Wortlaut: Leo XIV. bei großem Kulturtreffen in Madrid
Alle Wortmeldungen des Papstes und des Heiligen Stuhls in ihrer amtlichen Übersetzung ins Deutsche werden auf der Internetseite des Heiligen Stuhls veröffentlicht.
Eminenz, Herr Kardinal, liebe Freunde und Freundinnen!
Es ist mir eine Freude, euch an diesem Ort zu treffen, wo nicht nur sportliche, künstlerische und kulturelle Aktivitäten stattfinden, sondern auch die tiefsten Gefühle des Menschen zum Ausdruck kommen: Freude und Bewunderung, Begeisterung und Hoffnung, aber auch Traurigkeit und Frustration.
In diesem wunderschönen Land ist es unmöglich, die Spuren der Kreativität nicht zu bewundern, die seine Geschichte durchziehen und seine Identität prägen. Eine Schönheit, die in seinen Städten, in seinen Straßen und Denkmälern, auf seinen Plätzen und in seinen Gärten, in seinen Universitäten und Kirchen, in der Musik, der Malerei und dem Tanz sowie in seiner Gastronomie sichtbar wird. Hier spürt man auch die Seele jener Generationen, die die Landschaft verändert und ihr ein eigenes Gesicht gegeben haben, und das offenbart uns in jedem Detail die Intelligenz und den Willen, die in der menschlichen Seele wohnen.
Nachdem wir diese von früheren Generationen geschaffenen Wunder eingehend betrachtet haben, stellt sich unweigerlich eine Frage, die uns alle herausfordert: Welches Erbe hinterlassen wir der Zukunft und welche Art von Gemeinschaft lassen wir damit entstehen?
Ich habe jedem einzelnen Beitrag der Podiumsteilnehmer mit großem Interesse zugehört; ich stimme euch zu. Unsere Gesellschaft besitzt in der Tat eine außergewöhnliche Fähigkeit zu produzieren, innovativ zu sein und zu kommunizieren, doch scheint es, als müssten wir noch lernen, die Seele dessen zu bewahren, was sie hervorbringt. Andernfalls laufen wir Gefahr, dass wir zwar Experten in Sachen Medien und effizient in der Produktion sind, aber nicht wissen, warum, wozu, mit wem und für wen produziert wird. In diesem Zusammenhang sehnt sich die Kirche, die sich sowohl ihrer Erfolge als auch ihrer Fehler im Laufe der Geschichte bewusst ist, danach, im Dialog mit der heutigen Welt zu bleiben.
„Expertin in Menschlichkeit“
Das Streben nach dem Guten, dem Schönen und der Wahrheit ist in die DNA der Menschheit eingeschrieben; und ausgehend von diesem zutiefst menschlichen Streben und unserer jahrhundertelangen Erfahrung zeigt die Kirche Wege zu einem würdigen Leben und zum Gemeinwohl auf. In diesem Zusammenhang sagte der heilige Paul VI. vor den Vereinten Nationen, dass – unabhängig davon, welche Meinung man vom römischen Papst habe – dessen Auftrag wohlbekannt sei. Als „Expertin in Menschlichkeit“ wendet sich die Kirche von nichts ab, was wahrhaft menschlich ist (vgl. Gaudium et spes, 1). Aus diesem Grund ist die »Haltung des Dialogs […] ein wesentlicher Bestandteil der Berufung der Kirche« (Magnifica humanitas, 2). Heute stellen wir fest, dass die entscheidende Frage nach wie vor dieselbe ist: Was bedeutet es, wahrhaft menschlich zu sein?
Die Kirche gibt mit Demut aber auch mit Entschiedenheit das weiter, was sie in der Erfahrung des Glaubens erkannt hat: dass Jesus Christus auf die großen Fragen bezüglich des menschlichen Lebens und seiner Erfüllung, bereits in dieser Welt und bis zu ihrer Vollendung in der Ewigkeit, antwortet. »Deshalb bleibt der Mensch immer der „Weg der Kirche“ und die Mitte jedes authentischen Weges einer ganzheitlichen menschlichen Entwicklung« (ebd., 50). Und so kann sie sich nicht von der Kultur abwenden, denn durch sie „ist“ der Mensch mehr Mensch (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, 554).
