Pfarreibesuch im Nordwesten Roms: Die Papstpredigt im Wortlaut
Liebe Brüder und Schwestern!
Ich freue mich, an diesem dritten Fastensonntag bei euch zu sein. Er ist eine wichtige Etappe auf unserem Weg der Nachfolge Jesu, der uns hinführt zum Pascha-Mysterium von Leiden, Tod und Auferstehung des Herrn.
Auf diesem Weg sind die Nähe Gottes und unser Glaubensleben eng miteinander verflochten: Indem der Herr in jedem von uns die Taufgnade erneuert, ruft er uns zur Umkehr – während er zugleich unser Herz läutert durch seine Liebe und durch die Werke der Nächstenliebe, zu denen wir von ihm gerufen sind. In diesem Zusammenhang berührt uns die Begegnung zwischen Jesus und der Samariterin auf eine ganz besondere Weise. Das Evangelium des heutigen Tages spricht nämlich nicht nur zu uns, sondern auch über uns, und es hilft uns, unsere Beziehung zu Gott neu zu überdenken.
Der Durst nach Gott
Der Durst der Samariterin nach Leben und Liebe ist auch unser Durst: Es ist der Durst der Kirche und der ganzen Menschheit, die durch die Sünde verwundet, aber noch tiefer erfüllt ist von der Sehnsucht nach Gott. Wir suchen ihn wie das Wasser, oft ohne es zu merken: jedes Mal, wenn wir den Sinn der Ereignisse hinterfragen – und jedes Mal, wenn wir spüren, wie sehr uns das Gute fehlt, das wir für uns selbst und für die Menschen in unserer Nähe ersehnen.
Auf dieser Suche begegnen wir Jesus. Er ist schon hier, am Brunnen: dort, wo die Samariterin ihn allein vorfindet, unter der sengenden Mittagssonne, müde von der Reise. Die Frau geht zu dieser ungewöhnlichen Stunde zum Brunnen – vielleicht, weil sie den verurteilenden Blicken der anderen Frauen zu entgehen hofft. Jesus aber liest in ihrem Herzen und erkennt den Grund ihrer Ausgrenzung: Ihre gescheiterten Ehen und ihr jetziges Leben in einer nichtehelichen Beziehung machen sie unwürdig, mit den Töchtern, Ehefrauen und Müttern des Dorfes gesehen zu werden. Und doch sitzt Jesus am Brunnen, als warte er auf sie. Diese überraschende Begegnung ist ein eindrucksvolles Zeichen dafür, dass Christus – wie es Papst Franziskus gerne beschrieben hat – den „Gott der Überraschungen“ sichtbar macht: der schönsten Überraschungen, die das Leben verändern, und die er überall dort für uns bereithält, wo wir ihm begegnen, ganz gleich, wie wir mit unserem Leben vor ihm stehen.
Dieser Mann liebt die Samariterin, wie es zuvor noch niemand getan hat. Während sie nach dem Wasser für den täglichen Bedarf sucht, möchte er ihr jenes neue, lebendige Wasser schenken, das jeden Durst stillen und jede Unruhe besänftigen kann: das Wasser, das dem Herzen Gottes entspringt, unerschöpfliche Fülle all unserer Sehnsüchte. Mit dieser Initiative Jesu beginnt die Suche nach einem Gut, das größer ist als das Wasser selbst: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht“, sagt der Herr zu der Frau. Es ist kein Vorwurf, sondern eine Verheißung: „Ich bin hier, damit du Gott erkennst, der sich für dich zum Geschenk macht.“ Ja, gerade für dich, die du ihn nicht kanntest, die du dich fern und verdammt gefühlt hast. Dieses Geschenk wird dich verwandeln: Du wirst selbst zu einer Quelle, die sprudelt für das ewige Leben. Statt des früheren Durstes voller Bitterkeit und geistlicher Trockenheit, schenkt dir der Sohn Gottes ein neues Leben: ein Leben, das dem Wasser entspringt, das aus der Barmherzigkeit des Vaters strömt. Alles verwandelt sich in der Begegnung mit dem Herrn: Die durstige Frau wird zur Quelle, die Ausgestoßene zur Vertrauten. Die Frau voller Scham ist nun erfüllt von Freude; jene, die im Dorf stumm geblieben war, wird zur Missionarin für alle seine Bewohner.
