Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan

„Asymmetrie zwischen technischer Macht und moralischer Weisheit"

Die fortschreitende Digitalisierung und die Entwicklung künstlicher Intelligenz erfordern nach Ansicht des vatikanischen Kardinalstaatssekretärs Pietro Parolin ein neues globales Verantwortungsbewusstsein. Bei der Vorstellung der neuen Enzyklika „Magnifica humanitas“ betonte Parolin die Notwendigkeit, den technologischen Wandel an ethischen Kriterien auszurichten. Zusammen mit ihm sprachen auch die Kardinäle Víctor Manuel Fernández und Michael Czerny sowie drei Experten - daunter zwei Frauen.

Mario Galgano, Anne Preckel und Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin warnte vor den weitreichenden gesellschaftlichen Konsequenzen einer ungesteuerten technologischen Entwicklung. Die technische Leistungskraft wachse derzeit mit einer Geschwindigkeit, welche die Anpassungsfähigkeit gesellschaftlicher Institutionen und des individuellen Gewissens zu überfordern drohe. Zwischen der rasanten Zunahme technischer Macht und der Ausbildung moralischer Weisheit bestehe eine besorgniserregende Asymmetrie.

Zum Nachhören - was bei der Vorstellung der Enzyklika gesagt wurde

Die Digitalisierung erfasse alle wesentlichen Bereiche des zeitgenössischen Lebens, wozu neben der Würde der Person und der Gestaltung der Arbeitswelt auch die Bewahrung der Freiheit, die Qualität sozialer Bindungen sowie das Fundament von Gerechtigkeit und Frieden gehören. Die Kirche verstehe diese Transformation als eine tiefgreifende Epochenwende. Anders als im Zeitalter der Industriellen Revolution suche sie heute jedoch den direkten, partnerschaftlichen Austausch mit den gestaltenden Akteuren aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Ziel sei es, ein moralisches Bewusstsein in die Entwicklung einzubringen, damit fortschrittliche Technologien nicht den Maßstab für echten Fortschritt verlieren. Die entscheidenden Fragen der Gegenwart seien nicht technischer, sondern anthropologischer Natur, da es im Kern um die Identität und die Zukunft der Menschheit gehe. Daher reichten rein rechtliche Regelungen nicht aus, sondern es bedürfe einer pädagogischen und kulturellen Bildung, um die menschliche Freiheit in einer automatisierten Umgebung zu bewahren.

Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan mit Papst Leo XIV.

„Die Kirche versteht diese Transformation als eine tiefgreifende Epochenwende.“

Kardinal Parolin und Papst Leo XIV. bei der Vorstellung der Enzyklika im Vatikan
Kardinal Parolin und Papst Leo XIV. bei der Vorstellung der Enzyklika im Vatikan   (@Vatican Media)

Die unantastbare Würde des Menschen gegenüber dem Posthumanismus

Der Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Kardinal Víctor Manuel Fernández, hob den theologischen Kern des Sozialdokuments hervor. Er konzentrierte sich auf die Abschnitte 118 bis 130, die das spirituelle Leben und den Bund der Liebe zwischen Mensch und Gott beschreiben. Der Titel „Magnifica humanitas“ lade dazu ein, die Menschheit trotz ihrer Verfehlungen als großartig zu betrachten. Das Dokument verschließe nicht die Augen vor den schweren Verwundungen der Gegenwart, wie den völkerrechtswidrigen Kriegen, in denen Tausende Kinder sterben, modernen Formen der Sklaverei oder einem grassierenden Zynismus. Dennoch verliere der Mensch niemals seine unendliche, gottgegebene Würde und die Fähigkeit zu lieben.

Als Gegenpol zu diesen Krisen verweist die Enzyklika auf historische Glanzlichter menschlichen Wirkens. Dazu zählen Meisterwerke der Kultur wie Beethovens Neunte Sinfonie, Picassos Guernica und der Film Schindlers Liste von Steven Spielberg, die einen Funken des Guten und Schönen bewahren. Ebenso genannt werden die Gründung humanitärer Institutionen wie des Roten Kreuzes und der Vereinten Nationen sowie der Einsatz herausragender Persönlichkeiten wie Martin Luther King, Nelson Mandela, Mutter Teresa oder Dorothy Day. Auch das Zeugnis von Märtyrern der Gerechtigkeit wie Maximilian Kolbe, Oscar Romero, Enrique Angelelli oder François-Xavier Nguyễn Văn Thuận sowie den zahllosen Märtyrern des Alltags in Pflege, Medizin und Familie wird gewürdigt.

Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan
Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan   (@Vatican Media)

Fernández nutzte diese Beispiele für eine scharfe Abgrenzung gegenüber Strömungen des Trans- und Posthumanismus. Während der Transhumanismus verspreche, das Leben durch hochentwickelte Geräte in ein fehlerfreies Paradies zu verwandeln, zeige die Realität, dass technologische Ressourcen oft eine innere Leere zurücklassen. Ein Posthumanismus, der den Menschen als unzuverlässiges System betrachte und durch Algorithmen ersetzen wolle, verkenne das Wesentliche, da es ohne das moralische Gewissen, das Leiden und die leibliche Existenz des Menschen keinen echten Fortschritt gebe. Technologie könne die spirituelle Tiefe und die Sehnsucht nach Gott nicht reproduzieren.