Und gerade weil „Kultur“ an „Kultivierung“ erinnert, wie auch die gemeinsame etymologische Wurzel beider Begriffe nahelegt, sollten wir uns fragen, was wir heute säen, was in unserer Gesellschaft blüht und was still und leise verwelkt; welche Werte wir bewahren und welche wir sterben lassen. Das sind tiefgreifende, notwendige Fragen, die nicht ignoriert werden können.
Um diese Fragen zu klären, bedarf es eines gesellschaftlichen Dialogs, den wir mit der Kunst des Netzknüpfens vergleichen können und der Begegnung, Zuhören, Dialog und Respekt erfordert.
In den verschiedenen Bereichen menschlichen Handelns müssen wir auf die verwendete Sprache achten: die geschriebene, die gesprochene und im digitalen Umfeld auch die der Bilder; denn Kommunikation ist niemals neutral. Jeder Ausdruck sagt und vermittelt etwas; er kann verletzen oder heilen, Erwartungen zerstören oder Horizonte eröffnen, Spaltung säen oder Hoffnung wecken auf die Möglichkeit, gemeinsam etwas wahrhaft Menschliches aufzubauen.
Dialog von Institutionen, in dessen Mittelpunkt Menschenwürde steht
So ist das Knüpfen von Netzwerken ein Dialog zwischen Institutionen, in dessen Mittelpunkt die Menschenwürde steht. Dies bedeutet beispielsweise, dass die Universität der Arbeitswelt nicht den Rücken zukehrt und nicht auf die Wahrheit verzichtet; dass die Wirtschaft den Arbeitnehmer nicht nur als einen Faktor in der Gleichung ihrer Interessen betrachtet; dass die Kunst nicht nur für die Eliten bestimmt ist; dass der Sport nicht auf ein Spektakel reduziert oder zu einem reinen Geschäft gemacht wird; dass der technologische Fortschritt die Älteren, die Armen und diejenigen berücksichtigt, die keine Stimme haben.
Unser Beitrag zum Dialog, der von einer christlichen Sicht des Lebens geprägt ist, geht davon aus, dass der Schöpfer den Menschen mit Fäden der Liebe gewoben hat; denn er ist nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, der die Liebe ist (1 Joh 4,8). Hierin liegt das Fundament der unantastbaren Würde des Menschen, deren uneingeschränkte Achtung die Grundlage des Dialogs bildet.
Zweitens bedeutet Netze zu knüpfen, etwas gemeinsam hervorzubringen. Papst Benedikt XVI. sagte: »Der Glaube ist Liebe und bringt daher Dichtung und Musik hervor. Der Glaube ist Freude, daher bringt er Schönheit hervor« (Katechese, 21. Mai 2008). Wir alle haben schon einmal etwas Schönes erlebt, das uns innerlich verändert hat: ein Lied, ein Gedicht, eine stille Kirche, eine Stimme, einen Blick, oder auch ein Basketballspiel, das wir gemeinsam mit Freunden erlebt haben.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Verkündigung der Frohen Botschaft und das Bewusstsein, Brüder und Schwestern zu sein, während der Karwoche in Form der Saeta und außerdem in der mystischen Poesie oder in literarischen Meisterwerken zum Ausdruck kommt, von Autoren wie Lope de Vega, der heiligen Teresa von Ávila oder dem heiligen Johannes vom Kreuz, Calderón de la Barca oder in der ruhigen Prosa des heiligen Thomas von Aquin, von dem wir die schönen Hymnen zum Fronleichnamsfest geerbt haben, das wir heute feiern. All dies zeigt die Verbindung zwischen dem Materiellen und dem Geistigen, die unser Dasein ausmacht.
