Künstliche Intelligenz - Chance oder Gefahr? (4)
Christine Seuss - Vatikanstadt
In der vierten und letzten Folge unserer Sendereihe im Monat Februar zum Thema Künstliche Intelligenz und der Haltung der Kirche zu der neuen Technologie lassen wir nochmals Experten zu Wort kommen, hören aber auch Papst Leo selbst.
Was wir eventuell von der Künstlichen Intelligenz und ihrer Anwendung zu befürchten hätten, wollten wir unter anderem von Pater Paolo Benanti wissen, einem der „KI-Ghostwriter" der Päpste:
„Wenn ich einen Scherz machen darf, würde ich sagen, dass das Erste, was zu befürchten ist, die natürliche Dummheit ist. Denn die Maschine versetzt sich nicht von selbst in die Lage, uns zu ersetzen: Es sind immer noch WIR, die nach Berechnungen oder Versuchen, bestimmte Prozesse zu optimieren, die Maschine nutzen können, indem wir sie anstelle des Menschen entscheiden lassen. Und eine derart leistungsfähige Maschine, die in Sekundenbruchteilen zwischen unendlichen Optionen wählen kann, ist nicht immer in der Lage, das zu ersetzen, was man menschlich als Entscheidung bezeichnet, also etwas, das mit Weisheit zu tun hat."
Hier zeige sich die gesamte Ambivalenz der KI, die in der Lage ist, Dinge mit großer Geschwindigkeit und Effizienz zu tun, während der Mensch hingegen aufgefordert sei, sich nach dem Sinn zu fragen, betont P. Benanti, der nicht nur die italienische Regierung in KI-Fragen berät, sondern auch als einziger Italiener im KI-Beratungsgremium für die Vereinten Nationen, dem AI Advisory Body, saß. Mit Veröffentlichung des Abschlussberichtes im September 2024 war dieses spezielle Gremium aufgelöst worden.
„Vielleicht könnten oder sollten wir all jene Entscheidungen fürchten, die nicht zu Entscheidungen führen. Denken wir zum Beispiel an den medizinischen Bereich: Eine Diagnose ist nie einfach nur eine Wahl zwischen Therapien, sondern die Übernahme der Verantwortung für ein menschliches Leben durch ein anderes menschliches Leben, das ihm implizit ein Heilungsversprechen gibt. Wir müssen all jene Situationen fürchten, in denen unsere Menschlichkeit zugunsten einer verstärkten Maschinisierung verloren geht. Stattdessen sollten wir alle Anwendungen fördern, die die Verantwortung des Menschen einbeziehen.“
Mit Blick gerade auf den Journalismus gelte es wohl, ein paar „Leitplanken“ zu definieren, um die journalistische Arbeit im Dienst der Wahrheit zu gewährleisten, meint P. Benanti in diesem Interview, das bereits im Februar 2025 aufgezeichnet wurde. Gedanken, die sich allerdings in ähnlicher und aktueller Form auch in Papst Leos Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel finden. Sie steht unter dem Titel „Menschliche Stimmen und Gesichter bewahren“ und wurde wie üblich zum Fest des heiligen Franz von Sales, Patron der Journalisten, am 24. Januar 2026 veröffentlicht.
Darin betont Papst Leo XIV., dass Gesicht und Stimme zentrale Ausdrucksformen der menschlichen Person sind und als Gabe Gottes geschützt werden müssen. Künstliche Intelligenz stelle nicht nur eine technische, sondern vor allem eine anthropologische Herausforderung dar, weil sie menschliche Beziehungen, Kreativität und Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern könne. „Die Gesichter und Stimmen zu bewahren bedeutet letztlich, uns selbst zu bewahren. Die Chancen, die digitale Technologien und künstliche Intelligenz bieten, mit Mut, Entschlossenheit und Urteilsvermögen anzunehmen, bedeutet nicht, dass wir unsere Augen vor kritischen Punkten, Unklarheiten und Risiken verschließen", so der Papst in seiner Botschaft, die in voller Länge auf Vatican News und der offiziellen Internetseite des Heiligen Stuhls verfügbar ist.
