Papst Leo XIV. bei seiner Ankunft in Madrid Papst Leo XIV. bei seiner Ankunft in Madrid  (@Vatican Media)

Parolin: Der Papst in Spanien, um Gemeinschaft und Begegnung neu zu beleben

Als Hirte der katholischen Kirche möchte Papst Leo XIV. die Gläubigen, ebenso wie alle Menschen guten Willens treffen, um sie einzuladen, auf ein gemeinsames Ziel hinzuarbeiten: So erklärt der vatikanische Staatssekretär Pietro Parolin gegenüber den Vatikanmedien die Reise des Papstes nach Spanien.



Massimiliano Menichetti

Papst Leo XIV. hat als viertes internationales Reiseziel Spanien ausgewählt: Madrid, Barcelona, Montserrat und die Kanarischen Inseln sind die Stationen dieser neuen Apostolischen Mission. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin erläuterte gegenüber den vatikanischen Medien die Tragweite der Reise.

Herr Kardinal, was ist die wichtigste Botschaft, die Papst Leo XIV. den Spaniern auf seiner vierten internationalen Apostolischen Reise übermitteln möchte? 

Kardinal Pietro Parolin: „Das Logo der Apostolischen Reise nach Spanien – ein offener, sich bewegender Kreis, gebildet aus miteinander verbundenen, nach oben gerichteten menschlichen Figuren – zeigt bereits die Absicht des Heiligen Vaters auf. Als Hirte der katholischen Kirche möchte er seinen Kindern, aber auch allen Menschen guten Willens begegnen. Mit allen möchte er die Gemeinschaft und die Begegnung immer mehr stärken, fördern und aufbauen. All dies in einer doppelten Bewegung, sowohl innerhalb der Kirche als auch in der Gesellschaft. Es geht nicht nur darum, zusammen zu sein, sondern zusammen auf ein gemeinsames Ziel zuzugehen.

Hervorzuheben ist auch das Plus, das die Kirche der gesamten Menschheit vermitteln möchte, nämlich die Einladung, die Antworten anzunehmen, die Jesus Christus auf die tiefgründigen Fragen gibt, die sich der Mensch über den Sinn des Lebens, des Todes und des Leidens stellt. Christus bietet uns an, jene Fülle der Menschlichkeit zu erreichen, die wir Christen ewiges Leben nennen. Dies wird zugleich zur Quelle der Hoffnung und der Freude, mit der der Heilige Vater der Menschheit dienen und die Christen ermutigen möchte.“

Leo XIV. wird das spanische Parlament treffen: Was sind heute die diplomatischen Prioritäten des Heiligen Stuhls im Dialog mit dem europäischen Mittelmeerraum?

Kardinal Pietro Parolin: „Gesetzgeber sollten bei der Ausarbeitung von Gesetzen und der Festlegung der Art von Gesellschaft, die sie aufbauen möchten, stets die Würde des Menschen und das Gemeinwohl als grundlegenden Bezugspunkt nehmen. Der Mittelmeerraum mit seiner jahrtausendealten Tradition an Kultur, Kunst und Werten stellt zudem einen Bezugspunkt für das Christentum dar. Im Dialog mit dem europäischen Mittelmeerraum setzt sich der Heilige Stuhl für einen mitfühlenden und koordinierten Ansatz zur Bewältigung der Migrationskrise ein und betont dabei die inhärente Würde aller Migranten. Seine Haltung basiert auf vier Grundprinzipien: Aufnahme, Schutz, Förderung und Integration von Migranten und Flüchtlingen. 

Was die Demografie betrifft, so leidet die Nordküste des Mittelmeers im Gegensatz zur Südküste unter einem drastischen Rückgang der Geburtenrate. Um dieser Krise zu begegnen, ist es unerlässlich, die grundlegende Würde aller Menschen und die Rolle der Familie in der Gesellschaft in den Mittelpunkt zu stellen.“

Die Unabhängigkeitsfrage hat sich auch auf das Leben der lokalen kirchlichen Gemeinschaften ausgewirkt. Wie kann die Kirche, und welche Botschaft könnte der Papst bei einem Besuch in Spanien vermitteln, um Polarisierungen zu vermeiden und die Gemeinschaft zu fördern? 