„Technologie kann die spirituelle Tiefe und die Sehnsucht nach Gott nicht reproduzieren.“

Die digitale Welt als unfertige Baustelle

Kardinal Michael Czerny, Präfekt des Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen, würdigte KI als ein bemerkenswertes Produkt der menschlichen Erfindungskraft und als Ausdruck der Teilhabe an der göttlichen Kreativität. Dennoch mahnte er zu nüchterner Unterscheidungskraft. Der digitale Wandel vollziehe sich im Gegensatz zu früheren historischen Umwälzungen nicht schrittweise, sondern in extrem schnellen Sprüngen.

Unter Verweis auf das in der Enzyklika genutzte Bild von der Baustelle unserer Zeit betonte Czerny, dass die Richtung dieser Entwicklung nicht technologisch determiniert sei. Sie hänge vollständig von menschlichen Entscheidungen und institutionellen Rahmenbedingungen ab. Es müsse verhindert werden, dass KI zu einer extremen Machtkonzentration und zur Verschärfung globaler Ungleichheiten beiträgt. Zudem dürfe die enorme materielle Dimension nicht übersehen werden, da der gigantische Energie- und Ressourcenverbrauch moderner Rechenzentren die digitale Transformation zu einer hochgradig ökologischen Frage mache. Der christliche Glaube halte dem die Überzeugung entgegen, dass der Mensch immer weit mehr ist als die Summe seiner Datenprofile.

Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan
Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan   (@Vatican Media)

Integralem Humanismus den Vorrang geben

Die britische Theologin Anna Rowlands ordnete die Enzyklika als eine neue Synthese der kirchlichen Soziallehre ein. Das Dokument lasse die Vision des Evangeliums direkt auf die Kulturen der KI einwirken und warne vor einer dominierenden Kultur der Macht, die Arbeit, Familie und Bildung umgestalte. Rowlands zog eine direkte Verbindung zur Umwelt- und Sozialenzyklika „Laudato si’“ von Papst Franziskus aus dem Jahr 2015, indem sie erklärte, dass die Überwindung des technokratischen Paradigmas und die Sorge um die Erde und die Armen einen dringenden Schutz des Menschlichen erfordern. Eine integrale Ökologie verlange folglich nach einem integralen Humanismus, der in Jesus Christus zentriert ist.

Zur Überwindung der Krise forderte Rowlands eine Stärkung der menschlichen Freiheit. Die Menschen müssten die Freiheit behalten, diese Technologien in Arbeit und Familie auch bewusst nicht zu nutzen. Zudem müsse die internationale Gemeinschaft Konflikte deeskalieren, den Multilateralismus wiederbeleben und die Perspektive der Opfer einnehmen. Als Orientierungspunkt am Ende der Enzyklika verwies sie auf das biblische Magnifikat, den Lobgesang Mariens, der eine Geschichte verkörpere, in der die Geringerhöht und die Hungernden gesättigt werden.

Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan
Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan   (@Vatican Media)

Stimmen aus der Praxis: Technologie-Kooperation und die Warnung vor digitalem Kolonialismus

Ein bemerkenswerter Aspekt der Vorstellung war die Beteiligung von Christopher Olah, dem kanadischen Mitbegründer des US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic. Olah, der sich selbst als Atheist bezeichnet und an der Vorbereitung der Enzyklika mitgewirkt hat, kündigte eine Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und moralischen Instanzen wie dem Vatikan an. Er bezeichnete den gemeinsamen Austausch als ein eindrucksvolles Beispiel für ein globales Projekt des guten Willens und als einen notwendigen Schritt, um Perspektiven einzunehmen, die den reinen Technikern von innen heraus verborgen blieben.

Demgegenüber formulierte die kongolesische Ethikerin Leocadie Lushombo eine deutliche Warnung vor den Schattenseiten der Technologie für den Globalen Süden. KI könne sehr leicht kolonialistisch sein, warnte Lushombo und bestätigte damit die päpstliche Kritik an neuen Formen des Kolonialismus. In der Praxis profitierten transnationale Konzerne oft auf Kosten der Armen. Während im Süden physische Ressourcen ausgebeutet und Menschen unter prekären Bedingungen arbeiten müssten, werde der daraus resultierende Rechenfluss primär im Norden genutzt. Regierungen investierten massive Mittel in Robotik, vernachlässigten jedoch die ganzheitliche menschliche Entwicklung.

Lushombo rief dazu auf, die KI-Technologie im Globalen Süden stattdessen gezielt zu nutzen, um bisher ungehörten Stimmen Gehör zu verschaffen. Durch die Prinzipien der Synodalität und Subsidiarität müsse dem drohenden Verlust einer realen Begegnungskultur entgegengewirkt werden. Insbesondere im Bildungswesen gelte es, Allianzen zu bilden, die das anbieten, was die digitale Welt nicht zu leisten imstande ist.

(vatican news)

Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan
Die Vorstellung der Enzyklika im Vatikan   (@Vatican Media)

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25. Mai 2026, 14:16