Papst in Sagrada Família: Aufruf zu einem Glauben, der die Welt verändert
Silvia Kritzenberger – Vatikanstadt
Mit einer beeindruckenden Lichtfeier mit Feuerwerk und Chorgesang endete diesen Mittwochabend in Barcelona der historische Moment, auf den die katalanische Hauptstadt schon lange gewartet hatte. Pünktlich zum 100. Todestag Gaudìs hat Papst Leo mit einer feierlichen Gedenkmesse und der Segnung des Christusturms das bleibende Vermächtnis des katalanischen Architekten gewürdigt, für den seit 2020 ein Seligsprechungsverfahren läuft. Auch Felipe VI. von Spanien und Königin Letizia – dem Privileg entsprechend, das katholischen Herrscherhäusern zusteht, weiß gekleidet – waren mit dabei.
Vor der feierlichen Messe in dem prächtigen Gotteshaus war es Papst Leo noch ein Anliegen, in der Krypta der Sagrada Familìa zu beten, in der Antoni Gaudí begraben wurde und deren Vollendung er noch erleben durfte. Ein Gebet am Grab Gaudís hatte es bei den Besuchen von Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. nicht gegeben. Seit 2025 darf der katalanische Architekt offiziell als „Diener Gottes" bezeichnet werden, seine Seligsprechung kann also jederzeit erfolgen, sofern ein Wunder auf seine Fürsprache hin anerkannt wird.
Das Gotteshaus, das noch nicht vollendet ist...
Mit dem Bau der Kirche wurde 1882 begonnen. Ihr Baumeister starb nach 43 Jahren Arbeit an dem Gotteshaus in Folge eines Verkehrsunfalls. Die Kirche, die 2005 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde, wird nach Gaudís Plänen weitergebaut – finanziert allein durch Spenden und Eintrittsgelder. Die komplette Fertigstellung des Gotteshauses soll in den 2030er Jahren erfolgen. Geweiht wurde die „Sagrada Família“ 2010 von Papst Benedikt XVI. Die Segnung des höchsten Turms dieser der Heiligen Familie gewidmeten Sühnekirche hat nun sein Nachfolger Leo XIV. vorgenommen.
Die Predigt von Papst Leo
Ausgehend von den Worten des Psalmisten „Herr, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!“ beschrieb der Papst die Sagrada Família in seiner Predigt als einen Ort der Einheit und der Begegnung mit Gott. Die Basilika öffne ihre Türen „wie weit ausgebreitete Arme“, um Menschen zum Hören auf Gottes Wort und zur Gemeinschaft einzuladen.
„Diese Kirche ist ein einziges Gebäude, das aus vielen Steinen besteht. Ein Haus, das im Laufe der Jahre stetig wächst, nach einem einheitlichen Entwurf. Wir alle sind die lebendigen Steine dieses Bauwerks, das Christus als Fundament und Höhepunkt, als Anfang und Ende hat. Die Basilika Sagrada Família ist weit mehr als nur ein Denkmal; sie ist bis heute ein Bauwerk im Entstehen, das uns daran erinnert, dass das christliche Leben stets ein Weg ist, denn es handelt sich um ein Projekt, das Gott verwirklicht.“
Den Umstand, dass das Gotteshaus noch immer nicht vollendet ist, deutete der Papst als geistliches Bild für das Leben der Gläubigen. „Seine Unvollkommenheit ist kein Mangel, denn sie zeugt von einer Sehnsucht; sie bedeutet nicht ein Fehlen von etwas, sondern drückt ein Versprechen aus, das wir konsequent einhalten wollen,“ so Papst Leo in seiner Predigt, in der er zur Freude der Anwesenden wieder über weite Strecken katalanisch sprach.
Gott baut dem Menschen ein Haus
Im Zentrum der Überlegungen des Papstes stand die Botschaft, dass nicht der Mensch Gott einen Platz schafft, sondern Gott dem Menschen Heimat schenkt. Mit Verweis auf die Verheißung an König David sagte der Pontifex, dass es „der Ort, den Gott uns schenkt, sein eigenes Herz ist: der Ort des Sohnes für uns, die wir Fremde waren; der Ort des Geliebten für uns, die wir Sünder sind.“
Und diese göttliche Nähe erfülle sich in Jesus Christus, führte der Papst weiter aus. Christus wolle für jeden Menschen „das endgültige, ewige Gut“ und der Herr sei „angesichts der Bedrohung durch das Böse immer bei uns, immer für uns da.“
Deutliche Worte fand der Papst, als er die Konsequenzen des Glaubens für das konkrete Leben beschrieb.
