Das Gebet des Leibes
An eine Säule gebunden, die Füße mit einem Seil gefesselt, das von einem Mann gehalten wird. So wird der gegeißelte Christus in der kunstvollen Miniatur dargestellt, die im 15. Jahrhundert in Flandern entstand. Sie stammt aus dem Stundenbuch Ott. Lat 2919: dem Kodex, der in der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek aufbewahrt wird und uns durch die Fastenzeit begleitet. Schöpfer dieser Szene ist der sogenannte „Meister von Guillebert de Metz“, der wegen seiner gekonnten Farbgebung und der Verwendung von Blattsilber auch als „Meister mit den Silberhimmeln“ bekannt ist.
Der Leib voller Wunden
„Darauf nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln“, berichtet der Evangelist Johannes. Die Szene ist Teil jenes Kodex-Abschnitts, der dem Kreuzoffizium gewidmet ist. Sie zeigt ein Gebäude mit grünem Schachbrettmusterboden, das sich über mehrere Ebenen erstreckt, die im Hintergrund von einem Säulenbogen mit dahinter liegenden Fenstern unterteilt werden. Diese architektonischen Elemente strukturieren die Darstellung und lenken den Blick auf Christus, der im Zentrum zu sehen ist. Der Sohn Gottes ist nur mit einem Tuch um die Hüften bekleidet, der Leib mit blutenden Wunden übersät, die ihm von den fünf Peinigern zugefügt wurden, von denen er gegeißelt wird.
Eine Einladung zum Gebet
Die Figuren sind von großer Ausdruckskraft. Wie auch in den anderen Miniaturen dieses Kodex füllen sie die Komposition und treten sogar über den rechteckigen Rahmen hinaus. So wird der Betrachter sozusagen in die Darstellung „hineingezogen“ und zu Meditation, Sammlung und Gebet angeregt.
Gerahmt wird die dramatische Szene von pflanzlichen Ornamenten – mit Efeublättern, Blüten, Tieren und Fabelwesen.
„Wir sind eingeladen, uns zu Jüngern des leidenden Jesus zu machen. Er hat für uns gebetet – auch mit seinem Leib – und ihn, in Gehorsam gegenüber dem Plan des Vaters, unvorstellbaren Leiden unterworfen. Er hat sich selbst hingegeben für den Vater und für die Menschen, und uns allen das unergründliche menschliche Elend und die außergewöhnliche Möglichkeit der Erneuerung und der Erlösung offenbart, die uns in ihm gegeben ist. Nach dem Vorbild Jesu müssen auch wir mit unserem Leib beten. Denn so werden Entscheidungen, die schwierige und herausfordernde Anstrengungen erfordern – wie die Keuschheit gemäß unserem Lebensstand, der Dienst an unseren Mitmenschen oder jede andere körperlich anstrengende Tätigkeit – zum Gebet und Opfer, das wir Gott darbringen, in Vereinigung mit den „Bedrängnissen Christi“ (Kol 1,24). Nehmen wir also die „Geißelung“ an, die wir durch die persönliche Enthaltsamkeit und die Übung christlicher Nächstenliebe jeden Tag erfahren. Sie ist Frucht und Geschenk des schmerzhaften Geheimnisses Jesu, das uns anspornt, einbezieht und innerlich verwandelt.“
(Hl. Johannes Paul II. - Angelus – 19. Februar 1989)
zus.gestellt von Paolo Ondorza
(vaticannews - skr)
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