Wortlaut: Papst an die Autoritäten in Kamerun
Alle Papstansprachen in den offiziellen Übersetzungen finden Sie auf www.vatican.va, der offiziellen Internetseite des Vatikans.
Herr Präsident,
verehrte Autoritäten und Mitglieder des Diplomatischen Corps,
meine Damen und Herren!
Ich danke Ihnen von Herzen für den freundlichen Empfang und die Begrüßungsworte. Es ist mir eine große Freude, hier in Kamerun zu sein, das wegen des Reichtums seiner Landschaften, Kulturen, Sprachen und Traditionen oft als „Afrika im Kleinen“ bezeichnet wird. Diese Vielfalt ist keine Schwäche, sondern ein Schatz. Sie ist ein Versprechen der Brüderlichkeit und ein solides Fundament für den Aufbau eines dauerhaften Friedens.
Ich komme zu Ihnen als Hirte und als Diener des Dialogs, der Brüderlichkeit und des Friedens. Mein Besuch ist Ausdruck der Zuneigung des Nachfolgers Petri für alle Kameruner sowie des Wunsches, einen jeden zu ermutigen, mit Begeisterung und Ausdauer am Aufbau des Gemeinwohls weiterzuarbeiten. Wir leben nämlich in einer Zeit, in der Resignation um sich greift und das Gefühl der Ohnmacht die Erneuerung zu lähmen droht, die die Völker tief in sich spüren. Wie groß ist der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit! Wie groß ist der Durst nach Teilhabe, nach Visionen, nach mutigen Entscheidungen und nach Frieden! Es ist mein großer Wunsch, die Herzen aller zu erreichen, insbesondere die der jungen Menschen, die dazu berufen sind, einer gerechteren Welt Gestalt zu geben, auch in politischer Hinsicht. Ich möchte zudem den Willen bekunden, die Bande der Zusammenarbeit zwischen dem Heiligen Stuhl und der Republik Kamerun zu stärken, die auf gegenseitigem Respekt, der Würde jedes Menschen und der Religionsfreiheit beruhen.
Boten der Hoffnung
Kamerun erinnert sich an die Besuche meiner Vorgänger: an den des heiligen Johannes Paul II., des Boten der Hoffnung für alle Völker Afrikas, und an den von Benedikt XVI., der die Bedeutung von Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden sowie die moralische Verantwortung der Regierenden hervorgehoben hat. Ich weiß, dass diese Momente Ihre nationale Geschichte geprägt haben, als eindringliche Ermutigung zu einem Geist des Dienens, zur Einheit und zur Gerechtigkeit. Wir können uns daher fragen: Wo stehen wir heute? Inwiefern hat das Wort, das uns verkündet wurde, Früchte getragen? Und was ist noch zu tun?
Der heilige Augustinus schrieb vor 1600 Jahren Worte, die auch heute noch von großer Aktualität sind: Es »dienen auch die, welche befehlen, denen, welchen sie zu befehlen scheinen. Denn nicht die Lust zu herrschen, sondern die Pflicht zu helfen heißt sie befehlen, nicht ehrgeiziger Hochmut, sondern fürsorgliches Erbarmen«.[1] So gesehen bedeutet, seinem Land zu dienen, sich mit klarem Verstand und reinem Gewissen dem Gemeinwohl des ganzen Volkes zu widmen: der Mehrheit, der Minderheiten und der Harmonie zwischen ihnen.
Wie viele andere Nationen durchlebt auch Ihr Land aktuell schwierige Zeiten. Die Spannungen und Gewalttaten, die einige Regionen im Nordwesten, Südwesten und im hohen Norden heimgesucht haben, haben großes Leid verursacht: Menschen sind ums Leben gekommen, Familien haben ihr Zuhause verloren, Kinder können nicht zur Schule gehen, junge Menschen sehen keine Zukunft für sich. Hinter den Statistiken verbergen sich Gesichter, Geschichten und verletzte Hoffnungen. Angesichts solch dramatischer Situationen habe ich Anfang dieses Jahres die Menschheit dazu aufgerufen, der Logik der Gewalt und des Krieges eine Absage zu erteilen und einen Frieden anzustreben, der auf Liebe und Gerechtigkeit gründet. Einen Frieden, der unbewaffnet ist, also nicht auf Angst, Drohungen oder Waffen beruht; und einen Frieden, der entwaffnend ist, weil er Konflikte lösen, Herzen öffnen und Vertrauen, Empathie und Hoffnung wecken kann. Frieden darf nicht auf Slogans reduziert werden: Er muss in einem persönlichen und institutionellen Verhalten zum Ausdruck kommen, das jede Form von Gewalt ablehnt. Deshalb bekräftige ich mit Nachdruck: »Die Welt dürstet nach Frieden […]. Es ist genug mit den Kriegen, mit ihren leidvollen Häufungen von Toten, Zerstörungen und Vertriebenen!«[2] Dieser Ruf versteht sich als Appell an den Willen, zu einem echten Frieden beizutragen und diesen allen Partikularinteressen überzuordnen.