Kardinal Pietro Parolin: „Als Katholiken glauben wir, dass die Kirche in ,Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit‘ ist (LG 1) und dass der Papst als ,Nachfolger Petri das immerwährende, sichtbare Prinzip und Fundament für die Einheit der Vielheit von Bischöfen und Gläubigen‘ ist (LG 23), weshalb es in seiner Natur liegt, die Einheit der Kirche und in der Kirche zu fördern. Als Vater und Hirte sorgt er für die Einheit seiner Kinder, seiner Schafe, und fördert gleichermaßen die der ganzen Kirche - dem mystischen Leib Christi - anvertraute Mission, auch die Gemeinschaft und Einheit in der Verschiedenheit unter den Völkern der Erde herzustellen.

Die Botschaft des Papstes darf einerseits ihrer Mission der Einheit und damit des Friedens nicht untreu werden, andererseits will sie aber auch nicht die Verantwortung verdrängen, die den Staaten bei der Regierung ihrer eigenen Bürger zukommt. Aus diesem Grundsatz lässt sich ableiten, dass die Botschaft des Papstes zwar politische Implikationen haben kann, gerade weil die katholische Kirche aus denselben Bürgern der Nationen besteht, der Nachfolger Petri jedoch das Evangelium verkündet und von dort aus alle menschlichen Realitäten erleuchten will, ohne sich in die Innenpolitik der Länder einzumischen.“

Die Vigil mit den Jugendlichen in Madrid ist einer der zentralen Termine. In einem Land, das eine zunehmende Säkularisierung erlebt, welche Veränderungen können die neuen Generationen bewirken und wie? 

Kardinal Pietro Parolin: „Um diese Frage zu beantworten, möchte ich an die Worte des Heiligen Vaters an die zahlreichen jungen Menschen anknüpfen, die sich am 2. August dieses Jahres zur Jubiläumsvigil in Tor Vergata versammelt hatten. Er forderte sie auf, leidenschaftlich nach der Wahrheit zu suchen, mutig zu sein, sich von Christus begegnen zu lassen, und großzügig das Evangelium konkret zu leben.  Die Welt, in der wir leben, drängt sie dazu, viele Dinge zu tun, manchmal auf überaktive und zerstreute Weise, und verleitet sie dabei jedoch dazu, das Denken, Bewerten und Entscheiden – gemäß einem mittlerweile überholten wissenschaftlichen Stereotyp – immer mehr künstlichen und manchmal leicht manipulierbaren Instrumenten anzuvertrauen.

Die Jugendlichen können darauf reagieren, indem sie eine andere, freiere Art des Handelns wählen und verbreiten. Indem sie der Stille, der Besinnung, der Meditation und dem Gebet Raum geben, können sie die vielen Instrumente, über die sie verfügen und deren Gebrauch sie sehr gut kennen, mit Begeisterung, Weisheit und geordneter Nächstenliebe zum Wohl jedes Menschen und des ganzen Menschen fruchtbar machen. Die jungen Menschen sind dazu fähig, ja, sie sind sogar besonders dazu berufen. Es ist wichtig, ihnen im Glauben zu helfen, diese Dinge zu vertiefen und zu leben, damit sie zu ansteckenden Propheten des Friedens, der Gerechtigkeit und der authentischen Liebe für ihre und unsere Zukunft werden.“

In Barcelona wird die Messe in der Sagrada Família mit der Einweihung des Turms Jesu Christi einer der symbolträchtigsten Momente sein. Kann man dieses Ereignis als Ansporn verstehen, ganz Spanien und darüber hinaus die Schönheit des Evangeliums zu zeigen? 

