Leo XIV.: Als Hirte kann ich nicht für den Krieg sein
Zu Beginn der fliegenden Pressekonferenz vor etwa 70 mitreisenden Medienschaffenden ordnete Leo XIV. den Charakter seiner Afrikareise ein. „Wenn ich eine Reise mache, spreche ich für mich selbst, aber heute als Papst, Bischof von Rom, ist es vor allem eine apostolische pastorale Reise, um das Volk Gottes zu finden, zu begleiten und kennenzulernen.“ Häufig richte sich das Interesse auf politische Aussagen, der Papst betont jedoch eine andere Priorität: „Die Reise ist vor allem als Ausdruck zu verstehen, das Evangelium zu verkünden, die Botschaft Jesu Christi zu verkünden.“
Diese Verkündigung führe ihn nah an die Menschen. „Das ist eine Weise, sich dem Volk zu nähern, in seiner Freude, in der Tiefe seines Glaubens, aber auch in seinem Leiden.“ Gespräche mit Staatschefs gehörten dazu, um Veränderungen anzustoßen. „Es ist wichtig, auch mit den Staatsoberhäuptern zu sprechen, um einen Mentalitätswandel zu fördern oder eine größere Offenheit für das Wohl des Volkes zu erreichen.“ Rückblickend zog der Papst ein positives Fazit: „Ich bin sehr zufrieden mit der gesamten Reise, aber das Leben, das Begleiten, das Gehen mit dem Volk von Äquatorialguinea war wirklich ein Segen.“
Kultur des Friedens statt Gewalt als erste Reaktion
Im Blick auf internationale Konflikte formulierte Leo XIV. eine klare Absage an Gewalt. „Ich möchte damit beginnen zu sagen, dass wir eine neue Haltung und eine Kultur des Friedens fördern müssen“, sagte er bei der Pressekonferenz. Häufig sei die erste Reaktion auf Krisen Gewalt - mit dramatischen Folgen: „Wir haben gesehen, dass viele Unschuldige gestorben sind.“
Der Papst verwies auf konkrete Schicksale. „Ich habe gerade den Brief einiger Familien von Kindern gesehen, die am ersten Tag des Angriffs gestorben sind.“ Diese Familien berichteten vom Verlust ihrer Kinder. Daraus leitet er eine grundsätzliche Perspektive ab: „Die Frage ist nicht, ob sich ein Regime ändert oder nicht, die Frage ist, wie wir die Werte fördern, an die wir glauben, ohne den Tod so vieler Unschuldiger.“
Zur Lage im Iran äußert sich Leo XIV. zurückhaltend, die Lage sei „offensichtlich sehr komplex.“ Die Verhandlungen verliefen widersprüchlich. „An einem Tag sagt Iran ja und die Vereinigten Staaten sagen nein und umgekehrt, und wir wissen nicht, wohin es geht.“ Die Menschen im Land spürten die Folgen stark: „Es gibt eine ganze Bevölkerung im Iran von unschuldigen Menschen, die unter diesem Krieg leiden.“
Auf einer grundsätzlichen Ebene rief der Papst abermals zu Dialog und Einhaltung des Völkerrechts auf. Er forderte, „dass die Parteien alle Anstrengungen unternehmen, um den Frieden zu fördern, die Bedrohung durch den Krieg zu beseitigen und das internationale Recht zu respektieren.“ Besonders hob er den Schutz von Zivilisten hervor: „Es ist sehr wichtig, dass die Unschuldigen geschützt werden.“
Er selbst trage das Foto eines muslimischen Kindes bei sich, sagte Papst Leo; der Junge sei im Libanon bei seinem Besuch mit einem Schild dagestanden, auf dem „Willkommen Papst Leo“ stand. In der Zwischenzeit sei das Kind im Krieg gestorben. „Als Kirche – ich sage es noch einmal – als Hirte kann ich nicht für den Krieg sein“, erklärte Leo. „Und ich möchte alle ermutigen, sich dafür einzusetzen, Antworten zu suchen, die aus einer Kultur des Friedens kommen und nicht aus Hass und Spaltung."
Auch die Migrationsfrage nahm breiten Raum bei der Pressekonferenz ein. Der Papst beschrieb sie als globales Phänomen. Er wolle seine Antwort aber mit einer Gegenfrage beginnen: „Was tut der Norden der Welt, um dem Süden der Welt zu helfen?“ Viele junge Menschen sähen keine Perspektive in ihren Herkunftsländern und träumten deshalb davon, in den Norden zu gehen.“ Gleichzeitig fehlten in den Zielländern Lösungen. „Der Norden hat oft keine Antworten darauf, wie man ihnen Möglichkeiten bieten kann.“ Der Papst verwies auch auf kriminelle Strukturen, das Thema Menschenhandel gehöre ebenfalls zur Migration.
Im Anliegen, Grenzen zu schützen, sieht Papst Leo nichts Falsches. „Ich persönlich bin der Meinung, dass ein Staat das Recht hat, an seinen Grenzen Regeln festzulegen. Ich sage nicht, dass jeder ungeordnet einreisen darf, was an den Orten, an denen sie ankommen, manchmal zu Situationen führt, die ungerechter sind als jene, die sie zurückgelassen haben."