Frieden muss angenommen und gelebt werden
Frieden lässt sich nämlich nicht per Dekret verordnen: Er muss angenommen und gelebt werden. Er ist ein Geschenk Gottes, das sich in geduldiger und gemeinschaftlicher Arbeit entwickelt. Er liegt in der Verantwortung aller, vor allem der zivilen Autoritäten. Regieren bedeutet, das eigene Land und auch die Nachbarländer zu lieben; auch in den internationalen Beziehungen gilt das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Regieren bedeutet, den Bürgern wirklich zuzuhören, ihre Intelligenz und ihre Fähigkeiten, die zu dauerhaften Lösungen von Problemen beitragen, wertzuschätzen. Papst Franziskus hat darauf hingewiesen, dass es notwendig ist, »diese Vorstellung von einer Sozialpolitik« zu überwinden, »die verstanden wird als eine Politik gegenüber den Armen, aber nie mit den Armen, die nie die Politik der Armen ist und schon gar nicht in einen Plan integriert ist, der die Völker wieder miteinander vereint«.[3]
Bei diesem neuen Ansatz ist die Zivilgesellschaft als eine treibende Kraft für den nationalen Zusammenhalt anzusehen. Dies ist ein Schritt, zu dem auch Kamerun bereit ist! Vereine, Frauen- und Jugendorganisationen, Gewerkschaften, humanitäre NGOs, traditionelle und religiöse Führer: Sie alle spielen eine unersetzliche Rolle beim Aufbau des sozialen Friedens. Sie sind die Ersten, die bei Spannungen eingreifen; sie begleiten Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten, unterstützen die Opfer, schaffen Räume für den Dialog und fördern die lokale Mediation. Ihre Nähe zum Geschehen vor Ort ermöglicht es, die tieferen Ursachen von Konflikten zu verstehen und geeignete Lösungen zu erkennen. Die Zivilgesellschaft trägt zudem dazu bei, das Gewissen zu bilden, eine Kultur des Dialogs zu fördern und die Achtung der Unterschiede zu vermitteln. Auf diese Weise schafft sie in ihrem Inneren die Voraussetzungen für eine Zukunft, die weniger von Unsicherheit geprägt ist. Dankbar möchte ich die Rolle der Frauen hervorheben. Oft sind sie, leider, die ersten Opfer von Vorurteilen und Gewalt, und doch bleiben sie unermüdliche Friedensstifterinnen. Ihr Engagement in den Bereichen Bildung, Mediation und Wiederaufbau des sozialen Gefüges ist unvergleichlich und zügelt Korruption und Machtmissbrauch. Auch aus diesem Grund muss ihre Stimme in Entscheidungsprozessen voll und ganz anerkannt werden.
Transparenz und Achtung
Angesichts dieses großzügigen gesellschaftlichen Engagements sind Transparenz bei der Verwaltung öffentlicher Mittel und die Achtung der Rechtsstaatlichkeit unerlässlich, um das Vertrauen wiederherzustellen. Es ist an der Zeit, eine Gewissensprüfung zu wagen und einen mutigen Qualitätssprung zu vollziehen. Gerechte und glaubwürdige Institutionen werden zu Säulen der Stabilität. Die öffentliche Hand ist dazu aufgerufen, eine Brücke zu sein, niemals ein Faktor der Spaltung, auch dort, wo Unsicherheit zu herrschen scheint. Sicherheit ist eine Priorität, muss aber stets unter Achtung der Menschenrechte ausgeübt werden, in einer Verbindung von Strenge und Großzügigkeit, mit besonderem Augenmerk auf die Schwächsten. Echter Frieden entsteht, wenn sich jeder sicher, verstanden und respektiert fühlt, wenn das Gesetz ein sicherer Schutzwall gegen die Willkür der Reichsten und Stärksten ist.
