Historisch: Der Papst im spanischen Parlament
Stefan von Kempis – Vatikanstadt
„Jede wahrhaft gerechte Gesellschaft gründet auf der Anerkennung der unantastbaren Würde des Menschen“, so der Papst. „Diese Würde geht jeder Zuerkennung vonseiten des Staates voraus und darf nicht wechselhaften gesellschaftlichen Konsensen oder den momentanen Mehrheitsmeinungen untergeordnet werden. Sie steht jedem Menschen allein aufgrund seiner Existenz zu und muss daher jede positive Rechtsordnung prägen.“
Damit nahm Leo den Gedanken auf, den sein Vorgänger Benedikt XVI. im September 2011 bei einem denkwürdigen Auftritt vor dem Deutschen Bundestag in Berlin ausgefaltet hatte. Zugleich proklamierte Papst Leo, dass die Rede von der Menschenwürde „nicht abstrakt bleiben“ dürfe. Er forderte dementsprechend den Schutz des Lebens, mehr Hilfen für Familien, einen menschlichen Umgang mit Migranten und auf internationalem Level stärkeres Engagement für Frieden, Abrüstung und den Schutz des Völkerrechts.
„Jede gerechte Gesellschaft gründet auf der Anerkennung der Würde des Menschen“
Am Eingang des „Palacio de las Cortes“, der sich in der Madrider Innenstadt auf dem Gelände eines früheren Klosters erhebt, war der Papst von den Präsidenten des Kongresses und des Senats willkommen geheißen worden. Die Hymnen Spaniens und der Vatikanstadt erklangen. Auch wenn einige Politiker zumal der linken Protestpartei „Podemos“ vorab Zweifel daran geäußert hatten, ob die Einladung eines Papstes in die Kammer opportun sei, war das Halbrund doch vollbesetzt. Auch die Spitzenvertreter des Verfassungs- und des Obersten Gerichts waren erschienen, außerdem der von Korruptionsvorwürfen gegen seine Partei PSOE in die Schusslinie geratene sozialistische Regierungschef Pedro Sánchez. Auf der Besuchertribüne waren zwei seiner Vorgänger im Amt des Ministerpräsidenten zu sehen, José Maria Aznar und Mariano Rajoy, beide von der oppositionellen konservativen Volkspartei PP. Vor Beginn seines Auftritts im Plenarsaal schüttelte der Papst mehreren herausragenden Abgeordneten die Hand, darunter Santiago Abascal von der rechtsextremen Vox-Partei.
Leo machte klar, dass er seinen Besuch in der Herzkammer der Madrider Politik als „Zeichen der Verbundenheit mit Spanien“ verstanden wissen wollte, nicht etwa als Einmischung in eine Sphäre, die ihn nichts angehe. Die Kirche „respektiert die Eigenständigkeit der Institutionen“, versicherte er gleich zu Beginn seiner auf Spanisch verlesenen Rede. Er zitierte Don Quijote und den Denker Miguel de Unamuno, bezog sich aber vor allem auf die „Schule von Salamanca“ des 16. Jahrhunderts, um hervorzuheben, dass Spanien schon früh den Menschen eingestuft habe „als jemanden, dessen Würde über jedem Nutzen steht und in dessen Dienst die Gesetzgebung steht“.
Die „Frage von Salamanca“
„So führten sie in die geschichtliche Unterscheidung die Frage nach dem unantastbaren Wert jedes Menschen und den ethischen Grenzen der Macht ein. Man muss anerkennen, dass die Gesellschaft und auch die Kirche nicht immer den Einsichten gerecht wurden, die in ihrer eigenen christlichen Tradition Widerhall fanden.“
Die „Frage von Salamanca“ beschäftige Politik und Gesetzgebung auch heute noch. Wenn die Überzeugung vom absoluten Vorrang der Menschenwürde lebendig bleibe, werde das Recht „zum Schutz für alle und zur Garantie gegen die Durchsetzung partikularer Interessen und Agenden“, sagte der Papst.