Selbstloser Dienst
Netze zu knüpfen bedeutet drittens, selbstlos zu dienen. Ein objektiver Blick zeigt, dass vom Glauben bewegte Männer und Frauen Krankenhäuser und Schulen errichtet, solidarische Initiativen ins Leben gerufen und eine Sprache benützt haben, die die Würde des Menschen achtet. Deshalb ist es angebracht, sich ehrlich zu fragen, ob die Welt – und insbesondere Europa – ihre Identität ohne den geistigen Einfluss, der ihre Geschichte geprägt hat, hätte entwickeln können. Das ist keine Provokation, sondern eine Einladung, darüber nachzudenken, ob die Ewigkeit, die durch die Menschwerdung Jesu Christi in Raum und Zeit eingedrungen ist, wieder mit dem Alltäglichen versöhnt werden kann.
Kann man wirklich glauben, dass das Europa, das wir so sehr lieben, ohne die Spuren des Glaubens dasselbe wäre? Warum sollten wir uns davor fürchten, dass die Ewigkeit den Alltag durchdringt? Der Ruf meiner Vorgänger ist noch immer lebendig: Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Christus nimmt nichts und gibt alles.
Ich möchte mit lauter Stimme fragen: Wer wird trotz seiner Talente und Fähigkeiten ausgegrenzt? Wir dürfen nicht übersehen, dass die Lage der Armen ein Schrei ist, der in der Geschichte der Menschheit unser Leben, unsere Gesellschaften, die politischen und wirtschaftlichen Systeme sowie die Kirche ständig herausfordert (vgl. Dilexi te, 9).
Tatsächlich gibt Christus dem Gemeinwohl den ihm gebührenden Platz zurück, als weiser Richter, der die Gier der einen mäßigt und die Hoffnung der anderen nährt, während er sich danach sehnt, alle zu retten.
Auch wenn sie dabei manchmal gegen den Strom schwimmt beharrt diese Kirche als „Expertin in Sachen Menschlichkeit“ darauf, »dass wirtschaftliche und institutionelle Strukturen nur in dem Maße gerecht sind, wie sie der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen dienen und die verantwortungsvolle Teilhabe aller fördern» (Magnifica humanitas, 34).
Erlaubt mir schließlich, eure Aufmerksamkeit auf eine Welt zu lenken, die mir – wie ihr wisst – nicht fremd ist: die Welt des Sports. Denken wir daran, wie viele von uns den Respekt vor dem Gegner eher auf dem Spielfeld gelernt haben als durch eine Rede. Wie viele Sportler lehren uns, zu verlieren, ohne zu hassen, zu gewinnen, ohne zu demütigen, oder nach einem Sturz wieder aufzustehen.
Dazu erklärte der heilige Johannes Paul II. als Sportler und Hirte: »In diesen Zeiten, in denen leider verschiedene Formen der Gewalt und damit des Hasses das Netz gesellschaftlicher Solidarität auf verhängnisvolle Weise zu zerreißen drohen, tragt ihr [die Sportler] euren Teil dazu bei, ein leuchtendes Zeugnis für Zusammenhalt, Frieden, Einheit, kurz gesagt für das ‚Zusammenleben-Können‘ zu geben«[1]. Diese Worte sind heute aktueller und noch passender als damals, als sie zum ersten Mal erklangen.
Eine erneuerte Gesellschaft
Liebe Freunde, ich lade euch daher ein, neue Fäden zu sein und neue Netze zu knüpfen, die alle Lebensbereiche in Einklang bringen, um eine erneuerte Gesellschaft zu gestalten, in der die Zeit von Ewigkeit durchdrungen ist, die Kultur das Gedächtnis bewahrt und den Dialog fördert, die Bildung die Suche nach der Wahrheit mit kritischem Geist fördert, die Kunst Staunen weckt und edle Gefühle hervorruft, die Wirtschaft die Würde des Menschen anerkennt und die Arbeit weiterhin Motor der Hoffnung bleibt.
Lasst uns neue Fäden sein und den Rat des heiligen Paulus beherzigen: »Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden! Seid untereinander eines Sinnes; strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für klug! Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!« (Röm 12,15-18). Denn es geht darum, dass unser „großartiges Menschsein“ auch weiterhin erstrahlt. Vielen Dank.
(vatican news)
[1] Hl. Johannes Paul II., Ansprache an die Teilnehmer der 33. Wasserski-Meisterschaft von Europa, Afrika und dem Mittelmeerraum, 31. August 1979.
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