Symbolbild Künstliche Intelligenz (AI) Symbolbild Künstliche Intelligenz (AI)  (REUTERS)

Künstliche Intelligenz - Chance oder Gefahr? (3)

Künstliche Intelligenz und ihre Auswirkungen auf den Menschen: Mit dieser Frage beschäftigt sich die Kirche seit dem Aufkommen dieser neuen Technologie. Waren es zunächst die ethischen Probleme, an denen sich die Experten aus dem Kirchenumfeld abarbeiteten, wuchs bald das Bewusstsein dafür, dass die neuen Möglichkeiten auch das Menschsein an sich vor neue Herausforderungen stellen…

Christine Seuss - Vatikanstadt

2016 – also etwa zeitgleich mit der Europäischen Union - begann man im Vatikan über das Thema Künstliche Intelligenz nachzudenken, und 2018 sprach Papst Franziskus erstmals direkt mit ihm über die neue Technologie: Das sagt uns im Rahmen unserer Radioakademie zum Thema KI Kurienbischof Paul Tighe, seines Zeichens Untersekretär im Dikasterium für Kultur und Bildung. Sein Dikasterium war es auch, das im Gemeinschaft mit dem Dikasterium für die Glaubenslehre im Januar 2025 das Dokument Antiqua et nova herausgegeben hat – ein Meilenstein, lag doch damit erstmals eine umfängliche und grundsätzliche Zusammenfassung getätigter Vatikan- und Papstaussagen zu der neuen Technologie vor, die mit dem aktuellen Stand der Überlegungen in Expertenkreisen angereichert wurde.

Hier hören Sie den Trailer unserer Radioakademie

„Ich erinnere mich, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung mehrere große Entwicklungen in der digitalen Welt und KI-Welt stattfanden“, erzählt uns Bischof Tighe.

„DeepSeek zum Beispiel erschien fast gleichzeitig und erhielt sehr viel Aufmerksamkeit. Was jedoch erfreulich ist, ist die wissenschaftliche Reaktion. Die Menschen beginnen, das Dokument aufzugreifen und ernst zu nehmen. Antiqua et Nova war nie als endgültige Stellungnahme gedacht. Es war vielmehr eine Synthese dessen, was der Heilige Stuhl bereits erarbeitet hatte: Botschaften, den Rome Call, verschiedene Erklärungen, Ansprachen von Papst Franziskus und Artikel zu unterschiedlichen Anlässen. All das wurde zusammengeführt und als erste Gesamtsicht präsentiert. Es zeigt eine Kirche, die Teil des Dialogs und der Debatte sein möchte – nicht nur, um daran teilzunehmen, sondern in gewisser Weise auch, um diesen Dialog anzustoßen und zu fördern. Und das ist für mich einer der wichtigsten und erfreulichsten Aspekte.“

„Die Menschen beginnen, das Dokument aufzugreifen und ernst zu nehmen“

Er selbst sei kürzlich in San Francisco gewesen und dort mit Menschen zusammengetroffen, die auf höchstem Niveau im Bereich der KI arbeiten, so Tighe weiter.

Großes Interesse bei Tech-Playern

„Es war ermutigend zu sehen, dass sie das Dokument gelesen und ernst genommen hatten. Sie waren nicht mit allem einverstanden, aber sie setzten sich damit auseinander, rangen mit seinen Gedanken und fanden es hilfreich genug, um die Diskussion fortzusetzen. In einigen Bereichen sehen wir, dass Menschen, die an KI arbeiten, sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Sie bemühen sich, bewusster zu erklären, was sie tun, und über die Auswirkungen ihrer Arbeit nachzudenken – trotz des intensiven Wettbewerbs, der sie manchmal zu schnellen Entscheidungen drängt“, erläutert der Kurienbischof mit Blick auf Tech-Akteure wie Anthropic und ihre kürzlich veröffentlichte Erklärung, in der sie darlegen, welche Werte ihr Modell Claude prägen sollen, oder OpenAI, das seine Modellspezifikationen veröffentlicht hat.

