Franziskus erteilt bei einem Gebet in Rom am 8. Dezember den Segen Franziskus erteilt bei einem Gebet in Rom am 8. Dezember den Segen  (ANSA) Leitartikel

Segnungen und die Gefahr, alles kodifizieren zu wollen

Eine Deutung der Vatikan-Erklärung über die pastorale Sinngebung von Segnungen im Licht des „epochalen Wandels“ und der notwendigen „pastoralen Neuausrichtung“, auf die Papst Franziskus seit Beginn seines Pontifikats immer wieder drängt.

ANDREA TORNIELLI

In drei Monaten beginnt für Papst Franziskus das zwölfte Jahr seines Pontifikats. Ein Pontifikat, das von Anfang an durch den Aufruf zu einer „pastoralen Neuausrichtung“ gekennzeichnet war, wie es in Evangelii gaudium heißt, dem Apostolischen Schreiben, das den Kurs des Lehramtes des derzeitigen Bischofs von Rom vorgibt.

Franziskus weist in aller Deutlichkeit darauf hin, dass wir nicht eine Epoche des Wandels erleben, sondern einen epochalen Wandel. Wie Rocco Buttiglione in seinem Kommentar zu der jüngsten Erklärung, die die Möglichkeit spontaner, nicht-liturgischer Segnungen für irreguläre Paare – einschließlich gleichgeschlechtlicher Paare – eröffnet hat, auf diesen Seiten bereits feststellen konnte, waren Homosexuelle vor fünfzig Jahren entschieden gegen die Ehe. Heute ist dies, zumindest in vielen Fällen, nicht mehr der Fall. Obwohl sich die Aufmerksamkeit der Medien – verständlicherweise – auf homosexuelle Paare konzentriert hat, spricht die in den letzten Tagen vom Dikasterium für die Glaubenslehre veröffentlichte Erklärung von Paaren, die nicht nach den moralischen Normen der Kirche leben. Auch ohne hier auf Statistiken einzugehen, kann man sagen, dass es sich dabei in der Mehrzahl um Paare handelt, die aus einem Mann und einer Frau bestehen, die zusammenleben, ohne verheiratet zu sein. Man muss kein Soziologe sein, um zu erkennen, was für ein epochaler Wandel sich in den letzten Jahrzehnten vollzogen hat: der Rückgang der kirchlichen und zivilen Trauungen, die exponentielle Zunahme der Lebensgemeinschaften (auch unter jenen, die im Glauben erzogen wurden).

„Für eine radikale Veränderung der Sichtweise und der Mentalität“

Die pastorale Neuausrichtung, von der der Papst spricht, ist kein Übertünchen, keine einfache Anpassung der Zeitpläne, keine geringfügige Anpassung der Strukturen. Es handelt sich um etwas Tiefergehendes, das die Verantwortung aller, vor allem der geweihten Amtsträger, auf den Plan ruft. Die etymologische Bedeutung des Wortes „Neuausrichtung“ ist „sich von einem Ort zum anderen bewegen“, „sich jemandem oder etwas zuwenden“, „die Richtung ändern“. Die pastorale Neuausrichtung, von der Franziskus spricht, ist die Einladung zu einer radikalen Veränderung der Sichtweise und der Mentalität – nicht im Sinne einer Anpassung an das weltliche Denken durch Verwässerung der christlichen Verkündigung, sondern das genaue Gegenteil. Es ist die Einladung, die Evangeliumsverkündigung neu zu beleben, sich auf das Wesentliche, auf das Kerygma zu konzentrieren, wohl wissend, dass wir es zunehmend mit Ansprechpartnern zu tun haben, die es nicht mehr kennen. In dem Wissen, dass wir hinausgehen müssen mit der Bereitschaft, Risiken einzugehen, auf andere zuzugehen, ihnen ohne Vorurteile zu begegnen, zuzuhören, bevor wir urteilen – und dass wir nicht darauf warten dürfen, dass die Menschen zu uns kommen. Das Bild der Kirche als „Feldlazarett“, das dem Nachfolger Petri so am Herzen liegt, ist ein beredtes Beispiel. Die Wurzel der pastoralen Neuausrichtung ist zutiefst evangeliumsgemäß: Jesus hat uns aufgefordert, nicht zu richten, damit wir nicht gerichtet werden; uns nicht auf den Splitter im Auge unseres Nächsten zu konzentrieren und dabei den Balken in unserem eigenen Auge zu vergessen. Jesus hat sich über die religiöse Logik und die Normen seiner Zeit hinweggesetzt, indem er als Erster auf Unberührbare und öffentliche Sünder zuging.

