Migranten: Papst appelliert an das Gewissen Europas

Leo XIV. hat auf Gran Canaria eindringlich auf das Drama von Bootsflüchtlingen und Migranten aufmerksam gemacht.

Stefan von Kempis - Vatikanstadt

„Heute stellt uns hier am Ufer des Meeres jedes Leben, das ankommt, die Frage, was von unserer Menschlichkeit übrigbleibt“, sagte ein sichtlich bewegter Papst an diesem Donnerstag im Hafen von Arguineguín in Las Palmas de Gran Canaria. Die Kanarischen Inseln sind ein Hotspot der Flüchtlings- und Migrationskrise; von Afrika aus versuchen jedes Jahr Zehntausende von Menschen in kaum seetauglichen Booten, die spanischen Kanaren und damit Europa zu erreichen. Las Palmas de Gran Canaria liegt nur 150 km von der marokkanischen Küste entfernt. Nach einer Schätzung der NGO Caminando Fronteras starben allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 über 1.300 Bootsflüchtlinge bei dem Versuch, auf der sogenannten Atlantikroute Spanien zu erreichen.

Bei der Begegnung
Bei der Begegnung   (@Vatican Media)
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„Dieses Drama muss zu einer Gewissensprüfung werden“

„Dieses Drama (der Migranten) muss zu einer Gewissensprüfung werden“, forderte Leo: „für die Herkunftsländer, die Bedingungen für Frieden, Gerechtigkeit und Entwicklung schaffen müssen; für die Transitländer, die dazu aufgerufen sind, die Schwachen zu schützen und sie nicht in die Hände krimineller Netzwerke zu überlassen; für Europa, das nicht die Menschenwürde proklamieren kann und sich dabei nicht daran gewöhnen darf, dass das Mittelmeer und der Atlantik zu Friedhöfen ohne Grabsteine werden; für die internationale Gemeinschaft, die zu einer wirksamen und beharrlichen Zusammenarbeit aufgerufen ist.“ Nach dem Appell an Europa kam bei den Anwesenden spontaner Beifall auf.

Bei der Begegnung im Hafen von Arguineguín (Gran Canaria)
Bei der Begegnung im Hafen von Arguineguín (Gran Canaria)   (@Vatican Media)

Wie einst Franziskus

Auch die Kirche müsse sich dieser Frage stellen: Die Aufnahme von Migranten dürfe „weder eine Nebensache sein noch allein einigen Freiwilligen überlassen werden“. Wer vor dem Altar niederknie, dürfe danach nicht gleichgültig an Flüchtlingsbooten vorbeigehen. Leo knüpfte im Ernst seiner Mahnungen an seinen Vorgänger Franziskus (2013-25) an; dessen erste Reise nach der Wahl zum Papst hatte im Sommer 2013 auf die Flüchtlingsinsel Lampedusa vor Sizilien geführt. Wie sein Vorgänger in Lampedusa erinnerte auch Leo XIV. auf Gran Canaria mit einem Blumengesteck, das er still betend in den Atlantik warf, an alle, die den Versuch der Überfahrt nach Europa mit dem Leben bezahlt haben. Vor allem aber appellierte der Papst an Behörden, Politiker, internationale Organisationen, alle Konfessionen und Religionen sowie an alle Menschen guten Willens: „Es reicht nicht aus, Ankünfte zu verwalten, Zahlen zu verteilen, Grenzen verstärkt zu sichern oder Todesfälle zu beklagen, wenn sie bereits eingetreten sind. Jedes Boot, das ankommt, bringt nicht nur Migranten mit sich; es bringt eine Frage mit sich: Welche Welt haben wir geschaffen, wenn so viele Brüder und Schwestern den Tod riskieren müssen, um Leben zu suchen?“

„Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, Tote zu zählen! Die Menschenwürde hat keinen Reisepass“

