Papst: Hunger wirkt destabilisierend, niemand darf vergessen werden
Christine Seuss - Vatikanstadt
Das Welternährungsprogramm setzt sich weltweit dafür ein, in Notsituationen Leben zu retten und in Konflikten und bei Naturkatastrophen Nahrungsmittelhilfe zu leisten – ein Einsatz, der „in tiefem Einklang mit dem Auftrag der katholischen Kirche, die Menschenwürde zu wahren und die Geschwisterlichkeit zu fördern“, steht, würdigte Papst Leo XIV. bei seinem Besuch im Süden Roms, wo er Führungskräfte und Mitarbeitende der internationalen Organisation sowie bei ihr akkreditierte Diplomaten traf. In über 120 Ländern und Territorien ist die Organisation präsent, um in einem milliardenschweren Kraftakt Nahrung und andere lebensnotwendige Mittel an die Menschen zu verteilen, die durch Krisen zu Bedürftigen geworden sind. Dieses Engagement sieht Papst Leo auch als grundlegend für die katholische Kirche, wie er in seiner Ansprache deutlich machte:
„Gemeinsam stehen wir vor der dringenden Aufgabe, Hunger und Unterernährung zu bekämpfen und die ihnen zugrunde liegenden strukturellen Ursachen anzugehen“, so der Papst im Plenarsaal des WFP. Doch um dieser Aufgabe wirksam gerecht zu werden, müsse man die „vor uns liegenden Herausforderungen, ihre Ursachen und mögliche Wege zu dauerhaften Lösungen in den Blick“ nehmen:
„Heute haben sich Krisen von isolierten Ereignissen zu dauerhaften Realitäten entwickelt, die geprägt sind von langanhaltenden Konflikten, chronischer Ernährungsunsicherheit, wirtschaftlicher Instabilität und zunehmenden Klimakrisen. Daraus ergibt sich eine grundlegende Frage: Welche globalen Strukturen sind in der Lage, solche Bedingungen hervorzubringen, aufrechtzuerhalten und mitunter sogar zu normalisieren?“, so die drängende Frage des US-amerikanischen Papstes am Sitz der Einrichtung, die zu großen Teilen aus Mitteln der USA gefördert wird – tatsächlich kommen die Exekutivdirektoren des WFP üblicherweise aus den Vereinigten Staaten.
Die Herausforderung bestehe jedenfalls längst nicht mehr allein darin, „wie“ man interveniere, vielmehr gehe es darum zu verstehen, „warum das System fortwährend genau jene Probleme erzeugt, die es anschließend zu beheben gezwungen ist“, lud er zum Nachdenken ein. Angesichts einer zunehmend fragmentierten internationalen Ordnung ohne echten gemeinsamen ethischen Horizont hätten die Staaten ihre Ressourcen zunehmend auf „nationale Sicherheit, Wirtschaftswachstum und innere Stabilität“ ausgerichtet – und dabei „den engen Zusammenhang zwischen diesen Zielen und der multilateralen Zusammenarbeit außer Acht gelassen“, so die Analyse des Papstes, der in diesem Trend ein „bemerkenswertes Paradoxon“ verortet:
„Eine noch nie dagewesene globale Produktionskapazität steht wachsenden Räumen extremer Verwundbarkeit gegenüber. Dieselben Kräfte, die das Wirtschaftswachstum vorantreiben, verschärfen oft Ausgrenzung und Marginalisierung. Obwohl die Linderung menschlichen Leids grundsätzlich allgemein als unerlässlich anerkannt wird, besteht zunehmend die Gefahr, dass humanitäre Belange in der Hierarchie internationaler Prioritäten in den Hintergrund gedrängt werden.“
Doch gerade „in der Kluft zwischen grundsätzlicher Anerkennung und praktischer Priorisierung“ sei eine „fortschreitende Bürokratisierung der Solidarität“ zu erkennen, die letztlich dazu führen könne, dass diejenigen, die „keinen quantifizierbaren Wert erzeugen“, unsichtbar würden, so die Warnung des Kirchenoberhauptes:
„Diese doppelte Dynamik stellt eine ernsthafte ethische Herausforderung dar: Der Mensch steht nicht mehr konsequent im Mittelpunkt des internationalen Handelns. (…) Tatsächlich werden leichter Konflikte „genährt“ als Menschen ernährt. Diese Realität legt nicht nur operative Defizite offen, sondern auch ein grundlegendes Ungleichgewicht politischer und moralischer Prioritäten.“
Die Folgen dieser Art von schiefer Priorisierung reichten jedoch weit über die unmittelbar Betroffenen hinaus, lud der Papst ein, den Blick zu weiten:
„Hunger ist nicht nur ein humanitäres Problem – er untergräbt auch den sozialen Zusammenhalt, erhöht das Risiko von Konflikten und fördert Zwangsmigration.“ Darüber hinaus schwächt er die Fähigkeit von Staaten und Gesellschaften, solide Institutionen aufzubauen, eine wirksame Bildung zu gewährleisten und eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Auf diese Weise verfestigt er Kreisläufe der Fragilität, die letztlich die gesamte internationale Gemeinschaft betreffen“, so Papst Leo XIV., der das erste Mal das Welternährungsprogramm besuchte.