Zugleich beanstandete der Papst eine fehlende Verantwortung der Politik und der Gesellschaft im Westen für jene, die keine andere Wahl als Migration haben. „Ich frage mich: Was tun wir in den reicheren Ländern, um die Situation in den ärmeren Ländern zu verändern?“ In diesem Zug kritisierte der Papst rücksichtslose wirtschaftliche Ausbeutung. „Vielen Menschen gilt Afrika als ein Ort, an dem man Mineralien abholen kann, seine Reichtümer für den Reichtum anderer Länder. Vielleicht sollten wir auf weltweiter Ebene mehr daran arbeiten, Gerechtigkeit, Gleichheit und die Entwicklung dieser Länder Afrikas zu fördern, damit sie nicht gezwungen sind auszuwandern.“
Darüber hinaus betonte Leo die unverbrüchliche Würde jedes einzelnen Menschen, der zum Migranten wird. „In jedem Fall sind es Menschen, und wir müssen Menschen menschlich behandeln, nicht sie oft schlechter behandeln als Tiere.“ Das ganze Thema Migration eine große Herausforderung, so der Papst weiter: „Ein Land mag zwar behaupten, nicht mehr als diese bestimmte Zahl aufnehmen zu können, doch wenn die Menschen ankommen, sind sie Menschen und verdienen den Respekt, der jedem Menschen aufgrund seiner Würde zusteht.“
Diplomatie mit autoritären Staaten? „Hinter den Kulissen wird viel gearbeitet"
Auf eine Frage zum Thema Diplomatie verteidigte Leo XIV. die Kontakte des Heiligen Stuhls zu autoritären Regimen. Es koste den Heiligen Stuhl manchmal auch Opfer, diplomatische Beziehungen zu bestimmten Ländern aufrecht zu erhalten. Man habe aber so die Möglichkeit, mit ihnen auf diplomatischer Ebene zu sprechen und manches Anliegen voranzubringen. „Wir geben nicht immer große Erklärungen ab, in denen wir Kritik üben, Urteile fällen oder Verurteilungen aussprechen. Aber hinter den Kulissen wird sehr viel Arbeit geleistet, um Gerechtigkeit zu fördern, humanitäre Anliegen voranzubringen, manchmal nach Fällen zu suchen, in denen es politische Gefangene gibt, und einen Weg zu finden, sie freizubekommen.“ Der Heilige Stuhl versuche, unter Wahrung der Neutralität und auf der Suche nach Wegen, um positive diplomatische Beziehungen zu vielen verschiedenen Ländern aufrechtzuerhalten, das Evangelium auf konkrete Situationen anzuwenden, damit sich das Leben der Menschen verbessern kann.“
Segensfeiern für homosexuelle Paare: Nein vom Heiligen Stuhl
Zur innerkirchlichen Debatte über Segensfeiern für homosexuelle Paare formulierte der Papst die Position des Heiligen Stuhles in aller Klarheit. Er ordnet das Thema zunächst ein: „Ich glaube, es ist sehr wichtig zu verstehen, dass die Einheit oder Spaltung der Kirche sich nicht um sexuelle Fragen drehen sollte.“ Andere Fragen seien „viel größer und wichtiger", etwa Gerechtigkeit, Gleichheit, die Freiheit von Männern und Frauen sowie Religionsfreiheit.
Zur konkreten Entscheidung in Deutschland, formelle kirchliche Segensfeiern für homosexuelle Paare einzuführen, äußerte er sich eindeutig. „Der Heilige Stuhl hat bereits mit den deutschen Bischöfen gesprochen. Der Heilige Stuhl hat deutlich gemacht, dass wir mit der formellen Segnung von Paaren – in diesem Fall homosexuellen Paaren, wie Sie gefragt haben, oder Paaren in irregulären Lebenssituationen – nicht einverstanden sind, sofern dies über das hinausgeht, was Papst Franziskus, wenn man so will, ausdrücklich zugelassen hat, als er sagte, dass alle Menschen den Segen empfangen." Anders verhalte es sich mit der bestehenden Praxis allgemeiner Segnungen. „Wenn ein Priester am Ende der Messe den Segen gibt, wenn der Papst am Ende einer großen Feier den Segen gibt, dann gibt es Segnungen für alle Menschen.“
Leo kam auch auf das bekannte Wort der Inklusion „alle, alle, alle“ seines Vorgängers Franziskus zu sprechen. Diese Formulierung bringe „die Überzeugung der Kirche zum Ausdruck, dass alle willkommen sind, alle eingeladen sind, Jesus nachzufolgen, und alle dazu eingeladen sind, in ihrem Leben nach Bekehrung zu streben. Wenn wir heute darüber hinausgehen, könnte dies meiner Meinung nach eher Uneinigkeit als Einheit hervorrufen, und wir sollten versuchen, unsere Einheit auf Jesus Christus zu gründen und auf das, was Jesus Christus lehrt."
Schließlich nahm Leo XIV. auch zur Todesstrafe Stellung. „Ich verurteile alle ungerechten Handlungen. Ich verurteile die Tötung von Menschen. Ich verurteile die Todesstrafe.“ Seine Begründung ist grundlegend: „Ich glaube, dass das menschliche Leben respektiert werden muss und dass das Leben aller Menschen – von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod – respektiert und geschützt werden muss.“ Daraus folgt ein klares Urteil über staatliches Handeln: „Wenn ein Regime, wenn ein Land Entscheidungen trifft, die anderen Menschen ungerecht das Leben nehmen, dann ist das offensichtlich etwas, das verurteilt werden muss.“
(vatican news – gs)
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