KI-Enzyklika: „Leo fragt nicht nach Technik, sondern nach Menschen“
Die katholische Sozialethikerin aus Großbritannien war unter den Fachleuten, die am Montag gemeinsam mit Papst Leo dessen Sozialenzyklika der Öffentlichkeit präsentierten. Viele Menschen fühlten sich unsicher im Umgang mit Fragen rund um KI, sagte Rowlands gegenüber Vatican News. „Es gibt da eine gewisse Hoffnung, und das sagt der Heilige Vater in dem Dokument auch selbst, dass vielleicht jemand anderes über diese Dinge nachdenken wird. Aber wir müssen darüber nachdenken, und wir müssen gemeinsam darüber nachdenken“, so die Theologin.
Der Papst richte den Blick dabei vor allem auf die Frage, wo diese Debatten geführt werden. „Im Mittelpunkt des Dokuments steht der Gedanke: Wie können wir vermeiden, dass diese Fragen in privaten Bereichen, die eher von Gewinnstreben als von Menschenwürde bestimmt sind, außer Acht gelassen werden?" Besonders wichtig seien gemeinsame Räume, in denen die Stimmen jener zuerst Gehör finden, die unter einer „algorithmischen Ordnung“ und einer digitalen Welt am stärksten litten.
Für die Theologin liegt die besondere Rolle des Papstes darin, moralische und geistliche Grundfragen zu stellen. Leo XIV. frage nicht nach Technik, sondern nach dem Menschen. „Was denken wir eigentlich, was menschliches Leben ist? Wer sind wir als Menschen? Was ist die Vision und das Ziel, auf das wir im Blick auf unsere Menschlichkeit und unser gemeinsames menschliches Leben hinarbeiten?“ Der Papst verbinde diese Fragen mit einer analytisch scharfen Bestandaufnahme über den Machtdiskurs, der sich an die Technik knüpft.
„Papst Leo übt heftige Kritik an – wenn man so will – den falschen Erzählsträngen, den falschen Narrativen darüber, was es bedeutet, Mensch zu sein, als auch insbesondere an jenen, die Macht und Herrschaft über andere in den Vordergrund stellen, sei es in der Politik, im Krieg, in Konflikten oder auch in der Wirtschaft. Im Zentrum des Bildes stehen verzerrte und verkehrte Versionen der Geschichte dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein - Versionen, die uns einschränken. Sie sehen aus wie Geschichten von Stärke, in denen wir uns gewissermaßen aufblasen“, sagte Rowlands. „Aber in Wirklichkeit schrumpfen wir, wir verengen diese Räume.“
Dem stelle Leo XIV. die Idee einer „Zivilisation der Liebe“ entgegen. Der Papst greife damit einen Begriff von Paul VI. aus dem Jahr 1970 auf. „Jetzt ist der Moment, diese Sprache zurückzugewinnen“, sagt die britische Sozialethikerin. Gemeinsam brauche die Menschheit „eine moralische Vorstellungskraft, eine Weise, einander und die Welt zu sehen, die den Wert des Menschseins erkennt“. Menschen dürften diesen Wert nicht auf KI-Werkzeuge übertragen und dadurch die eigene Menschlichkeit herabsetzen.
Die Enzyklika beschreibe den Menschen zugleich als endliches Wesen, geschaffen für das Große und Verbindende. „Gemeinsam müssen wir diese Zivilisation der Liebe aufbauen“, sagt Rowlands. „Und das gelingt nur, wenn wir ganz aus dem Bewusstsein leben, dass wir endliche Geschöpfe sind, geschaffen für die Liebe, mit einer Sehnsucht nach Gerechtigkeit, und dass wir diese Welt gemeinsam durch Teilhabe gestalten.“
Eine unmittelbare und eine langfristige Wirkung
Rowlands zieht Parallelen zur Sozialenzyklika „Rerum novarum“, die vor 135 Jahren erschien; am genauen Jahrestag, dem 15. Mai, unterzeichnete Papst Leo XIV. sein Lehrschreiben „Magnifica humanitas". „Rerum novarum“ habe Ende des 19. Jahrhunderts unmittelbare Folgen für Arbeiterbewegungen, Gewerkschaften und Kampagnen für gerechte Löhne gehabt, erinnerte Rowlands. Noch Jahrzehnte später habe die erste Sozialenzyklika der Kirchengeschichte christlich-politische Bewegungen geprägt, danach lasse sich sein Einfluss etwa bei dem Heiligen Óscar Romero erkennen. Große Enzykliken hätten oft eine unmittelbare Wirkung und zugleich eine langfristige Resonanz über Generationen hinweg.
Auch „Magnifica humanitas“ könnte nach Einschätzung der Theologin eine solche Wirkung entfalten. Die Enzyklika nehme zwar erstmals gezielt Künstliche Intelligenz in den Blick. Gleichzeitig stehe sie in einer langen Tradition kirchlicher Sozialverkündigung zu Industrialisierung, Kapitalismus und Arbeitswelt.
Rowlands betont, KI erscheine vielen Menschen abstrakt. Dabei handle es sich um eine Industrie mit realen Auswirkungen. „KI ist nicht wie Magie. Das ist kein magisches Denken“, sagt sie. „Es gibt reale Menschen mit realen Körpern, die arbeiten und Rohstoffe aus der Erde gewinnen.“ Der Papst versuche deshalb zu zeigen, dass KI nicht bloß eine Technologie sei, sondern eine Industrie – und zugleich Teil der kreativen Natur des Menschen. „Aber es ist auch so, dass moderne Wissenschaft und Technologie oft mit Vorstellungen von Herrschaft und Beherrschung über die Erde einhergehen. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein mit den Machtnarrativen, die mit den Weltanschauungen verbunden sind, welche diese Technologien begleiten.“
Anna Rowlands, Vatikanberaterin
Anna Rowlands ist Inhaberin des „St. Hilda Chair in Catholic Social Thought and Practice“ an der Universität Durham in England. Für die Jahre der Weltsynode über Synodalität 2023 bis 2025 stellte die Hochschule sie für die Arbeit als Beraterin der Römischen Kurie frei. Vor wenigen Wochen ernannte Papst Leo XIV. die Professorin zum Mitglied des Dikasteriums zur Förderung der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen.
(vatican news – gs)
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