Sie hätte nie gedacht, dass gerade sie, so orientierungslos und vom Leben gezeichnet, eines Tages von dem frischen Wasser – diesem reinen Geschenk Gottes – kosten und selbst zu einem Geschenk für andere werden würde. Wie konnte das geschehen? Indem sie Jesus begegnet ist und mit ihm, dem lebendigen Wort Gottes, das für unser Heil Mensch wurde, ins Gespräch eingetreten ist.
Der Evangeliumsbericht zeigt uns den Weg des Wachstums der Frau auf, die nach und nach die grundlegenden Züge der Identität Jesu erkennt: Mensch, Prophet, Messias und Erlöser. Indem sie an seiner Seite bleibt, in den Genuss seiner Gesellschaft kommt, wird die Samariterin selbst zu einer Quelle der Wahrheit. Das neue Wasser der Gabe Gottes beginnt in ihrem Herzen zu sprudeln, und sie fühlt sich sofort gedrängt, in ihr Dorf zurückzukehren, endlich frei von Scham und begierig, allen ihren Befreier Jesus zu verkünden: ihn, der dieses Wunder möglich gemacht hat. Sie läuft zu denen, die sie zuvor verurteilt hatten, während Gott ihr vergeben hat; und sie erzählt, verkündet, bezeugt. Das Bedürfnis nach Wasser, das sie zum Brunnen getrieben hatte, weicht nun dem Wunsch, allen die überwältigende Neuigkeit mitzuteilen, die sie verwandelt hat.
Liebe Freunde, durch die Taufe haben wir alle die Gnade eines neuen Wassers empfangen, das reinwäscht von aller Schuld und jeden Durst stillt. Wie der samaritanischen Frau wird auch uns heute in der Fastenzeit eine Zeit geschenkt, in der wir das Geschenk dieses Sakraments wiederentdecken können, das uns wie eine Tür in den Glauben und in das christliche Leben eintreten ließ. Als guter und fürsorglicher Hirte erwartet und begleitet uns der Herr immer dort, wo wir leben und so, wie wir sind. Mit Barmherzigkeit heilt er unsere Wunden und schenkt sich uns, damit auch wir fähig werden, unsererseits zum Geschenk für unsere Brüder und Schwestern zu werden.
Ich weiß sehr wohl, dass eure Pfarrgemeinde in einem Umfeld lebt, das mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert ist. Es mangelt nicht an besorgniserregenden Situationen der Ausgrenzung und es gibt viel materielle und moralische Armut. Auch Jugendliche und junge Erwachsene laufen Gefahr, von den Händlern des Todes getäuscht zu werden oder die Hoffnung auf die Zukunft zu verlieren. Viele warten auf eine Wohnung, eine Arbeit, die ihnen ein würdiges Leben ermöglicht – auf sichere Orte, an denen sie einander begegnen, spielen und gemeinsam etwas Schönes planen können.
Menschen, die es nach Hoffnung dürstet
Wie zum Brunnen im Evangelium kommen in diese Pfarrei Männer und Frauen, die in ihrer Seele verwundet, in ihrer Würde verletzt sind – Menschen, die es nach Hoffnung dürstet. Euch kommt die dringende und befreiende Aufgabe zu, die Nähe Jesu sichtbar zu machen; seinen Willen, unser Dasein von den Übeln zu erlösen, die es bedrohen, und uns einen Weg aufzuzeigen, der zu einem gerechten, wahren und erfüllten Leben führt. Ausgehend von der Eucharistie, dem pulsierenden Herzen jeder christlichen Gemeinschaft, ermutige ich euch, dafür zu sorgen, dass die Aktivitäten der Pfarrei Zeichen einer Kirche sind, die sich – wie eine Mutter – um ihre Kinder kümmert, sie nicht verurteilt, sondern aufnimmt, ihnen zuhört und sie in den Gefahren begleitet und stärkt. Das Wort des Evangeliums, das in uns sprudelt wie eine Quelle der Wahrheit, helfe uns, die Augen zu öffnen, damit wir die Weisheit haben zu erkennen, was gut ist und was böse, und so die Entstehung freier und reifer Gewissen fördern.
Liebe Brüder und Schwestern, geht mit Zuversicht voran! Der Herr begleitet uns in jeder Situation und ist uns Stütze auf unserem Weg. Die selige Jungfrau Maria begleite euch auf eurem Glaubensweg und schenke euch die Freude, demütige und mutige Verkünder ihres Evangeliums zu sein.
(vaticannews - übersetzung: silvia kritzenberger)
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