Papst bei Messe in Madrid: Absage an „bequemen, privaten Glauben“
Christine Seuss - Vatikanstadt
Papst Leo feierte am 2. Tag seines Spanienaufenthaltes mit 1,2 Millionen Menschen eine Messe auf der Plaza de Cibeles vor dem Madrider Rathaus. Der Platz ist auch bei Sportbegeisterten außerhalb Spaniens bekannt; dort kommen bei Titelgewinnen des Fußballvereins Real Madrid Fans und Spieler zum Feiern zusammen. Für die Messe wurde das Rathaus an diesem Sonntag zur päpstlichen Sakristei umfunktioniert, vor der Feier erhielt der Papst dort auch den Goldenen Schlüssel zur Stadt und trug sich ins Goldene Buch ein.
Aktualität von Fronleichnam
In seiner Predigt bei der großen Freiluftmesse im Stadtzentrum, wo sonst quirliger Verkehr herrscht, sprach Leo XIV. über das Fest, das durch feierliche Prozessionen mit dem Allerheiligsten gekennzeichnet ist, und buchstabierte dessen Bedeutung für die Gegenwart aus:
„Hier in Madrid, aber auch an so vielen anderen Orten Spaniens, ist Fronleichnam nicht nur ein weiterer Feiertag im liturgischen Kalender, sondern eine Rückkehr zu den Wurzeln des Glaubens, um die Liebe und Treue zu Gott zu erneuern“, wandte er sich an die Gläubigen.
Bei den feierlichen Prozessionen und dem reichen Schmuck dieses Tages, die seit Jahrhunderten viele Lebensbereiche des spanischen Volkes prägten, handele es sich jedoch keinesfalls um eine „äußerliche Zurschaustellung“, ein „folkloristisches Überbleibsel“ oder um „bloße ästhetische Zierde“, gab Leo XIV. zu bedenken. Vielmehr gehe es um „den Glauben an die Gegenwart des auferstandenen Herrn“, der uns weiter begleite.
„So wie Christus sich in der Eucharistiefeier zur Nahrung für uns macht, so zeigt die Prozession, dass er nicht im Gotteshaus eingeschlossen bleibt“, sondern uns entgegenkomme, unsere Stadtviertel besuche und an den Orten unseres Alltags wohne, als „Gott der Nähe“ für sein Volk, die Schwachen, Familien und Kranken:
„Der Christus, der in der Monstranz durch die Straßen zieht, ist derselbe, der sich mit den Armen, den Niedergeschlagenen, den Einsamen und Hilflosen identifiziert“, unterstrich Papst Leo XIV. weiter.
Tag der Nächstenliebe - Nein zu bequemem und privatem Glauben
Es sei daher keineswegs ein Zufall, dass hier in Spanien die Kirche seit Jahren das Fronleichnamsfest mit dem Tag der Nächstenliebe verbinde, bemerkte der Papst:
„Es geht nicht nur darum, die Monstranz hinauszutragen, sondern darum, dass wir uns selbst aus dem Egoismus, der Gleichgültigkeit und einem bequemen, privaten Glauben herausführen lassen, um auf Seine Einladung zur Umkehr zu antworten, unsere Sichtweise zu ändern und Seine Gegenwart anzunehmen, die uns verwandelt und zu Baumeistern einer neuen Welt macht.“
In diesem Zusammenhang warnte er davor, die historische Erinnerung an die Fronleichnamsprozessionen auf „eine nostalgische Erinnerung“ zu beschränken; vielmehr seien sie Einladung für die Gegenwart und das persönliche Leben, Einladung, die Beziehungen, die Gesellschaft und den Aufbau der Zukunft zu verstehen, wie auch in der gehörten Lesung (Dtn 8,2) angeklungen sei. Daher wolle er eine Empfehlung für „das Spanien von heute und morgen“ aussprechen, so der Papst - eine Mahnung, die keineswegs nur auf den spanischen Kontext anwendbar ist:
„Die Religiosität, die dieses Land seit Jahrhunderten belebt, soll kein Museum der Vergangenheit sein, das man besucht, sondern eine Schule des Glaubens, von der wir auch heute zehren können.“
Für das Gemeinwohl der Gesellschaft
Diese Schule lehre, vor Gott und vor dem Nächsten die Knie zu beugen, denn „niemand kann vor dem Herrn knien und gleichzeitig den Bruder und die Schwester verachten“, so der Papst weiter. In dieser „Schule“ gelte es, die „Selbstlosigkeit der Liebe“ als Gegenmittel zur Selbstsucht zu lehren, ebenso wie die Tatsache, dass „auch wir berufen sind, in den Situationen und Herausforderungen der Gesellschaft präsent zu sein, nicht zu fliehen, sondern uns persönlich für den Aufbau des Gemeinwohls einzusetzen“.
