Die Predigt von P. Pasolini bei der Liturgie vom Leiden und Sterben Christi

Wir dokumentieren die Worte des Predigers des Päpstlichen Hauses, P. Roberto Pasolini, bei der Liturgie am Karfreitag im Petersdom in einer Arbeitsübersetzung.

Die Partitur des Kreuzes – (oder die Lieder des Dieners des Herrn)

Karfreitag 2026

Im ersten dieser Lieder wird der Diener als jemand vorgestellt, der vom Herrn berufen ist, eine wichtige und schöne Mission zu erfüllen: „den Blinden die Augen zu öffnen“ und „die Gefangenen aus dem Gefängnis zu befreien, die in der Finsternis Wohnenden aus der Gefangenschaft“ (vgl. Jesaja 42,6-7). Es ist eine Aufgabe ganz im Zeichen des Lebens, gerichtet an alle, die in Leid, Ungerechtigkeit und Sünde leben. Dennoch muss der Knecht sie auf präzise Weise erfüllen: „Er wird nicht schreien und seine Stimme nicht erheben, er wird seine Stimme nicht auf den Plätzen hören lassen, er wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen“ (Jesaja 42,2-3). Keine Gewalt, kein Rückgriff auf Gewalt, keine Versuchung, alles zu zerstören, um von vorne zu beginnen.

Zahlreiche Gläubige nahmen teil
Zahlreiche Gläubige nahmen teil   (@Vatican Media)

Der Knecht muss das Leben inmitten der Finsternis des Bösen suchen. Wir wissen, dass es nicht leicht ist, eine solche Mission anzunehmen. Wir alle sind versucht, ein wenig Aggressivität anzuwenden, ein bisschen Gewalt, in der Annahme, dass sich die Dinge ohne das niemals lösen lassen. Der Knecht des Herrn darf diesem Instinkt nicht nachgeben: Er muss die Sanftmut als einzige Kraft bewahren, um der Finsternis des Bösen zu begegnen.

Papst Leo bei der Feier
Papst Leo bei der Feier   (@Vatican Media)

Im zweiten Gesang jedoch bricht etwas auf. Nachdem er versucht hat, seine Mission zu erfüllen, merkt der Knecht, dass all sein Bemühen, Gutes zu tun, vergeblich gewesen scheint: „Umsonst und vergeblich habe ich meine Kräfte verbraucht“ (Jesaja 49,4).

Das gesäte Gute scheint nicht zu keimen, alles wirkt stillstehend und blockiert. Es ist eine Krise, die früher oder später jeden ereilt, der sich entschieden hat, dem Herrn zu folgen: das Gefühl, sich im Kreis zu drehen, nirgendwo anzukommen, etwas treu zu bleiben, das keine Früchte trägt. In Wirklichkeit ist es nur ein Eindruck. Mit dem Wort „vergeblich“ sagt der Prophet nicht, dass der Knecht vergeblich gehandelt hat, sondern nur, dass er das Ergebnis seiner Arbeit nicht überprüfen kann. Indem er in die Finsternis eintritt, ist der Knecht wie in einen Raum eingetreten, in dem die Dinge nicht mehr nach unseren Maßstäben zu verstehen sind, sondern dem oft paradoxen Plan einer Erlösung folgen, die von Gott kommt.

Im dritten Gesang kommt eine neue Überraschung zum Vorschein: Der Diener stellt fest, dass gerade jene, denen er helfen möchte, mit Feindseligkeit, Wut und sogar Gewalt reagieren. Wer in der Finsternis lebt, nimmt das Licht nämlich nicht immer an: Manchmal lehnt er es ab und versucht, es aufzuhalten. Weil das Licht nicht nur das Schöne hervorhebt, sondern auch das, was wir lieber verbergen würden: unsere Wunden, unsere Lügen, unsere Zweideutigkeit. Und das macht Angst. Der Knecht jedoch weicht nicht zurück. Er setzt den vom Herrn gewiesenen Weg fort, ohne zu fliehen: „Ich habe meinen Rücken den Peinigern hingehalten, meine Wangen denen, die mir den Bart ausrissen; ich habe mein Gesicht den Beleidigungen und dem Spucken nicht entzogen“ (Jesaja 50,6).