Bei genauerer Betrachtung, Brüder und Schwestern, erfordern die hohen Ämter, die ihr bekleidet, ein doppeltes Zeugnis. Das erste Zeugnis verwirklicht sich in der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Organen und Verwaltungsebenen des Staates im Dienst am Volk und insbesondere an den Ärmsten; das zweite Zeugnis entsteht durch die Verbindung eurer institutionellen und beruflichen Verantwortlichkeiten mit einem untadeligen Lebenswandel.[4] Damit Frieden und Gerechtigkeit sich durchsetzen können, müssen nämlich die Ketten der Korruption gesprengt werden, die die Obrigkeit in Verruf bringen und ihr ihre Autorität nehmen. Das Herz muss von jenem Gewinnstreben befreit werden, das Götzendienst ist: Der wahre Gewinn ist die ganzheitliche menschliche Entwicklung, also das ausgewogene Wachstum all jener Aspekte, die das Leben in diesem Land zu einem Segen machen.
Ressourcen des Landes
Kamerun verfügt über die menschlichen, kulturellen und geistigen Ressourcen, die notwendig sind, um Prüfungen und Konflikte zu überwinden und auf eine stabile Zukunft in gemeinsamem Wohlstand zuzugehen. Das gemeinsame Engagement für Dialog, Gerechtigkeit und ganzheitliche Entwicklung muss die Verletzungen der Vergangenheit in Quellen der Erneuerung verwandeln. Wie ich bereits sagte, sind die jungen Menschen die Hoffnung des Landes und der Kirche. Ihre Energie und ihre Kreativität sind unschätzbare Reichtümer. Wenn jedoch Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung fortbestehen, kann Frustration natürlich zu Gewalt führen. In die Bildung, Ausbildung und die unternehmerischen Fähigkeiten der jungen Menschen zu investieren, ist daher eine strategische Entscheidung für den Frieden. Es ist die einzige Möglichkeit, den Abfluss wunderbarer Talente in andere Regionen der Welt einzudämmen. Es ist auch die einzige Möglichkeit, den Plagen des Drogenmissbrauchs, der Prostitution und der Apathie entgegenzuwirken, die allzu viele junge Leben auf immer dramatischere Weise zerstören.
Gott sei Dank mangelt es den jungen Menschen in Kamerun nicht an einer tiefen Spiritualität, die sich noch immer der Gleichmacherei des Marktes widersetzt. Es ist eine Kraft, die ihre Träume wertvoll macht, welche in den Prophetien wurzeln, die ihr Gebet und ihre Herzen nähren. Religiöse Traditionen, sofern sie nicht durch das Gift des Fundamentalismus verfälscht werden, bringen Propheten des Friedens, der Gerechtigkeit, der Vergebung und der Solidarität hervor. Indem sie den interreligiösen Dialog fördern und religiöse Führer in Initiativen der Vermittlung und Versöhnung miteinbeziehen, können Politik und Diplomatie auf moralische Kräfte zurückgreifen, die in der Lage sind, Spannungen abzubauen, Radikalisierungen vorzubeugen und eine Kultur der Wertschätzung und des gegenseitigen Respekts zu fördern. Die katholische Kirche in Kamerun möchte durch ihre Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sowie ihre Wohltätigkeitsarbeit weiterhin allen Bürgern ohne Unterschied dienen. Sie möchte loyal mit den zivilen Autoritäten und allen dynamischen Kräften der Nation zusammenarbeiten, um die Menschenwürde und die Versöhnung zu fördern. Wo immer möglich, beabsichtigt sie, die Zusammenarbeit mit anderen Ländern sowie die Verbindungen zwischen den Kamerunern in der Welt und ihren Herkunftsgemeinschaften zu erleichtern.
Gott segne Kamerun, er stehe seinen Führern bei, inspiriere die Zivilgesellschaft, erleuchte die Arbeit des diplomatischen Korps und schenke dem gesamten kamerunischen Volk – Christen und Nichtchristen, politischen Entscheidungsträgern und Bürgern – die Gnade, das Reich Gottes anzunehmen und gemeinsam eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden aufzubauen.
(vatican news - mg)
[1] Hl. Augustinus, De civitate Dei, XIX, 14.
[2] Ansprache beim Gebetstreffen für den Frieden (28. Oktober 2025).
[3] Papst Franziskus, Ansprache an die Teilnehmer des 3. Welttreffens der Volksbewegungen (5. November 2016).
[4] Ansprache an die Präfekten der Republik Italien (16. Februar 2026).
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