Ein Klanggarten im Karmeliterkloster ist der Beitrag des Heiligen Stuhls zur Biennale 2026 Ein Klanggarten im Karmeliterkloster ist der Beitrag des Heiligen Stuhls zur Biennale 2026 

Venedig: Ein Blick auf den Vatikan-Pavillon zu Hildegard von Bingen

Die 61. Internationale Kunstausstellung der Biennale von Venedig – „In Minor Keys“ von Koyo Kouoh öffnet an diesem Samstag, und mit ihm auch der Pavillon des Heiligen Stuhls in einem Karme-literkloster. Im Mittelpunkt steht ein Garten aus Klängen, Stimmen und Musik, inspiriert von der mit-telalterlichen deutschen Mystikerin Hildegard von Bingen. Herta Gurtner war dort.

Besucher gehen durch einen echten Garten und hören dort Kompositionen, Texte und Stimmen verschiedener Kunstschaffender. Für Hildegard von Bingen (1098–1179) waren der Atem als göttliche Lebenskraft, der Gesang als Ausdruck der Harmonie der Schöpfung und wahres Verstehen, das dort beginnt, wo der Mensch innerlich zu hören vermag, untrennbar miteinander verbunden.

Dieser Vorstellung widmet sich unter dem Titel „Das Ohr ist das Auge der Seele“ ein Teil des Projekts im sogenannten „mystischen Garten“ (Giardino Mistico) der Unbeschuhten Karmeliten. Hier, nur wenige Schritte entfernt von der Betriebsamkeit und Hektik rund um den Bahnhof Venedigs, steht alles im Zeichen der leisen Töne.

Der Garten wirkt wie ein kleines Paradies: Blumen, Kräuter- und Gemüsebeete, Weinreben und dazwischen wandeln die Gäste. Sie hören über Headsets Kompositionen, Gedichte und Gesänge, die Natur, Spiritualität und Klang miteinander verweben. Protagonistinnen sind unter anderem Patti Smith, FKA twigs, Moor Mother oder Caterina Barbieri, die Direktorin der Biennale Musica, die sich aktuell intensiv mit den Kompositionen Hildegards von Bingen beschäftigt.

Stimme, Stille, Erinnerung und Transzendenz

Alle Beiträge greifen Motive aus ihren Visionen und Schriften auf und untersuchen Themen wie Stimme, Stille, Erinnerung und Transzendenz. Wer sich die notwendige Zeit nimmt, erlebt einen Moment der Entschleunigung und Kontemplation. Manchen mag der durchgehende Klangteppich zu homogen und allzu sanft erscheinen, doch der Ort entfaltet eine eindringliche meditative Atmosphäre.

Hildegard von Bingen verstand unter dem Begriff Viriditas – oft als „Grünkraft“ oder „lebendiges Grün“ übersetzt – die Vorstellung einer beseelten, lebendigen Welt, in der alles durch einen göttlichen Lebensatem miteinander verbunden ist. Genau diese Idee will der Garten fühlbar machen.

Blick in den Klanggarten
Blick in den Klanggarten

„Der Heilige Stuhl hat in diesem Jahr Hildegard von Bingen als Inspiration für den Pavillon gewählt. Sie stammt zwar aus der Vergangenheit, ist heute jedoch aktueller denn je“, sagte uns Kardinal José Tolentino de Mendonça, Präfekt des Dikasteriums für Kultur und Bildung des Heiligen Stuhls und selbst Dichter. Er verweist auf den 2025 verstorbenen deutschen Filmregisseur Alexander Kluge, der den Vatikan-Pavillon noch mit vorbereitet hat. „Er sagte: Dort, wo es die Katastrophe gibt, brauchen Menschen Trost. Und der Trost kommt durch das Erzählen von Geschichten. Ein Garten ist wie eine Erzählung.“

Der Kardinal verbindet diesen Gedanken mit der religiösen Erfahrung im Garten: „Der Glaube ist nicht nur Rationalität und Vernunft. Der Glaube ist auch Gefühl, ein inneres Empfinden. Der Pavillon des Heiligen Stuhls ruft mit der Figur Hildegards von Bingen alle Dimensionen der Mystik auf. Vernunft und Sinne verbinden sich in einer Erfahrung, die sehr menschlich und zugleich sehr spirituell ist.“

In der Kirche Santa Maria Ausiliatrice in der Via Garibaldi befindet sich der zweite reflektierende und archivierende Teil des vatikanischen Pavillons. Hier wurde ein zeitgenössisches Skriptorium, ein Ort des Lesens, Sammelns und Weitergebens von Wissen, eingerichtet, eine Installation über mehrere Räume mit Büchern, audiovisuellen Arbeiten, Bildern und Materialien rund um Hildegard von Bingen. Zu sehen sind unter anderem das letzte Werk von Alexander Kluge, ebenso wie ein Modell der Architektin Tatiana Bilbao für ein neues Zisterzienserkloster in Neuzelle in Brandenburg sowie Bilder der Malerin Ilda David.

Zweiter Teil des Vatikan-Pavillons: Santa Maria Ausiliatrice
Zweiter Teil des Vatikan-Pavillons: Santa Maria Ausiliatrice

Der Vatikan knüpft mit der erneuten Nutzung von Santa Maria Ausiliatrice an den Pavillon der Architekturbiennale 2025 an, ein Zeichen der Nachhaltigkeit, sowohl in der Infrastruktur als auch in den langfristigen Beziehungen zu Orten und Gemeinschaften in Venedig.

Kuratiert wurde das Projekt von Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers sowie dem Soundwalk Collective, gemeinsam mit dem Dikasterium für Kultur und Bildung am Heiligen Stuhl, wobei auffällt, dass die Verantwortung für den Vatikan-Pavillon auf der Biennale in diesem Jahr ausschließlich aus Männern besteht. Vickers betont im Gespräch mit uns die Rolle einer Reihe von Hildegard-Forscherinnen beim Entstehen des Klanggartens: Die Musikwissenschaftlerin Honey Meconi bereitete die Materialien für Musiker und Künstler vor. Die ungarische Benediktinerin Maura Zátonyi aus Eibingen, dem Kloster, in dem Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert lebte, habe viel Grundlegendes beigetragen.

„Ich würde Hildegard nicht nur als Thema sehen. Wir arbeiten wirklich in Verehrung für Hildegard von Bingen. Unter den vielen Menschen, die an dem Projekt beteiligt sind, gibt es mehrere zentrale Frauen, die das Projekt entscheidend geprägt haben – zusätzlich zu Hildegard selbst.“

Vickers grenzt das Projekt von vielen früheren Ausstellungen und Büchern über die Benediktinerin ab.

„Wir haben versucht, zum Kern von Hildegards Vision vorzudringen. Für sie sprach ihre Arbeit vom Gebet durch Gesang. Genau diesen Aspekt von Hildegard wollten wir so gut wie möglich sichtbar machen. Ich glaube, dieser Aspekt ist in vielen Filmen, Büchern und Ausstellungen der vergangenen zwanzig oder dreißig Jahre kaum zu sehen gewesen.“

Die Biennale von Venedig findet vom Samstag, 9. Mai, bis Sonntag, 22. November 2026 (Vorschau am 6., 7. und 8. Mai) in den Ausstellungsorten Giardini und Arsenale sowie an verschiedenen Orten in ganz Venedig statt.

(vatican news)

 

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08. Mai 2026, 16:51