Kardinal Pietro Parolin: „Gewiss, mit der Segnung des Jesus-Turms wird der Heilige Vater einen wichtigen Meilenstein beim Bau der Basilika Sagrada Família setzen. Dieses architektonische Element zeigt nämlich, dass die Kirche eine Baustelle aus lebendigen Steinen ist, die im Laufe der Geschichte ständig wächst. Die Höhe des Turms lädt alle ein, den Blick zu Gott zu erheben, der im Zeichen des Kreuzes seine Liebe zur Menschheit offenbart. Als Leuchtfeuer der Erlösung und der Hoffnung ist dieses Bauwerk somit ein Werk der Evangelisierung: Seine Schönheit spiegelt die zentrale Stellung Christi im Leben der Kirche wider. Der neue Turm verwirklicht das Projekt seines Architekten Gaudí, der zutiefst vom Glauben inspiriert war. Er war der Erste, der die Kunst als Form der Verkündigung des Evangeliums und als bevorzugte Sprache der christlichen Mission verstand. Spanien findet in diesem Werk nicht nur ein prächtiges Denkmal, das sein kulturelles Erbe bereichert, sondern auch das Zeugnis des Glaubens, der die Nation seit Jahrhunderten eint.“

Die Etappe auf den Kanarischen Inseln befasst sich insbesondere mit der Realität der Einwanderung und Integration. Geht die Welt Ihrer Meinung nach in Richtung Aufnahme oder „schaut sie immer mehr weg“?

Kardinal Pietro Parolin: „Die große Mehrheit der Menschen wandert nicht über Grenzen hinweg aus; eine weitaus größere Zahl wandert innerhalb ihres eigenen Landes. Darüber hinaus verläuft die internationale Migration nicht weltweit einheitlich, sondern wird von wirtschaftlichen, geografischen und demografischen Faktoren beeinflusst. Migration stützt die Arbeitsmärkte und trägt dazu bei, Qualifikationslücken zu schließen; zudem bleiben Migranten durch ihre Überweisungen eine wichtige Stütze für ihre Herkunftsländer.

Was die Aufnahme betrifft, so wird betont, dass es eine weit verbreitete Tendenz gibt, sich ausschließlich auf die Interessen begrenzter Gemeinschaften zu konzentrieren, und dies stellt, wie Papst Leo XIV. hervorgehoben hat, eine ernsthafte Bedrohung für die gemeinsame Verantwortung, die multilaterale Zusammenarbeit, die Verwirklichung des Gemeinwohls und die globale Solidarität zum Wohle der gesamten Menschheitsfamilie dar. In diesem Zusammenhang vertritt der Heilige Stuhl stets eine Position zur Verteidigung der unveräußerlichen Würde jedes Menschen. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass jeder Migrant ein Mensch ist und als solcher unveräußerliche Rechte besitzt, die in jedem Kontext zu achten sind, sowohl in seinem Herkunftsland als auch dort, wohin er sich begibt. Ein derart komplexes Thema muss mit politischem Willen, Großzügigkeit und im Geiste der Solidarität angegangen werden. Die Hoffnung besteht darin, dass wir zu den Werten der Geschwisterlichkeit – gegründet auf Empathie und Zusammenarbeit – zurückkehren, die einen Weg der Begegnung und der gegenseitigen Bereicherung ebnen.“

Wie sieht Spanien Ihrer Meinung nach heute aus und welche Rolle könnte es in Europa spielen? 

Kardinal Pietro Parolin: „Das heutige Spanien ist geprägt von einem Volk, das noch immer tief in der christlichen Tradition verwurzelt ist und eine lebendige Verbundenheit sowie aufrichtige Zuneigung zum Nachfolger Petri zum Ausdruck bringt. Trotz der Herausforderungen der heutigen Gesellschaft beherbergt es eine lebendige und dynamische Kirche, die fähig ist, das Evangelium zu bezeugen und einen bedeutenden Beitrag zum geistlichen und gesellschaftlichen Leben des Landes zu leisten. Die spanische Gesellschaft erlebt tiefgreifende Spannungen und Veränderungen, ist aber auf der Suche nach Wegen der Begegnung, der Versöhnung und des Gemeinwohls. Sie muss die zentrale Stellung des Menschen, den sozialen Dialog und die Versöhnung als Grundlagen des demokratischen Zusammenlebens wiederentdecken. Was den Beitrag betrifft, den sie für Europa und die Welt leisten kann, würde ich von der Unterstützung des Multilateralismus und der Förderung der Menschenrechte, des Friedens und der internationalen Sicherheit sprechen. Sie kann zudem den Dialog mit den Ländern Lateinamerikas und Nordafrikas fördern.“

(vatican news)

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06. Juni 2026, 14:02