Papst Leo XIV. bei der Liturgie vom Leiden und Sterben Jesu
Papst Leo XIV. bei der Liturgie vom Leiden und Sterben Jesu   (@Vatican Media)

Im vierten Gesang, den wir in dieser Liturgie gehört haben, geschieht etwas Beunruhigendes. Die Gewalt, die über den Knecht hereinbricht, ist so intensiv, dass sie sein Gesicht entstellt, bis es unkenntlich wird, er hat kein Erscheinungsbild, keine Schönheit. Und doch hat er gerade auf diesem Weg gelernt, das erlittene Böse nicht zu vergelten. Wenn uns das Böse trifft, ist es immer unser Instinkt, zu reagieren, es zurückzuschicken, wenigstens die Rechnung zu begleichen. Der Gottesknecht hingegen gibt dieser Logik nicht nach: Er nimmt alles auf sich, ohne die Gewalt zu erwidern. Das Böse erreicht ihn und bleibt dort stehen: „Er trug die Sünden vieler und trat für die Schuldigen ein“ (Jesaja 53,12).

Brüder und Schwestern, der Herr Jesus hat sich nicht darauf beschränkt, diese Lieder anzuhören. Er hat sie gedeutet und intensiv gelebt, im vollen Vertrauen auf den Willen des Vaters, bis er seine Kreuzigung in ein Heilsereignis verwandelte. Die Welt kennt angesichts des Bösen nur zwei Wege: sich zu ergeben oder es zu vergelten. Wir sehen es ständig: in Kriegen, in Spaltungen, in den Wunden, die die alle unsere Beziehungen prägen. Das Böse zirkuliert weiter, weil es immer jemanden findet, der bereit ist, es zurückzugeben und zu vermehren. Jesus hat diese Kette durchbrochen, nicht indem er sich mit überlegener Kraft aufdrängte, sondern indem er annahm, was ihm widerfuhr, und in den dramatischen Momenten seiner Passion die „Partitur“ der Liebe und des Dienstes erkannte, die der Vater seinem Leben anvertraute.

Kardinäle säumten die Sitzreihen im Petersdom
Kardinäle säumten die Sitzreihen im Petersdom   (@Vatican Media)

Er hat diese Partitur nicht mechanisch ausgeführt: Er hat sie sich zu eigen gemacht und die prophetischen Worte in konkrete Gesten, in Vergebung und in mitfühlendes Schweigen umgesetzt. So hat er auf dem Weg des Kreuzes den schwierigsten Gehorsam gelernt: den der Liebe zum anderen, auch wenn sich der andere als Feind präsentiert.

Wir leben in einer Welt, in der die Stimme Gottes den gemeinsamen Weg der Menschheit nicht mehr wie einst bestimmt. Nicht, weil sie verstummt wäre, sondern weil sie oft zu einer Stimme unter vielen geworden ist, übertönt von anderen Worten, die Sicherheit, Fortschritt und Wohlstand versprechen. Das sind heute die Leitlinien, die viele Entscheidungen bestimmen und die Richtung des Zusammenlebens vorgeben. Und doch ist die Welt weiterhin ein Ort, an dem man leidet und stirbt, oft ohne Schuld und ohne Grund. Die Kriege hören nicht auf, die Ungerechtigkeiten nehmen zu, die Schwächsten müssen dafür den höchsten Preis bezahlen.

Es ist, als fehle ein Wort, das den Weg der Menschheit zusammenhalten könnte, ein Lied, das unsere Schritte in eine gerechtere und brüderlichere Welt lenken könnte. Und doch können wir - wenn wir aufmerksam hinsehen - gerade in diesem Szenario etwas Überraschendes erkennen: eine stille Schar von Menschen, die sich dafür entscheiden, auf eine andere Stimme zu hören. Einige erkennen sie eindeutig als den Willen Gottes; andere empfinden sie als einen tiefen und unabdingbaren Appell ihres Gewissens. Es ist eine Stimme, die nicht schreit, sich nicht mit Gewalt aufdrängt, keine Abkürzungen verspricht. Es ist ein leiser und beharrlicher Gesang, der dazu einlädt, zu lieben, zu bleiben und das erlittene Unrecht nicht zu vergelten.