Zentraler Ausgangspunkt für den Papst war, wie überhaupt in den bisherigen Ansprachen seiner Spanienreise und namentlich im Parlament von Madrid, die unveräußerliche Würde des Menschen. „Die Menschenwürde erfordert legale und sichere Wege, Rettung und Hilfe, echte Zusammenarbeit gegen Menschenhändler, wirksamen Opferschutz, ernsthafte Aufnahme- und Integrationsprozesse sowie politische Maßnahmen, die es jedem Menschen ermöglichen, in seiner Heimat in Würde zu leben… Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen, Tote zu zählen. Die Menschenwürde hat keinen Reisepass und verliert ihren Wert beim Überqueren einer Grenze nicht.“

Bei der Begegnung im Hafen
Bei der Begegnung im Hafen   (@Vatican Media)

Auf die jüngsten Verschärfungen im Asylrecht und Grenzregime der Europäischen Union ging der Papst nicht ein. Stattdessen erinnerte er wie einst Johannes Paul II. bei seinem berühmten Aufruf gegen die Mafia 1993 in Agrigent daran, dass wir uns alle dereinst vor Gott verantworten müssen. „Und möge die Geschichte uns nicht vorwerfen, dass wir den Schmerz derer, die leiden, zu einem alltäglichen Anblick an unseren Küsten gemacht haben. Denn heute stellt uns hier am Ufer des Meeres jedes Leben, das ankommt, die Frage, was von unserer Menschlichkeit übrigbleibt. Früher oder später wird sich zeigen, ob wir diese Menschlichkeit zu bewahren wussten oder ob wir zuließen, dass die Gleichgültigkeit uns gelenkt hat.“

Direkter Appell an Migranten

„Überlasst eure Existenz nicht denen, die damit Handel treiben“

In seiner Rede beschrieb Papst Leo mafiöse Menschenschlepper und Menschenhändler mit biblischen Bildern von Meeresungeheuern. Und er wandte sich auch direkt an Flüchtlinge und Migranten: Er verneige sich vor ihrer Würde. „Ihr seid keine Zahlen und keine Aktennummern. Ihr seid Menschen mit einer Familie und einem Zuhause, das ihr zurückgelassen habt; mit Träumen, die niemand das Recht hat, zu missachten. Aber ich möchte euch auch sagen, dass euer Leben geschützt werden muss. Überlasst eure Existenz nicht denen, die damit Handel treiben. Glaubt nicht denen, die euch ein leichtes Paradies im Tausch für euren Körper, euer Geld, euer Schweigen oder eure Freiheit versprechen. Diese falschen Versprechungen sind ‚Sirenengesänge‘, sie sind Gewerbe des Todes.“

Bei der Begegnung im Hafen
Bei der Begegnung im Hafen   (@Vatican Media)

Hafen der Schande

Zu Beginn der Begegnung erinnerte der kanarische Bischof José Mazuelos Pérez daran, dass die Medien den Hafen von Arguineguín wegen der dramatischen Szenen, die sich in den letzten Jahren dort abspielten, „Hafen der Schande“ getauft haben. Allein im Jahr 2020 landeten dort binnen einer Woche 3.000 Migranten. Wegen der Covid-Pandemie durften sie allerdings nicht in den Hafen einlaufen; die Caritas brachte ihnen damals per Boot Nahrungsmittel und sanitäres Material. „Hier kamen Tausende von Menschen an, die vor Hunger, Krieg und Verzweiflung flohen – Männer, Frauen und Kinder, die auf der sogenannten Atlantikroute, einer der gefährlichsten der Welt, vor allem aus Senegal, Mauritanien, Gambia, Mali und Marokko in kleinen Booten hier anlangten, wobei sie manchmal Routen von 1.600 km hinter sich hatten.“ Dass der Papst hierhin gefunden habe, stelle „viel mehr als eine Geste“ dar, es sei „ein Licht, eine Erinnerung daran, dass keiner unsichtbar ist, dass jedes Leben zählt und dass Gleichgültigkeit niemals die Antwort sein kann“.