„Es gibt einen klaren Versuch, mehr Transparenz zu schaffen“

„Es gibt also einen klaren Versuch, mehr Transparenz zu schaffen. In diesem Zusammenhang suchen viele von ihnen auch den Austausch mit nicht-technischen Stimmen, um ihr Denken zu vertiefen. Es war erfreulich zu sehen, dass einige von ihnen Antiqua et Nova kannten und darin Anregungen fanden. Einige dieser Gedanken sind sehr klar: Neue Technologien sollten inklusiv sein, allen offenstehen und darauf ausgerichtet sein, den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Zugleich wächst ein tieferes Bewusstsein – etwas, das auch mit der Botschaft zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel zusammenhängt –, dass Technologie allein nicht ausreicht. Sie muss von Menschen und durch menschliche Reflexion gestaltet und geleitet werden.“

Mons. Paul Tighe
Mons. Paul Tighe

Gedanken, die sich auch schon in Antiqua et Nova ausgedrückt finden. Schließlich wird dort zwar einerseits anerkannt, dass künstliche Intelligenz Außergewöhnliches leisten kann: Informationen verarbeiten, Muster erkennen und komplexe Analysen durchführen. Doch es wird auch die Frage danach gestellt, was Individuen und Gesellschaften wirklich zum Aufblühen bringt – Formen von Intelligenz und Weisheit, die Maschinen möglicherweise nicht bereitstellen können.

„Die Kirche interessiert sich immer für das, was zum Wohl der Gesellschaft beiträgt – oder es gefährdet“

„Wie bei vielen Technologien sind die Auswirkungen der verschiedenen KI-Anwendungen zu Beginn nicht immer vorhersehbar. In dem Maße, in dem diese Anwendungen und ihre sozialen Auswirkungen deutlicher werden, sollte nach dem Subsidiaritätsprinzip auf allen Ebenen der Gesellschaft eine angemessene Rückmeldung gegeben werden. Es ist wichtig, dass sich einzelne Nutzer, die Familien, die Zivilgesellschaft, die Unternehmen, die Institutionen, die Regierungen und die internationalen Organisationen auf ihrer jeweiligen Kompetenzebene dafür einsetzen, dass der Einsatz der KI dem Wohl aller dient," heißt es beispielsweise in der Schlussbetrachtung des erwähnten Dokuments (110). Die Kirche hat unter der Führung von Papst Franziskus also relativ früh einen Platz in dieser Diskussion eingenommen – angefangen mit dem Rome Call 2020 und gefolgt von anderen Dokumenten, die die ethischen und anthropologischen Dimensionen der neuen Technologie ansprechen. Dabei handelt es sich eigentlich um eine ganz natürliche Entwicklung, meint Monsignor Tighe:

„Die Kirche interessiert sich immer für das, was zum Wohl der Gesellschaft beiträgt – oder es gefährdet. Sie achtet auf das, was wir die ,Zeichen der Zeit' nennen. Und es besteht kein Zweifel, dass KI heute ganz oben auf der Agenda steht. Man kann keine Zeitung aufschlagen, ohne darauf zu stoßen. In gewisser Weise hatte die Kirche Glück. Die ersten bewussten Reflexionen über dieses Thema begannen um das Jahr 2016. Ich erinnere mich, dass Papst Franziskus 2018 nach einem Treffen mit Fachleuten aus diesem Bereich direkt mit mir darüber sprach. Sie hatten ihm gesagt, dass er darauf achten müsse. Und das tat er. Er stellte Ressourcen bereit und maß dem Thema große Bedeutung bei. Was die Kirche sagen will, ist im Grunde einfach: Wir leben in dieser Welt, und unsere Kultur wird von vielen Kräften geprägt. Eine der stärksten Kräfte, die unsere Kultur und das tägliche Leben vieler Menschen prägen wird, ist KI. Wir müssen dafür sorgen, dass ihr unbestreitbares Potenzial zum Guten eingesetzt wird. Gleichzeitig dürfen wir aber auch nicht naiv sein. Wir müssen auf mögliche negative Folgen achten und sicherstellen, dass diejenigen, die diese Technologien entwickeln, sich ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst sind. Die Kirche möchte Teil dieser Debatte sein.“

„Wir müssen auf mögliche negative Folgen achten und sicherstellen, dass diejenigen, die diese Technologien entwickeln, sich ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft bewusst sind. Die Kirche möchte Teil dieser Debatte sein.“

Interessant sei in diesem Zusammenhang auch die Tatsache, dass es Entwickler aus dem Silicon Valley waren, die auf die Kirche zugegangen seien, und nicht umgekehrt…

„Weil sie wollten, dass die Kirche über diese Fragen nachdenkt. Sie wollten hören, was sie zu sagen hat. Sie haben nicht gesagt: ,Sagt uns, was wir tun sollen.' Vielmehr sagten sie: ,Diese Technologien prägen die Gesellschaft und auch unser eigenes Selbstverständnis – wer wir sind, wie wir lernen, wie wir miteinander umgehen. Darüber müssen wir gemeinsam nachdenken.' In vielerlei Hinsicht folgte dieser Ansatz dem Modell von Laudato si’. Papst Franziskus brachte bestimmte Perspektiven und Werte ein, bestand aber darauf, dass das Gespräch inklusiv sein müsse. Tatsächlich ist eines der am häufigsten verwendeten Wörter in Laudato si’ ,Dialog'. Ich denke, das gilt auch für die KI. Das Wort ,Dialog' wird auch hier zentral sein müssen. Und genau dazu möchte die Kirche ermutigen.”

