Charkiw: „Hilfe durch andere zu erleben, macht schwierige Momente erträglicher"
Svitlana Dukhovych und Christine Seuss – Vatikanstadt
In der Nacht auf Dienstag hatte Russland einen neuen massiven Angriff auf ukrainische Städte gestartet. „Erneut wurde der Energiesektor getroffen“, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf Telegram. Für Russland sei es wichtiger, die kältesten Tage des Winters zu nutzen, um Menschen zu terrorisieren, als sich der Diplomatie zuzuwenden. Das russische Militär habe mehr als 70 Raketen und 450 Kampfdrohnen eingesetzt, teilte Selenskyj weiter mit, verbunden mit einer Aufforderung an die Verbündeten der Ukraine, Druck auf Russland auszuüben und Raketen für Flugabwehrsysteme zu liefern.
Betroffen waren die Regionen Sumy, Charkiw, Kyiv, Dnipro, Odessa und Winnyzja. Rund zehn Menschen wurden verletzt, Wohngebäude und Energieinfrastrukturen beschädigt. In Kyiv brachen nach Drohneneinschlägen Brände in Wohnhäusern aus, außerdem wurde ein Kindergarten beschädigt. Am Dienstagnachmittag teilte der Bürgermeister von Charkiw, Ihor Terechow, zudem mit, dass die Bombardierungen kritische Anlagen eines Wärmekraftwerks sowie zwei Umspannwerke beschädigt hätten. Infolgedessen blieben 929 Gebäude, darunter 853 Wohnhäuser, ohne Heizung, wodurch mitten im harten ukrainischen Winter fast 105.000 Menschen ohne Wärmeversorgung sind.
Caritas hilft, wie sie kann
Im Interview mit den vatikanischen Medien schildert der Priester Wojciech Stasiewicz, Direktor von Caritas-Spes der Diözese Charkiw-Saporischschja, die kritische Lage der Bevölkerung und die Hilfe, die die Kirche weiterhin leistet – auch dank der Solidarität aus ganz Europa, insbesondere aus Polen, wo Diözesen Spendenaktionen für Generatoren gestartet haben.
„Leider ist die Situation derzeit sehr schwierig“, berichtet der Caritas-Direktor. Nicht nur die klirrende Kälte von über 20 Grad Minustemperaturen, sondern auch die gezielten Angriffe auf ukrainische Städte und deren Energieversorgung – Angriffe, mit denen Putin in der Nacht auf Dienstag eine einseitige „Mini-Waffenruhe“ ad acta legte. Betroffen waren Kyiv, Dnipro und andere Städte. „Es scheint jedoch, dass Charkiw besonders schwer getroffen wurde. Die Angriffe dauerten von ein bis fünf Uhr morgens, deshalb waren wir am Dienstag alle sehr müde. Die Folgen sind äußerst gravierend: Ganze Stadtviertel sind ohne Strom geblieben.“
Zahlreiche Stromausfälle
Die Stromsituation in Charkiw ähnele der im restlichen Land: Täglich gibt es Stromausfälle, allein in Charkiw sind zwischen 70 und 80 Prozent der Bevölkerung jeden Tag ohne Licht – stadtteilabhängig mal für viele, mal für wenige Stunden.
„Ohne Strom gibt es keine Heizung, was das Leben extrem erschwert, insbesondere in Wohnblocks ohne Alternativen wie Öfen oder Kamine. Die Folgen dieser Bombardierungen sind daher sehr ernst und betreffen die gesamte Ukraine. Gleichzeitig gibt es aber auch Aspekte, die Hoffnung geben. Man spürt stark die Einheit unter den Menschen: Sie helfen einander und kommen in unsere Kirchen und Sozialzentren, um Hilfe zu erhalten oder anderen zu helfen. Nicht alle können sich wegen der Kälte und der Probleme im Verkehr fortbewegen, daher bitten sie oft um Hilfe für Menschen, die sich in noch schwierigeren Situationen befinden. Diese Solidarität zu sehen, ist schön.“
Besonders ermutigend sei für ihn auch, die Unterstützung aus Europa, insbesondere aus Polen, zu erleben, so der gebürtige Pole Stasiewicz, der seit vielen Jahren seinen Dienst in der Ukraine versieht. Insbesondere Spenden für den Kauf von Generatoren und Treibstoff seien von großer Hilfe: „Die Generatoren sind bereits in Kyiv und sollen diese Woche in Charkiw eintreffen. Sie werden Krankenhäusern und kritischen Infrastrukturen zugewiesen, da nicht alle über solche Ressourcen verfügen.“
In den Pfarreien der Diözese versuchten die einzelnen Pfarrer, soweit möglich, sogenannte „Resilienzpunkte“ einzurichten und warme Mahlzeiten, Kleidung und Schuhe anzubieten, erzählt der Caritas-Verantwortliche weiter.
