Biennale-Kurator Obrist: Hildegard von Bingen vereint auch heute
Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt
„In dieser Zeit, in der es so viele Spaltungen gibt, so viele Trennungen, so viele Kriege, ist es für uns wichtig, wieder ein Zusammensein zu definieren. Wir müssen Menschen zusammenbringen, wir müssen Disziplinen zusammenbringen, wir müssen Felder zusammenbringen. Es geht heute darum, dass man Konstellationen schafft. Und ich glaube, wir können das von Hildegard lernen."
Mit-Kurator Hans Ulrich Obrist* betont die Vielfältigkeit Hildegard von Bingens, die etwa Naturheilkunde mit ihren Visionen zusammenbrachte, Komponistin und Schriftstellerin war und durch ihre Briefe „eigentlich ein globales Gespräch aufrechterhalten hat, über die Grenzen hinweg im 12. Jahrhundert." Die Heilige sei „wirklich beispielhaft - die Art und Weise, wie sie eben auch eine Art Community schafft, eine Vereinigung mit der Umwelt."
Hildegard im Zeitalter ökologischer Katastrophen aktuell - und bei Jugend beliebt
Es gehe hier gerade nicht um eine Trennung von Natur und Menschen, sondern um ein Zusammensein.
„Und das ist auch in diesem Zeitalter ökologischer Katastrophen, glaube ich, ein Grund, weshalb sich so viele junge Menschen jetzt für Hildegard von Bingen interessieren."
Hildegard von Bingen können die Besucher des Pavillons des heiligen Stuhls an einem ganz besonderen Ort begegnen: Nämlich in einem Klostergarten. Im so genannten „Giardino Mistico", der von der Gemeinschaft der Unbeschuhten Karmeliten gepflegt wird, zeigt der erste Teil des Pavillons in Zusammenarbeit mit dem Soundwalk Collective neue Klangwerke von 20 zeitgenössischen Komponisten, Musikern, Dichtern und Künstlern sowie Benediktinerinnen der Abtei St. Hildegard Eibingen. Sie haben in ihren Werken Gesänge, Schriften und visionäre Bilder Hildegard von Bingens durch Stimme, Instrumente und auch Stille verarbeitet.
Überraschungserfahrung im mystischen Klostergarten
„Es geht ja darum, dass man mit Ausstellungen auch überraschende Erfahrungen schafft, dass manchmal die Menschen Kunst sehen können, wo man es am wenigsten erwartet. Das ist etwas, was uns ganz wichtig war, auch mit diesem Projekt, dass es irgendwie in einem Garten stattfinden könnte. Und dass dieser Garten vielleicht auch nicht so berühmt wäre, dass die Menschen den entdecken könnten, dass sie auf eine Entdeckungstour gehen. Und wir haben diesen wunderbaren Garten in Venedig besucht. In diesem Umfeld - der Bahnhof, die Vaporetto, die Touristen, unglaublich viel Lärm - auf einmal diese Oase. Da waren wir ganz begeistert. Aber man kann da ja nicht irgendwie auf einmal Skulpturen installieren und Objekte, das wäre falsch. Dann haben wir uns überlegt, vielleicht hat es irgendwie mit Ton zu tun", schildert der Schweizer Kurator, wie es zum Klostergarten als Ort der Klanginstallation kam.
Begrenzte Besucherzahl
Etwa 200 bis 280 Biennale-Besucher pro Tag sollen den Garten bei der Biennale nach Voranmeldung (Infos hier) mit Kopfhörern betreten können. Sie erleben dort eine Klanginstallation, in der mehr als 20 Kunstwerke mit Ton über Hildegard reflektieren - „Hildegards Musik weiterschreiben, von Hildegards Musik inspiriert, neue Musik schreiben". So geht es durch den Klostergarten, und man „erlebt" im wahrsten Wortsinn die verschiedensten Werke. „Also in diesem Sinne ist es eine immaterielle Gruppenausstellung. Aber die Werke sind mit dem Ort verankert", erklärt Kurator Obrist.
Alexander Kluges letztes Werk - Titelgeber des Pavillons
Nachhaltigkeit schaffen - über Eventkultur hinausgehen
„Wir versuchen, Transporte zu reduzieren. Wir machen Ausstellungen, wo man die Werke nicht rund um die Welt fliegen muss. Das ist mir seit Jahren wichtig. Aber hier können wir das noch mal weitertreiben, nochmals auf eine andere Ebene bringen, indem wir eben einfach den Pavillon stehen lassen. Und ich fand es großartig, diesen Pavillon, denjenigen zu Opera aperta - offenes Werk - weiter zu verwenden. Und das hängt ja auch wiederum mit dem Thema von Hildegard zusammen", erklärt Kurator Hans Ulrich Obrist.
Zusammenarbeit mit Vatikan: Große Ehre
Mit dem Kulturdikasterium des Heiligen Stuhls zusammenzuarbeiten, empfindet der Schweizer als eine große Ehre. Schon die erste Begegnung mit dem zuständigen Kardinal, José Tolentino de Mendonça, Präfekt des Dikasteriums für Kultur und Bildung, der selbst auch Dichter ist, habe ihn sehr beeindruckt:
„Es ist ja wirklich sehr selten, dass ein Kulturminister, jemand, der sich in einem Land um die Kultur kümmert, auch ein großartiger Dichter ist und wirklich auch eine Vision hat. Das ist gerade heute auf der Welt leider zu selten. Ich glaube, wir brauchen mehr Dichter in den Kultusministerien. Ich habe dann auch seine Poesie-Bücher gelesen. Es ist eine große Ehre, mit ihm zu arbeiten, und auch ein wunderbarer Dialog."
Weitere Informationen
Biennale- Pavillon des Heiligen Stuhls: Das Ohr ist das Auge der Seele
Veranstaltungsorte
1. Giardino Mistico dei Carmelitani Scalzi, Cannaregio 54
Anmeldung erforderlich unter www.coopculture.it
2. Complesso di Santa Maria Ausiliatrice, Fondamenta S. Gioachin, Castello 450
Keine Anmeldung erforderlich
Öffnungszeiten des Pavillons:
11:00–19:00 Uhr (von Mai bis September)
10:00–18:00 Uhr (von Oktober bis 22. November)
Montags geschlossen (außer am 11. Mai, 1. Juni, 7. September und 16. November)
*Hans Ulrich Obrist (geb. 1968 in Zürich, Schweiz) ist künstlerischer Leiter der Serpentine in London. Zuvor war er Kurator am Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris. Seit seiner ersten Ausstellung „World Soup (The Kitchen Show)“ im Jahr 1991 hat er mehr als 350 Ausstellungen kuratiert. Den Heilig-Stuhl-Pavillon hat Hans Ulrich Obrist gemeinsam mit Ben Vickers, Kurator, Verleger und Technologe, kuratiert.
(vatican news - sst)
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