Papst bei Uni: Wirklichkeit nicht „nach eigenen Maßstäben“ zurechtbiegen

Vor der akademischen Gemeinschaft und Kulturvertretern von Äquatorialguinea hat Papst Leo dazu eingeladen, den künftigen Generationen „Intelligenz und Redlichkeit“ sowie „Sachkenntnis und Weisheit“ zu vermitteln“. Diese Errungenschaften müssten allerdings in den Dienst des Gemeinwohls gestellt werden, so der Papst.

Er äußerte sich am Dienstagabend aus Anlass der Einweihung des neuen Campus der Nationaluniversität, der seinen Namen trägt – in dem Bewusstsein, „dass eine solche Ehre über die Person hinausgeht und vielmehr auf die Werte verweist, die wir gemeinsam vermitteln möchten“, so Papst Leo bei seiner zweiten Ansprache in Äquatorialguinea. Die wichtigste Universität des Landes befindet sich bei Malabo, der ehemaligen Hauptstadt auf einer dem Festlandteil vorgelagerten Insel.

Die Einweihung eines Universitätsstandorts, so Papst Leo an sein Publikum, das aus Akademikern und Vertretern der Kulturlandschaft bestand, sei „mehr als ein Verwaltungsakt“ und eine „bloße Erweiterung der Infrastruktur“. Vielmehr handele es sich um „eine Geste des Vertrauens in den Menschen“: „eine Bekräftigung der Tatsache, dass es sich lohnt, weiterhin auf die Bildung der kommenden Generationen und auf jene ebenso anspruchsvolle wie edle Aufgabe zu setzen, die darin besteht, nach der Wahrheit zu suchen und das Wissen in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen.“

Ein herzlicher Empfang für den Papst
Ein herzlicher Empfang für den Papst   (@Vatican Media)
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Lebendiger Organismus

Insofern habe dieser Moment auch eine Bedeutung, die „weit über die materiellen Grenzen des Ortes und der Gebäude“ hinausgehe, und auch einen Raum für „Hoffnung“, „Begegnung“ und „Fortschritt“ eröffne, gab der Papst zu bedenken: „Denn jedes echte Bildungswerk ist dazu berufen, nicht nur strukturell zu wachsen, sondern als lebendiger Organismus.“

Diese Überlegung führte ihn zu einer Metapher, unter Bezugnahme auf den Nationalbaum Ceiba, der nicht nur im Logo der Universität zu entdecken ist, sondern auch in der Landesflagge und laut Papst Leo auch gelesen werden kann „als Gleichnis für das, was eine Hochschule sein soll: Fest verwurzelt in der Ernsthaftigkeit des Studiums, im lebendigen Gedächtnis eines Volkes und im beharrlichen Streben nach der Wahrheit.“

Nur auf diese Weise sei es möglich, zu wachsen, „ohne den Kontakt zu der geschichtlichen Wirklichkeit zu verlieren“ und den neuen Generationen „neben den Werkzeugen für den beruflichen Erfolg auch einen Sinn im Leben, Kriterien zur Unterscheidung und Beweggründe zum Dienen“ vermitteln.

Bei der Begegnung
Bei der Begegnung   (@Vatican Media)

Biblische Bäume als Metapher

Man könne die Geschichte des Menschen auch anhand der Symbolik zweier biblischer Bäume deuten, des „Baums des Kreuzes“ und des Baums der Erkenntnis von Gut und Böse im Garten Eden, dessen Früchte die Bewohner des Paradieses nach Gottes Anweisung nicht essen sollten- doch habe es sich bei diesem Verbot keineswegs um eine „Verurteilung der Erkenntnis“ an sich gehandelt, als ob Glaube und Wissensdrang in Widerspruch zueinander stünden:

„Das Problem liegt (…) nicht in der Erkenntnis selbst, sondern in ihrer Abwandlung zu einer Intelligenz, die nicht mehr versucht, der Wirklichkeit zu entsprechen, sondern diese nach den eigenen Maßstäben zurechtzubiegen und sie nach dem Belieben derer zu beurteilen, die behaupten, sich auszukennen“, gab Leo zu bedenken. Wenn dies geschehe, höre das Wissen auf, „Offenheit zu sein“ und werde „zu Besitz“:

„Es hört auf, ein Weg zur Weisheit zu sein, und verwandelt sich in eine hochmütige Behauptung der Selbstgenügsamkeit, wodurch es den Weg für Verirrungen ebnet, die bis zur Unmenschlichkeit führen können.“

Eine Vorführung für Papst Leo XIV.
Eine Vorführung für Papst Leo XIV.   (@Vatican Media)

Wahrheit nicht manipulieren oder besitzen

Doch die biblische Tradition kenne noch einen anderen Baum, den „Baum des Kreuzes“, was nicht so sehr als „Verneinung menschlicher Intelligenz“, sondern als „Zeichen ihrer Erlösung“ zu bewerten sei. Während im Buch Genesis im Zusammenhang mit dem Baum der Erkenntnis von „der Versuchung eines von der Wahrheit und dem Guten losgelösten Wissens“ die Rede sei, offenbare das Kreuz hingegen die Wahrheit, dass Jesus sich selbstlos und demütig hingebe, und den Menschen somit zu seiner von Anfang an zugedachten Würde erhebe.