Wichtiges Kommunikationsmittel für den Papst: Die Botschaften zu Welttagen

Ein Mittel, das dem Papst in diesem Zusammenhang zur Verfügung steht, sind seine Botschaften zu verschiedenen Anlässen. Besonderes Gewicht kommt dabei den Botschaften zu jährlichen Welttagen zu. Dutzende Male hat sich Papst Leo seit seinem Amtsantritt bereits zum Thema Künstliche Intelligenz geäußert, ja sogar seine Namenswahl damit erklärt, dass sich mit der Künstlichen Intelligenz eine soziale Revolution anbahne - vergleichbar mit der ersten industriellen Revolution, mit deren Auswirkungen sich sein Namensvorgänger Papst Leo XIII. an der Schwelle zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert konfrontiert gesehen hatte. Das erste Mal, dass sich Papst Leo in einer offiziellen Botschaft zu einem Welttag über Künstliche Intelligenz geäußert hat, war seine Botschaft zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel, die zum 24. Januar 2026 veröffentlicht wurde und unter dem Titel stand: Menschliche Stimmen und Gesichter bewahren.

„Ich halte das Dokument für sehr gut, weil es die Wahrheit hervorhebt, dass Kommunikation im Kern immer eine menschliche und nicht eine technologische Leistung ist. Das ist wichtig, weil selbst dann, wenn sich der Fokus auf die künstliche Intelligenz ausweitet, das Herzstück weiterhin die digitale Kommunikation und die digitale Kultur bleibt. KI sollte nicht von dem getrennt werden, was wir bereits durch die Entwicklung der sozialen Netzwerke und der digitalen Kommunikation gelernt haben“, gibt der vatikanische KI-Experte Tighe zu bedenken.

Besonders wertvoll an dieser aktuellen Botschaft sei, dass sie die Notwendigkeit hervorhebe, die Kommunikation mit dem anderen bewusst zu führen. Diese Bewusstheit werde in einer Wirtschaft, die vom Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit lebe und geprägt ist, noch wichtiger, unterstreicht Tighe.

„In diesem Sinne muss die bewusste Absicht abgegrenzt werden gegenüber einer Wirtschaft, die um unsere Aufmerksamkeit buhlt, und uns somit helfen, wachsamer und urteilsfähiger zu werden. Ein weiterer Aspekt, den ich schätze, ist die Betonung der Notwendigkeit einer besseren KI-Kompetenz. Die Menschen sollten verstehen, wie diese Systeme funktionieren, welche Annahmen ihnen zugrunde liegen und welche Vorurteile, oder „Bias“ möglicherweise in sie eingebaut sind. Dieses Bewusstsein hilft den Einzelnen, ihre eigene Handlungsfähigkeit und ihr Verantwortungsgefühl für ihre Kommunikation zu bewahren, statt in Echokammern gefangen zu sein oder nur das zu sagen, was ihre jeweilige Bezugsgruppe hören möchte.“

„Kommunikation ist eine menschliche Leistung“

Gleichzeitig hebe das Dokument die „bewusste und absichtsvolle Notwendigkeit“ hervor, nicht nur zu sprechen, sondern den anderen auch zuzuhören – und auf diese Weise von ihnen zu lernen.

„Was ich am wertvollsten finde, ist, dass das Dokument uns zu den Grundlagen zurückführt: Kommunikation ist eine menschliche Leistung. Deshalb ist die Idee, der Kommunikation ein ,Gesicht' zu geben, so kraftvoll. Wir haben immer wieder gesehen, wie Menschen in Gesprächen mit Bildschirmen oder Chatbots gefangen sind. Das kann unser Verständnis dessen, was wir tun, entmenschlichen. Was wir daher oft brauchen, ist die Wiederentdeckung von Kontexten und Umgebungen, in denen Menschen zusammensitzen, einander zuhören und der Menschlichkeit des anderen begegnen. Das hilft ihnen wiederum, die menschliche Dimension in ihrer eigenen Kommunikation wachzuhalten.“

Bischof Paul Tighe auf einem Podium zu Künstlicher Intelligenz
Bischof Paul Tighe auf einem Podium zu Künstlicher Intelligenz

Zwischen Papst Leo und seinem Vorgänger Franziskus sehe er keinen Bruch in dieser Frage - er nehme vielmehr eine kontinuierliche Entwicklung wahr, analysiert der Kurienbischof weiter.