„Wir können nicht an Jesus glauben und Krieg führen. Wir können nicht an Jesus glauben und Unschuldige töten. Wir können nicht an Jesus glauben und diejenigen im Stich lassen, die leiden, die weinen, die vor der Not fliehen.“
Das Kreuz als Zeichen der Hoffnung
Mit Blick auf den Christusturm der „Sagrada Família“ verwies das Kirchenoberhaupt auf die Bedeutung des Kreuzes. Es sei kein Symbol des Todes, sondern der Hoffnung. Gott liebe uns so sehr, dass er „ein Werkzeug des Todes in ein Zeichen der Hoffnung“ verwandle.
„Denken wir also heute Abend daran, dass das Kreuz Christi, das sich auf der Spitze dieser Basilika befindet, das Kreuz der Letzten ist, die die Ersten werden, der Sünder, die Heilige werden, der Toten, die auferstehen werden,“ so der Papst.
Wenn wir auf Christus blicken, könnten wir die Welt mit neuen Augen sehen, denn dann werde der Turm des Kreuzes „zum Banner der Nächstenliebe“. Im Kreuz Jesu erreiche unser Glaube seinen Höhepunkt, wie die Inschrift am Fuß der Turmspitze bezeuge: „Tu solus Sanctus, Tu solus Dominus, tu solus Altissimus.“
Gaudí: Zeuge des Glaubens und Meister der Evangelisierung
Der Papst würdigte den Architekten Antoni Gaudí, dessen 100. Todestag diesen Mittwoch begangen wurde. Als „tief gläubiger Architekt“ habe Gaudí die „Sagrada Família“ geschaffen, um die Geheimnisse des Lebens Jesu sichtbar zu machen und Menschen auf einen geistlichen Pilgerweg zu führen. Die Basilika sei deshalb nicht nur Architektur, sondern „eine beredte Katechese aus Steinen, Farben und Licht“. Gerade in einer von Bildern geprägten Zeit seien Kunst und Schönheit „herausragende Kanäle der Evangelisierung“.
Auftrag für die Kirche: Das Gesicht derer emporheben, die im Staub liegen
Abschließend rief Papst Leo dazu auf, den Glauben in konkretes Handeln umzusetzen. Die Größe der „Sagrada Família“ dürfe nicht als weltlicher Rekord verstanden werden, sondern als Zeichen für die Sendung der Kirche.
„Die Schönheit dieses Gotteshauses ermutigt uns, von unserem Meister und Herrn immer mehr die Kunst zu lernen, nach seinem Evangelium zu leben. Während wir unseren Blick zu ihm, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn, erheben, verpflichten wir uns, das Gesicht derer emporzuheben, die im Staub liegen. Und so zeigen wir, dass die Sagrada Família die höchste Kirche der Welt ist, aber nicht, um in weltlichen Ranglisten führend zu sein, sondern um die Schritte des pilgernden Volkes Gottes in dieser Region Katalonien zu leiten, mit dem Kreuz, das den Weg erhellt wie eine brennende Lampe in Erwartung der Wiederkunft des Bräutigams.“
Eine rührende Szene am Rande...
Eine besonders rührende Szene gab es dann noch vor dem Gedenkgottesdienst in der Sagrada Familìa. Auf dem Vorplatz hat ein blindes Mädchen vor Papst Leo und dem spanischen Königspaar den Segnungsritus für den Turm sozusagen „vorweggenommen". Sie berührte mit den Händen ein Modell des Turms und beschrieb dem Papst, was sie „sehen" konnte. Eine Initiative von starkem symbolischem Wert, die gemeinsam mit dem Verein Once angestoßen wurde: der größten Organisation Spaniens, die sich um Blinde kümmert und mit der Sagrada Família an Projekten zur Barrierefreiheit des Kunstwerks auch für Menschen mit Behinderung zusammenarbeitet.
(vaticannews – skr)
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