Die pastorale Neuausrichtung hat nur ein einziges Ziel, und das ist der Grund für die Existenz der Kirche: die Mission. Das Zeugnis für die unendliche Liebe eines barmherzigen Gottes also, der uns umarmt, bevor er uns verurteilt; und der uns entgegenkommt, um uns wieder aufzurichten, wenn wir es ihm nur erlauben, oder auch nur den Wunsch danach haben.

„Es bleibt dem Unterscheidungsvermögen der geweihten Amtsträger überlassen“

Es gibt ein weiteres entscheidendes Wort, das mit dem epochalen Wandel, der pastoralen Neuausrichtung und der missionarischen Option verbunden ist: „Unterscheidung“; ein zentrales Wort auch in der Erklärung des Dikasteriums über die Segnungen. In dem Dokument, das bekräftigt, dass sich die Lehre über die Ehe nicht ändert, und die Kirche nur sexuelle Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau, die in der Ehe vereint sind, als sittlich erlaubt ansieht, wird nicht nur klar gesagt, dass jede Ritualisierung, jede Art von liturgischem Ritus oder diesem ähnliche Segnungen von „irregulären“ Paaren zu vermeiden sind, sondern auch, dass keine weiteren „Antworten“ zu diesem Thema erwartet werden sollten. Weil es eben dem Unterscheidungsvermögen der geweihten Amtsträger überlassen bleibt.

Es ist ein Kreuz und eine Verantwortung, die auf den Schultern der Priester ruht. Sie sind dazu berufen, die Dramen der Menschen auf sich zu nehmen; sich ihre Geschichten anzuhören und sie Schritt für Schritt zu begleiten, damit sie den Plan Gottes für ihr Leben vollkommen verstehen können. Das ist eine zutiefst missionarische Tätigkeit. Die Vorstellung, die Last der Unterscheidung auf ein Handbuch oder ein vorgegebenes Benediktionale „abzuladen“, ist reine Kasuistik.

„Natürlich wäre es einfacher, ein Handbuch zu haben...“

Natürlich wäre es einfacher, ein Handbuch zu haben, in dem alles klar, definiert, strukturiert und detailliert analysiert ist. Aber es kann kein Handbuch geben, das in der Lage ist, der Vielfalt der Dramen, der persönlichen Geschichten, der Situationen Rechnung zu tragen.

In seiner Ansprache beim Weihnachtsempfang für die Kurie hat Papst Franziskus gesagt: „Für uns alle ist die Unterscheidung wichtig, diese Kunst des geistlichen Lebens, die uns von der Anmaßung befreit, schon alles zu wissen; von der Gefahr, zu glauben, es reiche aus, die Regeln anzuwenden; von der Versuchung,… einfach nach den immer selben Mustern vorzugehen, ohne zu bedenken, dass das Geheimnis Gottes uns immer übersteigt und dass das Leben der Menschen und die Wirklichkeit, die uns umgibt, den Ideen und Theorien immer überlegen sind und bleiben.“ Denn „lieben erfordert Mut“.

Der christliche Glaube, so Franziskus weiter, „möchte nicht, dass wir es uns in oberflächlichen religiösen Gewissheiten bequem machen; und er möchte uns auch keine schnellen Antworten auf die komplexen Probleme des Lebens geben“. Der Gott Jesu Christi „schickt uns auf eine Reise, er holt uns aus unseren Sicherheiten heraus, er stellt unsere Errungenschaften in Frage, und genau so befreit er uns, verwandelt er uns“.

Die Erklärung über die Segnungen ruft uns sicher auf den Plan, rüttelt uns auf und zwingt uns, unsere „Sicherheitszonen“ zu verlassen. Das Ziel ist es, den Menschen dort zu begegnen, wo sie leben und wie sie leben – und nicht wie wir sie gerne hätten –, damit das flackernde Licht angesichts einer Bitte um einen Segen – also einer Bitte um Hilfe von Gott – nicht gelöscht wird.

(vaticannews)

 

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21. Dezember 2023, 14:38