Humanitäres Handeln, das werde vor diesem Hintergrund deutlich, sei „kein Randaspekt der internationalen Ordnung“, schärfte der Papst seinen Zuhörern ein. Vielmehr spiegele es die Verantwortung der Weltgemeinschaft wider, „die Solidarität zu stärken, Ausgrenzung entgegenzuwirken und die jedem Menschen innewohnende, von Gott gegebene Würde anzuerkennen“:
„Über das bloße Krisenmanagement hinaus verkörpern internationale Institutionen daher den Grundsatz der geteilten Verantwortung und bekräftigen, dass die internationale Gemeinschaft die Sorge um jene Menschen verbindet, die am meisten gefährdet sind.“
Dies mache die Arbeit des Welternährungsprogramms über eine rein politische, wirtschaftliche oder technische Natur hinaus relevant, als „konkreter Ausdruck internationaler Solidarität“, würdigte der Papst weiter: „Wo staatliche Strukturen zurücktreten und lokale Netzwerke zerfallen, trägt seine Präsenz dazu bei, zu verhindern, dass humanitäre Krisen zu einem irreversiblen Zusammenbruch eskalieren.“
In diesem Zusammenhang sei ein „erneuertes Bekenntnis zur multilateralen Zusammenarbeit unerlässlich“, forderte der Papst: „Dauerhafter Frieden und eine ganzheitliche, nachhaltige Entwicklung des Menschen sind nur durch die Beteiligung aller möglich, getragen von einem echten internationalen Dialog und einer Zusammenarbeit, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist. Ein solcher Ansatz erfordert einen festen politischen Willen, der in der Lage ist, kurzfristige Perspektiven zu überwinden und in globale öffentliche Güter zu investieren.“
Deshalb wolle er „an die Regierungen und Völker der Welt“ appellieren, ihr Engagement zu erneuern und zu verstärken, die Mittel zur Bekämpfung des Hungers und seiner Ursachen aufzustocken und die Hindernisse zu beseitigen, die verhindern, dass die Hilfe diejenigen erreicht, die sie benötigen“, so der Papst am Sitz der Einrichtung, die sich fast vollständig durch freiwillige Beiträge von Staaten, internationale Organisationen, Unternehmen und über private Spender finanziert.
Schwindende finanzielle Mittel für größere Not
Für das Jahr 2025 erhielt das WFP offiziellen Angaben zufolge insgesamt rund 6,52 Milliarden US-Dollar an Beiträgen, womit rund 121 Millionen Menschen geholfen werden konnte. Die Vereinigten Staaten waren dabei mit rund 2,07 Milliarden US-Dollar der mit Abstand größte Geldgeber – allerdings wurden die Beiträge der USA im Gegensatz zum Vorjahr um rund die Hälfte gekürzt, so dass insgesamt rund 30 Prozent an Hilfen eingebrochen sind. Die Zusammenarbeit mit der Kirche und der Zivilgesellschaft könnten für das Engagement nützlich sein, erinnerte Leo XIV., der gleichzeitig dazu einlud, unnötige Bürokratie abzubauen und effektive Kontrolle über die verwendeten Mittel auszuüben:
„Ebenso wichtig ist es, der Kommodifizierung grundlegender menschlicher Bedürfnisse entgegenzuwirken. Nahrung, Wasser und Gesundheitsversorgung dürfen nicht wirtschaftlichen Erwägungen oder geopolitischen Interessen untergeordnet werden.“
Ernährungssicherheit, so erinnerte der Papst weiter, sei „ein wesentlicher Bestandteil globaler und ganzheitlicher Sicherheit“, ein Aspekt, der die verstärkten Aktivitäten des WFP über die unmittelbare Hilfe hinaus auf langfristige Initiativen besonders wünschenswert erscheinen lasse.