Nicht auf eigenes Denken verzichten
Der Papst warnt an dieser Stelle auch deutlich vor einem unkritischen Vertrauen in KI, vor der Simulation von Beziehungen durch Chatbots und vor der Gefahr, dass Menschen ihre eigene Denk-, Kreativ- und Urteilsfähigkeit verlieren. Ebenso eindringlich ruft Leo darin dazu auf, die Chancen der Technologie verantwortungsvoll zu nutzen und eine „Allianz“ für die gewinnbringende Nutzung von KI aufzubauen, die auf Verantwortung, Zusammenarbeit und Bildung beruht. Ziel müsse es sein, die Menschenwürde zu schützen, Medienkompetenz zu fördern und sicherzustellen, dass technologische Entwicklungen stets dem Gemeinwohl dienen und die menschliche Kommunikation nicht ersetzen, sondern unterstützen, betont der Papst:
„Wir müssen dafür sorgen, dass das Gesicht und die Stimme wieder die Person zum Ausdruck bringen. Wir müssen die Gabe der Kommunikation als die tiefste Wahrheit des Menschen bewahren, an der sich auch jede technologische Innovation orientieren muss", so die abschließenden Worte von Papst Leo XIV. in seiner ersten großen Botschaft zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, die er dem Thema der Künstlichen intelligenz gewidmet hat - in enger Kontinuität zum Lehramt von Papst Franziskus. Beobachter konnten diese Kontinuität schon frühzeitig feststellen, hat Leo XIV. sich doch seit Pontifikatsbeginn schon Dutzende Male gerade zur Künstlichen Intelligenz geäußert und somit klar gemacht, dass auch er die Frage als Schwerpunkt für sein Lehramt identifiziert hat. Mit großer Spannung wird denn auch bald seine erste Enzyklika erwartet, in der er wohl genauer ausarbeiten wird, was er schon in einer seiner allerersten Ansprachen - an die Kardinäle am 10. Mai, nur 2 Tage nach seiner Wahl - angekündigt hat, als er seine Namenswahl erklärte.
„Es gibt verschiedene Gründe, aber in erster Linie, weil Papst Leo XIII. mit der berühmten Enzyklika Rerum novarum die soziale Frage im Zusammenhang mit der ersten großen industriellen Revolution angesprochen hat. Und heute bietet die Kirche allen den Schatz ihrer Soziallehre an, um auf eine weitere industrielle Revolution und auf die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz zu antworten, die neue Herausforderungen im Hinblick auf die Verteidigung der Menschenwürde, der Gerechtigkeit und der Arbeit mit sich bringen."
Aktuellen sozialen Herausforderungen begegnen
Allerdings - davon zeigt sich Paul Nemitz, mit dem wir schon in der ersten Folge unserer Sendereihe gesprochen haben, überzeugt - habe Papst Leo trotz aller offensichtlicher Kontinuität zu Papst Franziskus in seiner Medienbotschaft einen eigenen Akzent eingebracht.
„Da geht es ihm um die menschliche Stimme, das menschliche Gesicht. Aber eigentlich geht es ihm letztlich um Gesellschaft. Es geht ihm darum, dass unsere Gesellschaft inklusiv sein muss, dass wir selbstbestimmt unser Leben gestalten. Kollektiv. Er will die Öffentlichkeit daran erinnern, dass sie eine Funktion hat, nämlich die Funktion, das Gemeinwesen zu steuern durch demokratische Prozesse, an denen sich eben nur denkende Menschen beteiligen können. Hier kann die menschliche Intelligenz eben nicht durch die Maschinenintelligenz ersetzt werden! Und das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Schritt", so der Jurist, der als Chefberater in der Europäischen Union an der Ausarbeitung des "AI-Act", also des KI-Regelwerkes der EU, beteiligt war.
Im Gedenken an die Sozialenzyklika von Leo XIII. wolle Leo XIV. die wichtige gesellschaftliche Rolle der Kirche für soziale Gerechtigkeit im Zeitalter der künstlichen Intelligenz aufgreifen. Dazu gehöre auch, das Verständnis für Machtstrukturen, Ungleichgewichte und Ungerechtigkeiten zu fördern, die aus Machtkonzentration entstehen, so Nemitz weiter.
„Es geht ihm auch darum, die neuen Probleme und Herausforderungen anzugehen, und zwar im Sinne des Menschen. Deshalb findet er in dieser Botschaft an die Medien auch eine sehr klare Sprache: eine Sprache, die sehr kritisch ist gegenüber der Manipulation durch künstliche Intelligenz, der Machtkonzentration - und auch gegenüber den falschen Versprechungen der künstlichen Intelligenz in dem Sinne, wie wir sie hören aus Kalifornien, aus Amerika: das Versprechen nämlich, dass KI alle Probleme dieser Welt lösen wird. Er fordert auf dazu, dass die Menschen weiter stolz darauf sein sollen, Menschen zu sein, dass sie eigenständig denken, dass sie zu ihren Gefühlen, ihren Emotionen stehen. Dass das Menschsein nicht eine Angelegenheit von gestern ist und die Zukunft der Technologie gehört, sondern dass Menschsein bedeutet, die anderen zu achten, Beziehungen zu pflegen, gemeinsam unser Leben zu leben und gemeinsam unsere Zukunft zu gestalten. Eine Zukunft nämlich, die offen ist und nicht vorhergesagt wird durch die Technologie, sondern die von uns Menschen gestaltet wird. Und an dieser Gestaltung beteiligen sich Christen natürlich nach den Grundsätzen ihrer Religion.“
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(vatican news)
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