„Über die Jahre hinweg wurden viele von uns, die sich mit diesem Bereich beschäftigt haben, zunächst von den ethischen Fragen angezogen, weil diese sehr klar waren. Viele dieser ethischen Fragen decken sich auch mit klassischen Themen der katholischen Soziallehre: Fragen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, von Arbeit und Beschäftigung sowie von der fairen und respektvollen Behandlung von Menschen. Das waren die offensichtlichen soziologischen und ethischen Themen, bei denen die Diskussion zunächst begann.“

Eine kontinuerliche Entwicklung

Erst dann sei allmählich die Einsicht aufgekeimt, dass diese Technologie auch tiefere Fragen über unsere eigene Menschlichkeit aufwerfe, ebenso wie über unsere damit zusammenhängende Verantwortung - besonders in der Art und Weise, wie wir kommunizieren.

Antiqua et Nova beginnt beispielsweise mit einer anthropologischen Perspektive und geht dann zur ethischen Dimension über. Ich denke, dieser anthropologische Schwerpunkt tritt in der Lehre von Papst Leo noch stärker hervor. Er ist jemand, der selbst soziale Medien genutzt hat und dieses Umfeld aus erster Hand kennt. Daher ist er wahrscheinlich sensibler für die Art und Weise, wie es unsere Menschlichkeit beeinflussen kann.“

„Eine solche Kommunikation kann durchaus durch Worte oder online stattfinden, muss aber immer den Kontext der Person bewahren, denn die Person steht im Mittelpunkt“

Dabei denkt der Vatikan-Experte in KI-Fragen unter anderem an die von einigen Autoren bereits identifizierte Gefahr einer sogenannten „Anthropomorphisierung“, die Versuchung also, Chatbots, Plattformen oder sozialen Netzwerken menschliche Eigenschaften zuzuschreiben.

„Andererseits gibt es das entgegengesetzte Risiko: dass wir selbst unsere Menschlichkeit auf dasselbe Niveau reduzieren. Was Papst Leo offenbar bewahren möchte, ist der Reichtum und die Vielfalt menschlicher Erfahrung – unsere Intuitionen, unsere sozial erlernten Haltungen und vor allem ein tiefes und erfüllendes Verständnis menschlicher Beziehungen. Sehr oft sind die Beziehungen, die wir zu Plattformen oder sogar zu Freunden in sozialen Medien haben, begrenzt und konditioniert. Die Herausforderung besteht daher darin, dass wir nichts Wertvolles verlieren: die Einzigartigkeit, Tiefe und Wärme einer wahrhaft menschlichen Kommunikation. Eine solche Kommunikation kann durchaus durch Worte oder online stattfinden, muss aber immer den Kontext der Person bewahren, denn die Person steht im Mittelpunkt.“

Alles auf CD und in unserer Sonntags-Sendung

Falls Sie alle Folgen der Radioakademien, die Sie besonders interessieren, in Ruhe nachhören möchten: Wir schicken Ihnen gerne nach Ausstrahlung aller Folgen der Radioakademie zur Künstlichen Intelligenz eine CD mit der ganzen Serie zu. Ihre Spende kommt dem kirchlichen Dienst von Radio Vatikan zugute. Bestellen können Sie die CD per Mail an: cd@vaticannews.de – unser Freundeskreis versendet aus Deutschland. Die Radioakademie ist jeweils am Sonntagabend um 18 Uhr auf unserem Webradio-Kanal und um 20.20 Uhr über die traditionellen Ausstrahlungswege zu hören.

Mehr zum Freundeskreis

Vergelt‘s Gott an den Freundeskreis an dieser Stelle auch nochmals für das Engagement und die vielfältige Unterstützung unserer Arbeit. Wer mehr zum Verein „Freunde von Radio Vatikan“ wissen möchte: Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt. Neben dem Vorsitzenden Ludwig Waldmüller sind Marco Chwalek und Hans-Werner Lichter ehrenamtlich im Vorstand, sie unterstützen uns zum Beispiel tatkräftig mit dem Druck, Verpacken und Versand der CDs mit unseren Radioakademien. Aber auch Postkarten und Gedenkbilder organisiert der Verein, der unsere Arbeit auf verschiedenste Weise unterstützt. Wer Mitglied werden möchte oder mehr wissen will: Am einfachsten ist es, Sie schreiben eine Mail an den Vorstand. Die Mail-Adresse lautet: vorstand@radiovatikan.de.

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15. Februar 2026, 12:53