Lackmustest für Glaubwürdigkeit der internationalen Zusammenarbeit
„Es geht hier nicht nur um die Wirksamkeit einer Organisation, sondern auch um die Glaubwürdigkeit der internationalen Zusammenarbeit selbst. Ihre Organisation zeigt, dass ein neuer Weg möglich ist; er erfordert jedoch den entschlossenen Willen, übermäßig Komplexes zu vereinfachen, dem Wesentlichen Vorrang einzuräumen und sicherzustellen, dass niemand vergessen wird“, so das abschließende Resümee des Papstes, der aus seiner Wertschätzung für die Arbeit der internationalen Organisation und seiner Mitarbeiter keinen Hehl machte. Anschließend kam er noch zu einer kurzen Videokonferenz mit Ländervertretern des WFP aus „Frontgebieten" zusammen und bestärkte sie in ihrem Einsatz in herausfordernder Umgebung. Die Mitarbeitenden der römischen Einrichtung hatten dann noch die Gelegenheit, dem Papst im Hof der Institution im römischen Süden die Hände zu schütteln.
Eingangs empfing die brasilianische Diplomatin Carla Barroso Carneiro den Papst. Sie ist seit 2026 Präsidentin des Exekutivrats (Executive Board) des Welternährungsprogramms und gleichzeitig Botschafterin und Ständige Vertreterin Brasiliens bei den in Rom ansässigen UN-Organisationen, darunter WFP, FAO und IFAD. Sir betonte in ihren einführenden Worten die gemeinsame Verantwortung im Kampf gegen den Hunger und verwies auf die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, deren Ziele nur durch weitere große Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft erreicht werden könnten.
Die wichtige Rolle der Frauen
Besonders hob sie hervor, dass Millionen von Geflüchteten und Vertriebenen weiterhin nach Frieden, Würde und Freiheit von Hunger strebten. Ihre Situation verdeutliche zudem, dass Ungleichheiten häufig zu Instabilität und Konflikten beitrügen. In Kürze werde auch der Internationale Tag der Frauen in der Diplomatie begangen (24. Juni), so die Diplomatin, die in diesem Zusammenhang den Beitrag von Frauen zu Dialog, Zusammenarbeit und Frieden würdigte.
Der ehemaligen Exekutivdirektorin des WFP, Cindy McCain, fiel anschließend die Aufgabe zu, Papst Leo einzuführen. Die Arbeit ihrer Organisation bestehe darin, täglich die am stärksten von Hunger betroffenen Menschen zu unterstützen,– insbesondere Menschen in Konfliktgebieten, Vertriebene sowie Opfer von Naturkatastrophen wie Dürren und Überschwemmungen, erläuterte die US-Diplomatin, die im Februar 2026 angekündigt hatte, ihr Amt aus gesundheitlichen Gründen niederzulegen. Seit Juni führt der schwedische Diplomat Carl Skau die Institution kommissarisch.
Frieden ermöglicht Entwicklung
Das WFP arbeite auch unter schwierigsten Bedingungen mit dem Ziel, dass niemand vergessen werde, erinnerte McCain, die in ihrer kurzen Ansprache auch den Friedensappell des Papstes aufgriff. Hunger und Konflikte seien eng miteinander verbunden, denn wo Krieg herrsche, litten Menschen Hunger und wo Frieden entstehe, könnten Gemeinschaften sich entwickeln und selbst versorgen. Daher sei der unermüdliche Einsatz des Papstes für Frieden, Gewaltfreiheit und den Schutz der Schwächsten heute wichtiger denn je, so ihr Appell.
Im Zusammenhang mit dem Besuch des Papstes hatte das WFP auch die Installation „A Place at the Table“ vorgestellt. Diese besteht aus Schalen und Tellern aus verschiedenen Gemeinden weltweit, in denen das Programm tätig ist. Die Gegenstände stünden für die Erinnerungen, Traditionen und Identität der Menschen, die sie täglich nutzen, so das WFP in einer Presseaussendung zu der Initiative. Die Installation mache deutlich, dass Hunger nicht nur eine statistische Größe sei, sondern das Leben konkreter Menschen betreffe, wobei alltägliche Essgeschirre dabei zu einem Symbol der globalen Hungerkrise werden sollten, so das Welternährungsprogramm.
(vatican news)
Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen..