In Christus werde der „tiefe Einklang von Wahrheit, Vernunft und Freiheit“ sichtbar. Der Baum des Kreuzes lehre, „dass Erkennen bedeutet, sich der Wirklichkeit zu öffnen, ihren Sinn anzunehmen und ihr Geheimnis zu bewahren“: „So bleibt die Suche nach der Wahrheit wahrhaft menschlich: demütig, ernsthaft und offen für eine Wahrheit, die uns vorausgeht, uns ruft und uns übersteigt.“

Ein neuer Campus wurde nach Papst Leo benannt
Ein neuer Campus wurde nach Papst Leo benannt   (@Vatican Media)

Qualität, nicht Quantität der Früchte

Doch – so Papst Leo mit Blick auf die Baummetapher weiter – es sei nicht ausreichend, dass ein Baum zahlreiche Früchte trage. Vielmehr komme es auch auf die Qualität an, ähnlich wie an einer Universität, deren Erfolg nicht nur an der Zahl der Absolventen oder der Größe ihrer Infrastruktur gemessen werden könne, sondern von der „Qualität der Studenten, die sie für das Leben der Gemeinschaft hervorbringt“.

Diese Feststellung verband Papst Leo XIV. auch mit einer Einladung an die Universitätsgemeinschaft, ihre akademische Ausbildung auf das Gemeinwohl auszurichten. Der Nationalbaum, die Ceiba Äquatorialguinea, sei dazu berufen, „Früchte eines solidarischen Fortschritts zu tragen, einer Erkenntnis, die den Menschen auf ganzheitliche Weise veredelt und fördert. Sie ist dazu berufen, Früchte der Intelligenz und Redlichkeit, der Sachkenntnis und Weisheit, der Exzellenz und des Dienstes hervorzubringen“, so der abschließende Appell des Papstes an der wichtigsten Universität Äquitorialguineas.

Bei der Begegnung
Bei der Begegnung   (@Vatican Media)

Erfahrungsberichte und Versprechen

Bei der Begegnung war auch Raum für Erfahrungsberichte der akademischen Welt sowie für künstlerische Vorführungen zu Ehren des hohen Gastes. „Wir übernehmen verantwortungsbewusst die Verpflichtung, uns nicht nur akademisch, sondern auch in Bezug auf Werte weiterzubilden“, versprach ein Student dem Papst. Der Rektor der Einrichtung verwies auf die von Papst Leo genannte Verpflichtung, sich für die ganzheitliche menschliche Entwicklung einzusetzen, die seine Universität teile. 

Ein Dozent wiederum bezeichnete die Lehrenden in seiner Ansprache als „Zukunftsgestalter“, da sie mit der wertvollsten Ressource eines Landes arbeiteten: seinen jungen Menschen. „Unsere Mission ist klar“, unterstrich der Professor, „fähige, kritische und engagierte Generationen auszubilden, die bereit sind, sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen und zur nachhaltigen Entwicklung Äquatorialguineas beizutragen“.

Der Präsident des Rates für wissenschaftliche und technologische Forschung der Universität betonte in seiner Ansprache - die nach einem choreografierten traditionellen Willkommenstanz für den Papst verlesen wurde – dass wir „eine Zeit außerordentlicher Fortschritte“ erlebten, in welcher künstliche Intelligenz und Biotechnologie  zwar unvorstellbare Möglichkeiten eröffneten, aber auch „tiefgreifende Fragen“ aufwürfen, die die Ethik, die Menschenwürde und den „Sinn unseres Handelns“ beträfen. Ein Labyrinth, in dem nur die christlichen Werte den Faden der Ariadne darstellen, mit dem wir Orientierung finden können: „Wissenschaft und Technologie sind mächtige Werkzeuge, aber die wahre Herausforderung liegt in der Art und Weise, wie wir sie nutzen.“ In diesem Sinne biete die christliche Moraltradition eine grundlegende Orientierung: „Es geht nicht darum, den Fortschritt zu bremsen, sondern sicherzustellen, dass er stets im Dienst des Menschen und des Gemeinwohls steht“, schloss der Akademiker.

Papst Leo enthüllt die Gedenktafel
Papst Leo enthüllt die Gedenktafel   (@Vatican Media)

Zum Ende der Veranstaltung enthüllte Papst Leo die Tafel zur Einweihung des neuen Campus und verabschiedete sich mit einem Segen von den Anwesenden, um zur nächsten Begegnung aufzubrechen: Direkt im Anschluss wurde er in der knapp 10 Kilometer entfernten psychiatrischen Klinik „Jean-Pierre Olie“ erwartet, wo er mit Patienten und Betreuern sprechen wollte.

(vatican news - cs)

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21. April 2026, 18:19