantritts, Jesuitenzeitschriften gab. „Die Begegnung mit Gott in allen Dingen ist kein empirisches Heureka“, hatte Franziskus ausgeführt. „Das Risiko beim Suchen und Finden Gottes in allen Dingen ist daher der Wunsch, alles zu sehr zu erklären, etwa mit menschlicher Sicherheit und Arroganz zu sagen: ‚Hier ist Gott‘. Dann finden wir nur einen Gott nach unserem Maß. Die richtige Einstellung ist die von Augustinus: Gott suchen, um ihn zu finden, ihn finden, um ihn immer zu suchen.“
Außer Präsenz gehört zum Aufnehmen aber auch Fürsorge, fuhr Leo XIV. an diesem Donnerstag in seiner Ansprache fort. Fürsorge bedeute, aufmerksam an der Seite eines Mitmenschen zu stehen, sich um ihn zu kümmern, aber auch seine Entscheidungen zu akzeptieren. Diese Haltung habe der hl. Joseph vorgelebt.
„Auch die Menschheitsfamilie ist aufgerufen, das in Fürsorge zu bewahren, was ihr anvertraut wurde: Beziehungen, die Schöpfung, das Leben ihrer Schwestern und Brüder, insbesondere derer, die leiden und besonders schutzbedürftig sind. So zeigt uns Joseph, dass Präsenz und Fürsorge untrennbar miteinander verbunden sind: Man kann nicht bewahren, ohne da zu sein, und man kann nicht da sein, ohne Verantwortung für den anderen zu übernehmen.“
(vatican news – sk)
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