„Das gibt viel Hoffnung, denn unabhängig von den verfügbaren Mitteln – ob groß oder klein – versuchen alle zu helfen. Hier in Charkiw hat Bischof Pawlo Hontscharuk angekündigt, dass die Kurie Räume zur Verfügung stellt, um Familien aufzunehmen, insbesondere kinderreiche Familien und Menschen ohne Heizung oder solche, die von den Bombardierungen betroffen sind. In der Kurie gibt es etwa zehn Zimmer unterschiedlicher Größe, aber wir beschränken uns nicht darauf: Wenn nötig, werden wir weitere Lösungen suchen, um den Menschen ein Dach über dem Kopf und Nahrung zu bieten.“
Die Hilfe, die die Kirche leiste, betreffe die Grundbedürfnisse der Menschen und darüber hinaus, so Stasiewicz weiter:
„Jeden Morgen, besonders im Winter, stehen die Menschen bereits vor den Toren Schlange: Einige müssen zum Arzt, andere brauchen Essen, wieder andere bitten einfach um Hilfe. Deshalb versuchen wir, den ganzen Tag über offen und verfügbar zu sein. In unserem Sozialzentrum arbeiten etwa 50 bis 60 Personen, und es werden verschiedene Projekte umgesetzt, sowohl vor Ort als auch mit mobilen Einsätzen. Wir kümmern uns um Logistik und menschliche Begleitung, vergessen dabei aber nicht, dass unsere Hauptmission darin besteht, Hoffnung zu geben und Würde zurückzugeben.“
Großes Leid
Schließlich hätten die hilfesuchenden Menschen großes Leid erlebt: Sie kämen, nachdem sie „alles verloren haben, nach Bombardierungen, oft nur mit zwei Taschen“, aus Dörfern und aus der Region Charkiw oder aus dem Donbas, gibt der Caritas-Direktor zu bedenken:
„Für viele wird Charkiw zur ersten Station, weil die Lage hier weniger dramatisch erscheint als dort, woher sie geflohen sind. Vor allem brauchen die Menschen Unterstützung und Verständnis. Als Caritas versuchen wir, ihnen nahe zu sein und auf jede erdenkliche Weise zu helfen. Ich feiere morgens die Heilige Messe und verbringe dann den ganzen Tag bei der Caritas. In dieser Zeit bieten wir täglich ab 11 Uhr eine warme Suppe an: Von Montag bis Freitag kommen täglich zwischen 150 und 300 Menschen. Den restlichen Tag über gibt es warmen Tee, Kaffee und ein Stück Brot. Im Winter sind wir den ganzen Tag verfügbar, weil die Situation es erfordert.“
Dank an die solidarischen Menschen
Es sei inmitten dieses Schmerzes dennoch schön zu sehen, dass die Menschen „durch unser Engagement zumindest ein kleines Zeichen von Güte, Freude und Hoffnung“ erhalten, unterstreicht der Priester. Dies sei auch durch die Stadtverwaltung von Charkiw anerkannt worden, mit der im vergangenen Dezember ein Memorandum unterzeichnet worden sei, um die Zusammenarbeit weiter zu stärken. „Die Initiative ging persönlich vom Bürgermeister Ihor Terechow aus. Das ist ein Zeichen dafür, dass auch die Behörden unseren Dienst anerkennen und dass wir gemeinsam mehr bewirken können“, so Stasiewicz, dem es ein Anliegen ist, abschließend seinen Dank für die Solidarität der Menschen außerhalb der Ukraine auszusprechen:
„Im Namen aller Menschen hier möchte ich sagen: Wir sind euch zutiefst dankbar, dass ihr uns nahe seid und uns mit Gebet und Spenden unterstützt. Jeden Tag beten wir für euch und bitten euch, weiterhin bei uns zu bleiben.“
(vatican news)
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