Prof. Isabella Bruckner, Inhaberin des neuen Lehrstuhls am Päpstlichen Athenaeum Sant’Anselmo Prof. Isabella Bruckner, Inhaberin des neuen Lehrstuhls am Päpstlichen Athenaeum Sant’Anselmo  

Theologin Bruckner: „Glaubenspraktiken neu erschließen“

Welchen Schatz birgt das christliche Erbe für unsere Gegenwart? Zur Erforschung christlicher Spiritualität im zeitgenössischen Horizont ist an der päpstlichen Benediktiner-Hochschule Sant’Anselmo eine neue Stiftungsprofessur eingerichtet worden, die einen interdisziplinären Ansatz verfolgt. Besetzt wurde sie jüngst mit der österreichischen Theologin Isabella Bruckner. Wir haben mit ihr gesprochen.

Radio Vatikan sprach mit der jungen Professorin über das Potential christlicher Praxis und Lebensformen in der heutigen Zeit, über Frauen in der Theologie und Brücken zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Ihren Auftrag als Inhaberin der neuen Stiftungsprofessur „Christliches Denken und Spirituelle Praxis“ fasst die Theologin so zusammen:

„Auf inhaltlicher Ebene geht es mir wirklich darum, auch neu zu fragen, was dieses christliche Erbe, was diese christliche Erfahrung, die Gebetserfahrung, die Lebenserfahrung, das große Erbe des Denkens, für heute und auch für die Gesellschaft bedeuten kann. Welchen Schatz das auch für die heutige Gesellschaft darstellen kann. Und hier neue Brücken zu bauen, Übersetzungsarbeit zu leisten – einerseits zu anderen Wissenschaften und Disziplinen, andererseits in die säkulare oder säkular werdende plurale Gesellschaft hinein. Das ist mir ein wichtiges Anliegen. Nicht im Alleingang – ich glaube, Theologie muss das heute durch Allianzen zum Beispiel auch mit anderen Religionsforscherinnen und -forschern tun, zum Beispiel gemeinsam mit dem Islam unter anderem. Also das ist mir ein wichtiges Anliegen, die Schönheit, auch diese Tradition irgendwo neu zum Leuchten zu bringen und neu zu beleuchten.“

„Nicht im Alleingang – ich glaube, Theologie muss das heute durch Allianzen zum Beispiel auch mit anderen Religionsforscherinnen und -forschern tun, zum Beispiel gemeinsam mit dem Islam“

Bruckner hatte sich im vergangenen Frühjahr im Auswahlverfahren gegen vier weitere Kandidaten in der engeren Auswahl durchsetzen können. Die 1991 in Amstetten geborene Theologin war die einzige Österreicherin im Finale und überhaupt die jüngste Kandidatin. Vor Antritt ihrer Professur bei Sant’Anselmo lehrte Bruckner Fundamentaltheologie in Wien und Linz.

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Gebet, Meditation, Liturgie - wo Glaube Gestalt gewinnt

„Mich haben immer schon die Glaubenspraktiken interessiert“, sagt sie, „also dort, wo Glaube sich vollzieht auch in ästhetischen, performativen Praktiken wie zum Beispiel dem Gebet, der Meditation, der Kontemplation in der großen Form, auch in der Liturgie. Also dort, wo Glaube noch einmal Gestalt und besondere, auch symbolische rituelle Ausdrucksformen gewinnt. Das hat mich immer fasziniert, und ich denke, es ist auch für heute interessant, Menschen die Intelligenz dieser Praktiken, die Schönheit dieser Praktiken neu zu erschließen.“

Neben diesen Glaubenspraktiken will Bruckner mit dem neuen Lehrstuhl auch einen neuen Blick auf „Lebensformen der christlichen und spirituellen Tradition“ werfen, wie die neue Professorin der Benediktiner-Hochschule Sant’Anselmo sagt. Dabei gehe es zunächst – entsprechend der spezifisch benediktinischen Ausrichtung der Hochschule – um die monastische, benediktinische Lebensform. Aber „auch andere Gemeinschaftsformen, in denen Glaube, Religion oder eine Anknüpfung ans Christentum in besonderer Weise gelebt worden ist“, sollen in den Blick genommen werden, kündigt Bruckner weiter an.

Glaube formt Gemeinschaft 

„Und diese Gemeinschaftsformen neu zu entdecken, neu zu fragen, was sie für heute bedeuten, gerade auch in einer Gesellschaft, wo Gemeinschaftsformen loser werden, wo Menschen vor allem vereinzelt leben“

„Und diese Gemeinschaftsformen neu zu entdecken, neu zu fragen, was sie für heute bedeuten, gerade auch in einer Gesellschaft, wo Gemeinschaftsformen loser werden, wo Menschen vor allem vereinzelt leben, vielleicht auch neu nach sinnvollen und schönen guten Lebensformen suchen… hier einen neuen Blick auf diese auch tradierten Formen von Gemeinschaftsleben oder von geformten Leben zu werfen, das ist auch eine der Aufgaben dieser Stiftungsprofessur. Es geht darum, das christliche Erbe, die christliche Praxis - in kleinen Praxisformen, aber auch größeren Lebensformen - neu für heute zu entdecken und zu schauen, was steckt da drin, auch als Potential für die gegenwärtige Gesellschaft.“