Bei der Begegnung im Hafen von Arguineguín
Bei der Begegnung im Hafen von Arguineguín   (@Vatican Media)

Der Kapitän, die Mutter, das Mädchen

Einige Teilnehmende an der Begegnung mit dem Papst gaben in kurzen Ansprachen einen Einblick in das Drama der Migration. Ein Kapitän der Seenotrettung erklärte, er habe zusammen mit seinem Team in den letzten Jahren schätzungsweise mehr als 20.000 Menschen gerettet. „Ich werde nie eine Mutter vergessen, die mit ihrem Kind in einem kleinen Boot unterwegs war, zwischen Verletzten und leblosen Körpern. Als sie bereits sicher an Bord waren, näherte sich die Frau dem etwa 14-jährigen Kind, nahm ihm die Mütze und die Jacke ab und holte goldene Ohrringe hervor, um sie ihm anzustecken. Es war ein Mädchen. Sie weinte und ich weinte, denn ich bin Vater von zwei Teenagern. Es hätten meine Töchter sein können. Bei jeder Rettung sehen wir einen Menschen, dessen Leben direkt von uns abhängt.“

„Wir haben gelernt, dass es nicht darum geht, alles zu lösen“

Eine Caritas-Freiwillige erzählte, wie es ist, wenn auf einmal ein Flüchtlingsboot im Hafen anlangt. „Wir haben gelernt, dass es nicht darum geht, alles zu lösen, sondern einfach da zu sein. Zuhören, Gesten der Nähe zeigen – ein Paar Turnschuhe, eine Jacke, ein Kaffee – oder dabei helfen, die notwendigen Unterlagen zu beschaffen, das ist bereits eine Form der Begleitung. Wir haben entdeckt, dass kleine Gesten, ein Lächeln oder ein Blick, Hoffnung vermitteln und jemandem das Gefühl geben können, willkommen zu sein, auch ohne gemeinsame Sprache.“

Der Bischof von Islas Canarias, José Mazuelos Pérez
Der Bischof von Islas Canarias, José Mazuelos Pérez   (@Vatican Media)

Mit 22 Jahren in den Fängen der Menschenschlepper

Bedrückend war die Rede einer Nigerianerin namens Blessing, die aus Sicherheitsgründen nicht an der Begegnung teilnehmen konnte und deren Text daher verlesen wurde. Da war davon die Rede, wie sie sich mit 22 Jahren in die Hände einer Mafia-Organisation gab, um ihr Land zu verlassen. Was folgte, waren Monate der Gefangenschaft noch in Nigeria, dann eine riskante Überfahrt nach Europa.

„Während der Reise wurde ich von einem Mann aus der Mafia schwanger. Als wir in Spanien ankamen, nahmen sie mir mein Baby weg, um mich zur Prostitution zu zwingen. Sie behandelten mich sehr schlecht. Sie trennten mich von meinem Sohn. Er war elf Monate alt, als die Polizei diejenigen festnahm, die mich gefangen hielten, und ich ihn endlich bei mir haben konnte.“ Seitdem habe sich ihr Leben dank der sozialen Hilfe der Kirche langsam verändert. „Es war nicht einfach, und es gibt Tage, an denen die Hoffnung sehr klein wird. Aber ich habe gelernt, wieder an mich selbst zu glauben. Ich habe gelernt, dass ich es schaffen kann.“

Abschließend warf Papst Leo XIV. eine Blumenkrone ins Wasser, zu Ehren derjenigen, die die Suche nach einem besseren Leben mit dem Tod bezahlt haben - und segnete ein Kreuz, das aus dem Holz eines Cayucos, also eines schlichten Holzbootes, wie es teils von Migranten genutzt wird und das in Arguineguín anlegte, gefertigt ist.

(vatican news – sk)

Eindrücke vom Hafen von Arguineguín im Video

 

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11. Juni 2026, 14:03