Kardinal Parolin Kardinal Parolin  (ANSA)

Parolin: „Frieden lässt sich nicht durch Waffen garantieren“

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin setzt auch in unübersichtlicheren Zeiten auf die Kraft der Diplomatie. „Wir sollten nicht den Kopf in den Sand stecken, eine Logik der Stärke hat es immer gegeben.“

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Das sagte der engste Mitarbeiter von Papst Leo XIV. in einem Gespräch mit der katholischen italienischen Zeitschrift „Dialoghi“. „Es stimmt allerdings, dass Diplomatie, diplomatische Kreativität und Verhandlungsfähigkeit insbesondere in den letzten Jahren zusehends nachgelassen haben“, so Parolin. „Es scheint, als würden wir uns allmählich der Logik des Stärkeren beugen.“

Ihn erschrecke die Entschlossenheit („Ich wäre beinahe versucht, von Leichtigkeit zu sprechen“), mit der der Krieg als „entscheidende, ja beinahe unausweichliche Option“ dargestellt und gleichzeitig das Völkerrecht „nach Belieben gebrochen“ werde. „Die Diplomatie hingegen scheint verstummt, unfähig, alternative Instrumente einzusetzen.“ Entstanden sei die Krise des Multilateralismus vor allem aus der Anwendung von Gewalt, bei der Regeln missachtet würden, so Parolin, ohne die USA namentlich zu erwähnen.

Doppelte Moral in Sachen Völkerrecht

Mit Befremden registriert der Kardinal, dass das Völkerrecht oft nur angerufen werde, „wenn es einem gerade in den Kram passt“. Viele Regierungen hätten beispielsweise wegen der russischen Angriffe auf die Ukraine Sanktionen gegen den Aggressor verhängt. „Mir kommt es aber nicht so vor, als wäre dasselbe nach der Tragödie der Zerstörung von Gaza passiert.“

Es sei eine Utopie, zu glauben, dass sich Friede durch Waffen garantieren lasse – auch deshalb, weil man dabei nicht die „enormen wirtschaftlichen Interessen, die da im Spiel sind“, berücksichtige. Der Kardinalstaatssekretär spricht sich nachdrücklich für eine Rückkehr zur nuklearen Abrüstung aus. Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine äußert er, ihm scheine, dass viele noch nicht verstanden hätten, wie verheerend dort die Zerstörung und wie hoch der Preis an Menschenleben sei.

Parolin registriert besorgt, dass „Europa in den jüngsten internationalen Krisen nicht immer fähig war, mit einer Stimme zu sprechen“. Die EU müsse reformiert werden, „um nicht Angriffen von außen, aber auch Geltungssucht von innen zu erliegen“. Auch mit Blick auf die UNO tritt er für eine Reform ein.

 

Friedensrat für Gaza? Besser als gar nichts

Obwohl der Heilige Stuhl dem von US-Präsident Donald Trump eingerichteten Friedensrat für Gaza nicht beigetreten sei, bleibe er doch im Dialog mit den darin vertretenen Ländern und wolle alles Mögliche für einen Frieden im Nahen Osten tun. In die Debatten zur Zukunft des Gazastreifens müssten im Übrigen internationale Organismen und die Palästinenser einbezogen werden. Eine Annexion palästinensischer Gebiete durch Israel stünde aus Kardinal Parolins Sicht „im Widerspruch zu UNO-Resolutionen und zu grundlegenden Prinzipien der Gerechtigkeit“.

„Ich befürchte, dass die gegenwärtige Situation, die den Nahen Osten in eine verhängnisvolle Spirale der Gewalt gerissen hat, auch erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklungen in Palästina in naher Zukunft haben wird“, so der Kardinalstaatssekretär. „Gleichzeitig möchte ich betonen, dass der Friedensrat trotz all seiner Einschränkungen zumindest ein Versuch ist, nach dem Massaker an Zivilisten im Gazastreifen etwas zu unternehmen. Man kann sich fragen, welche anderen Initiativen und Bemühungen es gab und welche anderen Anstrengungen unternommen wurden…“

Vatikan bemühte sich vergeblich um Entschärfung der Venezuela-Krise

Parolin, ein früherer Nuntius in Venezuela, bestätigt in dem Interview, dass der Heilige Stuhl vor der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro durch die USA versucht hat, „eine Lösung zu finden, um jedwedes Blutvergießen zu vermeiden“. Dabei sei es darum gegangen, „eine Abmachung mit Maduro und anderen Vertretern der venezolanischen Regierung zu treffen“. Doch leider sei das nicht möglich gewesen. Ausweichend antwortet der Kardinal auf eine Frage, wie er demonstrative Bekenntnisse zu christlichen Werten vonseiten der Regierung Trump bewertet.

Auch mit Blick auf den Irankrieg tritt Parolin für eine Verhandlungslösung und den Respekt des Völkerrechts ein. Die Anliegen der iranischen Bevölkerung müssten berücksichtigt, die Menschenrechte eingehalten werden.

 

Parolin verteidigt Provisorisches Abkommen Vatikan-China

Ausdrücklich verteidigt er das vom Heiligen Stuhl 2018 unterzeichnete und mehrfach verlängerte Provisorische Abkommen mit der Volksrepublik China. Es sei „weder ein Konkordat noch ein politisch-diplomatischer Vertrag, sondern handelt lediglich von der Prozedur von Bischofsernennungen“. Parolin wörtlich: „Für einen Katholiken ist die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri keine Option, sondern essentiell! Die Tatsache, dass die Bischöfe heute in China alle in Gemeinschaft mit dem Papst stehen, ist fundamental.“

Der Kardinalstaatssekretär bekräftigt auch die Bereitschaft des Heiligen Stuhls, unter bestimmten Voraussetzungen seine diplomatische Vertretung von Taiwan nach Peking zu verlegen. Das habe der Vatikan schon vor zwanzig Jahren so gesehen. „Dies würde keineswegs einen Abbruch der Beziehungen zu Taiwan bedeuten, sondern vielmehr eine Rückkehr zum chinesischen Festland, von dem der Heilige Stuhl 1951 vertrieben wurde. Was Hongkong betrifft, so bleibt die Kirche dem Dialog mit den Behörden und der Gewährleistung der Religionsfreiheit verpflichtet.“

(vatican news)
 

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

08. April 2026, 10:35