In diesem Zusammenhang erinnerte Leo XIV. an den heiligen Manuel González, den „Bischof der verlassenen Tabernakel“. Dieser hatte dazu aufgerufen, die Eucharistie nicht nur bei großen Feierlichkeiten oder gelegentlich zu ehren, sondern auch in stiller Treue. Im Klostergefängnis von Toledo, wo er unter äußerst harten Bedingungen inhaftiert war, ausgerechnet um das Fronleichnamsfest 1578 herum, habe er in der Nacht dieses Gefängnisses „die verborgene Gegenwart des Herrn“ erkannt, aus der „ein Licht entspringt, das keinen Untergang kennt, und ein Leben strömt, das nicht versiegt“:
„Jesus in der Eucharistie ist ,jener ewige Quell, der verborgen ist‘ – ein Quell, der fließt und den Durst stillt, ohne jedoch zu blenden, ohne sich mit äußerer Macht aufzudrängen, ohne sich auf spektakuläre Weise zu zeigen.“
Verwandlung und Auftrag
Es gelte, sich für die Begegnung mit Jesus mit aufrichtiger Liebe zu öffnen und „erneut aus dieser eucharistischen Quelle“ zu trinken, „die uns nicht in einer privaten Frömmigkeit eingeschlossen sein lässt, sondern aussendet, um unsere Brüder und Schwestern, die Familien, die Armen, die Leidenden und diejenigen, die die Hoffnung verloren haben, zu erquicken“, so der abschließende Appell des Papstes, der dazu aufrief, Hoffnung zu verbreiten:
„Die eucharistische Gnade verwandelt uns, macht uns aber auch zu Protagonisten der Verwandlung der Geschichte und zu einem Zeichen der Hoffnung für alle, denen wir begegnen.“
Fronleichnams-Prozession mit dem Papst
Nach der Messe führte Papst Leo die Fronleichnams-Prozession über prächtige Blumenteppiche aus zehntausenden farbenfrohen Blüten an. Bereits in seiner Predigt hatte er die „Schönheit und Eleganz“ der Blumenteppiche gewürdigt, die nach altem Brauchtum Teil der Prozessionen sind.
Dabei trug der Papst eine geweihte Hostie in einer reich verzierten Monstranz über die dicht von Menschen gesäumten Straßen. Die Route der Prozession, an der neben dem Papst selbst auch Kardinäle, Bischöfe, Ordensleute und Priester sowie Laien und Kinder, die in diesem Jahr die Erstkommunion empfangen haben, teilnahmen, führte von der Plaza de Cibeles über die Calle Alcalá in Richtung Gran Vía, um anschließend auf der anderen Fahrbahn zurück zur Plaza de Cibeles zu gelangen. Der 500 Meter lange Prozessionsweg war mit 16 großformatigen Blumenteppichen ausgeschmückt. Sie zeigten christliche Symbole wie die Hostie, die Petrus-Schlüssel oder die Jakobsmuschel.
Das florale Dekor wurde vom Verein der Teppichkünstler von Corpus Christi aus Ponteareas in Galicien gestaltet. 24 Kenner des alten Brauchs und 160 Freiwillige hatten 16 große Teppiche mit einer Breite von drei Metern und einer Gesamtlänge von über 500 Metern entlang der Calle de Alcalá angefertigt.
Das Legen von Blumenteppichen hat in der galicischen Ortschaft Ponteareas besondere Tradition. Dass diese Kunst nun auch Teil der Fronleichnamsfeierlichkeiten mit Papst Leo XIV. wurde, sei „eine Anerkennung der Arbeit Hunderter Menschen, die dieses Erbe seit über zweihundert Jahren bewahren“, sagte Miguel Ángel García vom Verband der Fronleichnams-Teppichmacher von Ponteareas spanischen Medien.
Eine Feier der Superlative
Bereits ab 7 Uhr morgens wimmelte es am Sonntag im gesamten Bereich der Plaza de Cibeles, des Paseo de Recolectos und der umliegenden Straßen von Gläubigen, Touristen, Pilgern, Jugendgruppen und Familien aus kirchlichen Gemeinschaften und religiösen Schulen, die aus ganz Spanien und verschiedenen Städten Europas angereist waren. Seinen Namen trägt der riesige Verkehrsknotenpunkt wegen des zentralen Brunnens (der zunächst am Rand des Areals stand) mit einer Statue der Göttin Kybele.
Die Organisation der Eucharistiefeier trug der Bedeutung des Ereignisses Rechnung: 400 Sänger, über 2.000 Priester, Diakone, Akolythen und Kommunionhelfer, 22.000 Freiwillige im Ordnungsdienst und 23.000 Polizisten, 42 Großbildschirme, die an strategischen Punkten aufgestellt waren.
Zu Beginn der Feier richtete der Metropolit von Madrid, Kardinal José Cobo Cano, ein Begrüßungswort an den Papst und erinnerte daran, dass Madrid eine Stadt ist, die auf einem riesigen Grundwasservorkommen erbaut wurde: „Wir sind ein Volk, das auf dem lebendigen Wasser der Taufe erbaut ist, der Quelle unserer Identität und dem tiefsten Fundament unserer Gemeinschaft. Heute kehren wir zu dieser Quelle zurück. Und von ihr aus bringen wir die Sorgen, die Wunden und die Hoffnungen unseres Volkes vor den Altar…“.
Dann fügte er hinzu: „Heute verlassen wir die Bequemlichkeit unserer Gotteshäuser und gehen mitten in das Herz der Stadt, um zu verkünden, dass Gott weiterhin inmitten seines Volkes wohnt. Er sendet uns aus, eine geschwisterlichere Welt zu bauen, in der niemand unsichtbar bleibt und das Brot für alle reicht. Eure Heiligkeit, in den Händen des Nachfolgers Petri wird der Leib Christi heute durch die Straßen Madrids ziehen. Und dieses Bild wird uns daran erinnern, was die Kirche sein soll: ein Volk, das Christus nahe an das Leben unserer Mitbürger heranträgt – als Wegbegleiter für die Müden und als Hoffnung für alle.“
(vatican news)
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