Im Petersdom
Im Petersdom   (@Vatican Media)

Manche entscheiden sich, diesem Gesang zu lauschen. Es sind Männer und Frauen, die – manchmal ohne es zu wissen – denselben Weg gehen wie der Diener des Herrn. Sie vollbringen keine außergewöhnlichen Taten. Einfach stehen sie jeden Tag auf und versuchen, aus ihrem Leben etwas zu machen, das nicht nur ihnen selbst, sondern auch anderen dient. Sie tragen Lasten, die sie sich nicht ausgesucht haben, nehmen Verletzungen hin, ohne hart zu werden, und hören nicht auf, das Gute zu suchen, auch wenn es sinnlos erscheint. Sie machen keinen Lärm, stehen nicht im Rampenlicht, aber sie halten die Möglichkeit einer anderen Welt offen. Ihnen ist es zu verdanken, dass das Böse nicht das letzte Wort hat und die Geschichte nicht in Gewalt endet. Diese Vielzahl von Menschen bezeugt, dass die Lieder jenes Dieners, an dem Gott Wohlgefallen hat, weiterhin im menschlichen Herzen widerhallen und nur darauf warten, dass jemand bereit ist, sie in die konkrete Partitur seines eigenen Lebens zu übersetzen, auch wenn dies bedeutet, das Kreuz zu tragen.

In wenigen Augenblicken werden wir das Kreuz des Herrn mit Gesten, Stille und Gebeten verehren. Es wird eine besondere Gelegenheit sein, das Geheimnis Gottes zu erkennen und uns mit der – schwachen und starken – Qualität seiner Liebe zu uns und zu allen zu versöhnen. Wenn wir nicht das Risiko eingehen wollen, die Liturgie auf eine formale Äußerlichkeit zu reduzieren, können wir uns zumindest tief im Herzen dazu entschließen, die Waffen niederzulegen, die wir noch immer in den Händen halten.

Vielleicht erscheinen sie uns nicht so gefährlich wie jene, über die die Mächtigen dieser Welt verfügen. Und doch sind auch sie Werkzeuge des Todes, denn sie reichen aus, um unsere täglichen Beziehungen zu schwächen, zu verletzen und ihnen Sinn und Liebe zu entziehen.

Zu Beginn der Liturgie
Zu Beginn der Liturgie   (@Vatican Media)

Gestern wie heute braucht die Welt Rettung: vor der Gewalt des Bösen, vor der Ungerechtigkeit, die tötet, vor den Spaltungen, die erniedrigen. Doch diese Rettung wird nicht von oben herabkommen, noch kann sie durch politische, wirtschaftliche oder militärische Entscheidungen garantiert werden. Die Welt wird immer wieder von denen gerettet, die bereit sind, die Lieder des Dieners des Herrn als Form ihres eigenen Lebens anzunehmen. Das ist es, was der Herr Jesus getan hat: Er hat den Willen des Vaters ernst genommen und ihn wie eine Partitur angenommen, die es bis zum Ende auszuführen galt, „mit lautem Schreien und Tränen“ (Hebräer 5,7-8). Deshalb konnte er in dem entscheidenden Moment, als er verhaftet wurde, erklären: „Ich bin es“ (Joh 18,5), um frei in sein Leiden der Liebe einzutreten.

Brüder und Schwestern, Auch uns wird heute Abend die Partitur des Kreuzes überreicht. Wir können sie frei annehmen, wenn wir akzeptieren, dass es keine schwierige Situation gibt, der man nicht begegnen könnte, keinen Schuldigen, auf den man mit dem Finger zeigen müsste, keinen Feind, der uns daran hindern könnte, zu lieben und zu dienen. Stattdessen sind wir es, die, indem wir uns entscheiden, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, in den Bedrängnissen geduldig zu bleiben und an das Gute zu glauben, auch wenn die Finsternis alles zu verschlingen scheint, zu jenen Dienern werden können, die der Herr braucht, um der Welt das Heil zu bringen.

In einer Zeit wie der unseren, die so sehr von Hass und Gewalt zerrissen ist, in der sogar der Name Gottes angerufen wird, um Kriege und Todesurteile zu rechtfertigen, sind wir Christen aufgerufen, uns ohne Furcht, ja „mit vollem Vertrauen“ (Hebr 4,16) dem Kreuz des Herrn zu nähern und darin den Thron zu erkennen, auf dem man sitzt und zu regieren lernt, indem man sein Leben in den Dienst der anderen stellt. Wenn es uns gelingt, „unerschütterlich an unserem Bekenntnis festzuhalten“ (Hebr 4,14), werden unsere Tage den Gesängen der Freude und des Leidens eine Stimme verleihen, jener geheimnisvollen Partitur des Kreuzes, in der die Töne der größten Liebe zu erkennen sind.

 

P. Roberto Pasolini

Prediger des Päpstlichen Hauses

(vatican news)

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03. April 2026, 18:30