„In diesem Sinne stellt sich die Frage: Welche Zukunft haben unsere Gesellschaften, wenn das Leben nicht mehr als grundlegender Wert anerkannt wird? Kann eine Gemeinschaft, die das ungeborene Kind, den alten Menschen, den Kranken, den still Leidenden oder denjenigen, der ganz auf die Fürsorge anderer angewiesen ist, ausblendet, als wirklich gerecht bezeichnet werden? Die Verteidigung des menschlichen Lebens ist weder eine Partei- noch eine konfessionelle Angelegenheit: Sie ist ein zivilisatorisches Ziel. … Deshalb zeigt sich die moralische Größe einer Nation vor allem in ihrer Fähigkeit, jene Leben zu begleiten, zu schützen und zu lieben, die sich in einer besonders fragilen Lage befinden.“
Lebensschutz, Hilfe für Familien, menschlicher Umgang mit Migranten
Leo XIV. fuhr fort, indem er Familien als „erste Schule der Menschlichkeit“ bezeichnete; wer sie unterstütze, stärke die Stabilität der Nation. Im Schulwesen müssten die moralischen, kulturellen und religiösen Überzeugungen der Eltern respektiert werden. „Auch die tragische Migrationskrise stellt heute eine Anfrage an das Gewissen der Nationen und an die ethischen Grundlagen der internationalen Ordnung dar.“ Das Thema Migranten sei „weit mehr als eine rein demografische oder wirtschaftliche Frage“, nämlich „eine vorrangig moralische und rechtliche Angelegenheit“.
„Die Situation von Migranten und Flüchtlingen erfordert eine Antwort, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, die die Ursachen ihres Weggangs angeht und über die bloße Steuerung der Migrationsströme hinausgeht. (…) In den letzten Jahren haben die immer gefährlicher werdenden Routen die enormen Kosten dieses oft verschwiegenen oder ignorierten Problems deutlich gemacht. (…) Keine Nation kann eine Herausforderung dieser Größenordnung alleine bewältigen. Daher ist eine koordinierte, solidarische und wirksame Reaktion unerlässlich, die den Migranten Schutz, Aufnahme und echte Integrationschancen gewährleisten kann. Wenn die institutionelle Reaktion nahbar, gerecht und koordiniert ausfällt, sind Grenzen nicht länger Orte der Verlassenheit, sondern können zu Räumen werden, in denen die Menschenwürde verantwortungsvoll geschützt wird.“
Frieden, Abrüstung, Religionsfreiheit
Dann ging Leo zum Thema Frieden über. Er rief „nach einem öffentlichen Diskurs, der Andersdenkende respektiert“, und einem achtsamen Umgang mit Sprache (das galt der aufgeheizten spanischen Innenpolitik) und nach „diplomatischem Mut“, Abrüstung und dem Respekt des Völkerrechts (das galt der internationalen Ebene). „Die internationale Gemeinschaft ist gefordert, den unschätzbaren Wert des Dialogs als geduldigen Weg zu gerechten und dauerhaften Vereinbarungen wiederzuentdecken, die auf der Einhaltung von Verträgen, der Transparenz diplomatischer Maßnahmen und dem aufrichtigen Willen beruhen, den Frieden der Anwendung von Gewalt vorzuziehen.“ Der Papst nannte des Weiteren die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit eine „Frage, die für jede wahrhaft demokratische Gesellschaft entscheidend ist“, und verteidigte das Beichtgeheimnis sowie das Recht „des Religiösen“, sich nicht aus der Öffentlichkeit ins Private verdrängen zu lassen.
„Möge diese edle Nation niemals die Erinnerung an ihre Wurzeln verlieren, noch den Mut, in die Zukunft zu blicken. Möge Spanien weiterhin ein Ort der Begegnung, der Kultur, der Solidarität und der Hoffnung sein. Und möge es im öffentlichen Leben stets gelingen, die Festigkeit der Überzeugungen mit der Noblesse des Dialogs und der Größe des Dienstes zu verbinden.“
„Politische Vielfalt sollte nicht in eine permanente Abwertung des Gegners ausarten“
Parteipolitisch lässt sich die Rede des Papstes im Parlament keiner Seite zuordnen. Die sozialistische Minderheitsregierung von Regierungschef Pedro Sánchez dürfte sich in ihrer internationalen Friedenspolitik und der Massenlegalisierung sogenannter „illegaler“ Einwanderer bestätigt fühlen; Leos Worte zu Familie, Schule und Lebensschutz ähneln hingegen eher den Anliegen der konservativen oppositionellen Volkspartei. An ausnahmslos alle gerichtet war der Appell des Papstes zur Versachlichung der innenpolitischen Debatten. „Politische Vielfalt sollte nicht in eine permanente Abwertung des Gegners ausarten“, das schrieb Leo an diesem Montag vor allem den spanischen Parteien ins Stammbuch. Nach seiner Rede klatschten die Anwesenden im Stehen minutenlangen Beifall; von der vollbesetzten Besuchertribüne war sogar mehrfach ein Viva il Papa zu hören.
(vatican news)
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