Die neue Stiftungsprofessur ist interdisziplinär ausgerichtet. Man wolle sich etwa mit Philosophie und Kulturwissenschaften austauschen, so Bruckner. Sie sieht „neues Anknüpfungspotential“ seitens der säkularen Wissenschaften und nennt dafür ein konkretes Beispiel: „Gerade im Bereich der Ritual Studies zum Beispiel gibt es ein großes Interesse für solche symbolischen oder auch rituellen Formenpraktiken, in denen Körper geformt werden, in denen Denken geformt wird, in denen unser Fühlen geformt wird.“ Auch am theologischen Austausch mit Religionsforscherinnen und -forschern anderer Religionen, etwa des Islam, ist sie interessiert.

Forschung in die Gesellschaft tragen

Über den wissenschaftlichen Binnenaustausch hinaus will Bruckner zudem Projekte vorantreiben, die die Forschung verstärkt in Kirche und Gesellschaft tragen sollen. Diese Öffnung entspricht einer Weisung, die Papst Franziskus in seiner Apostolischen Konstitution „Veritatis Gaudium“ von 2017 als Ziel der kirchlichen Fakultäten vorschlug: die jüngsten Fortschritte der Wissenschaften den Menschen ihrer Zeit in einer den verschiedenen Kulturen angepassten Weise zu vermitteln. Bruckner erläutert, was mit dieser Mission konkret gemeint ist:

„Hier geht es darum, ein neues Zielpublikum zu erreichen, also mit dem, was wir hier neu über den Bereich spirituelle Praktiken, spirituelle Lebensformen denken, nach draußen zu gehen und neue Leute auch zu erreichen. Zum Beispiel aus dem Bereich der Wirtschaft, oder auch Menschen, die sich für den künstlerischen Aspekt von Religion interessieren. Diese Orte, die es ja im kirchlichen Bereich gibt, die wunderschönen Bauten, die wir haben, diese neu zu erschließen für Menschen, die aber jetzt nicht unbedingt an den religiösen Bereich sofort anknüpfen würden. Also hier mit dem Erbe, das wir haben, neu nach draußen zu gehen, auch Menschen auszubilden, die hier breiter auch in die Gesellschaft wieder neu einspielen können.“

Eigenes Denken fördern, mehr Theologinnen ins Boot

Neben diesem Wirkungsfeld der „Dritten Mission“ gehören natürlich die Lehre und die Forschung zu Bruckners Hauptaufgaben. Sie wird eine Gruppe von Studierenden mit Exzellenzstipendien betreuen und will daraus eine Forschungsgruppe bilden. Dabei soll an einem lokalen und internationalen Forschungsnetzwerk geknüpft werden und die jungen Studierenden zu „Multiplikatoren“ ausgebildet werden, die Themen weiterentwickeln und nach außen tragen. Wichtig ist Bruckner dabei, eigenes Denken zu fördern und auch, dass im männerdominierten Feld der Theologie mehr Frauen zum Zuge kommen. Die weibliche Spiritualität könne damit mehr in den Blick genommen werden.

„Ich glaube, dass Frauen tatsächlich eine andere Stimme in die Theologie einbringen als Männer dies mit ihrer Theologie tun und über Jahre Jahrhunderte auch getan haben.“

„Ich glaube, dass Frauen tatsächlich eine andere Stimme in die Theologie einbringen als Männer dies mit ihrer Theologie tun und über Jahre und Jahrhunderte auch getan haben. Allein schon mit den Themen, die dadurch auf den Tisch kommen, mit den Perspektiven, mit den Wahrnehmungen, die in die Theologie dadurch auch eingebracht werden. Und dabei achten wir natürlich zum Beispiel bei den Stipendiaten auch darauf, dass hier ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen, zwischen jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besteht und dass sie auch neue Netzwerke über diese speziellen Themen, die Frauen in die Theologie einbringen, in den Wissenschaften bilden. Dass sich so gegenseitig unterstützen und dass so eine neue, größere, kritische Masse erzeugt wird.“

Sechs neue Stipendien zu vergeben

Mit Blick auf die Nachwuchsförderung kündigt Bruckner weitere Ausschreibungen an: So sollen bis kommenden Oktober sechs neue Stipendiatinnen und Stipendiaten in das Forschungsteam aufgenommen werden.

Das Päpstliche Athenaeum Sant’Anselmo ist die internationale Hochschule des Benediktinerordens mit Sitz auf dem römischen Aventin. Der neue Lehrstuhl ist in seiner Ausrichtung Teil einer umfassenderen Neuausrichtung der Päpstlichen Hochschule Sant’Anselmo, bei der es darum geht, das Hochschulstudium „für die Kirche und die Welt von heute immer fruchtbarer“ zu machen..

Das Interview mit Prof. Bruckner führte Gudrun Sailer. Zum Beitrag aufbereitet von Anne Preckel.

(vatican news – pr)
 

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15. November 2022, 11:07