Explosionen in Beirut Explosionen in Beirut  (AFP or licensors)

Libanon-Experte: „Ein Krieg, den niemand wollte“

Nach einer Woche schwerster israelischer Bombardierungen, die auf Raketenangriffe der Hisbollah folgten, zeichnet der Politikwissenschaftler Karim Émile Bitar im Interview mit Radio Vatikan ein düsteres Bild: Die Hisbollah agiere zunehmend als verlängerter Arm Teherans, während die libanesische Armee und die Zivilbevölkerung dem Chaos schutzlos ausgeliefert seien.

Myriam Sandouno und Mario Galgano - Vatikanstadt

Seit der Tötung des langjährigen Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah vor 18 Monaten hat sich die Dynamik im Libanon grundlegend verändert. Laut Bitar, Professor an der Universität Saint-Joseph in Beirut, ist der Einfluss der iranischen Revolutionsgarden auf die Schiiten-Miliz massiv gewachsen. „Viele Libanesen haben heute das Gefühl, dass die Hisbollah direkt von Iran und den Revolutionsgarden kontrolliert wird“, so Bitar.

Zum Nachhören - was der Experte sagt

Ein „Vorwand“ für die Eskalation?

Besonders brisant: Während die Hisbollah zuvor trotz täglicher Verletzungen des Waffenstillstands und ziviler Opfer zurückhaltend reagiert hatte, änderte sich dies schlagartig nach dem Tod des iranischen Revolutionsführers Ali Chamenei am vergangenen Sonntag. Die daraufhin gestarteten Raketenangriffe der Hisbollah dienten Israel laut Bitar als „lange erwarteter Vorwand“, um eine großangelegte Offensive gegen den Libanon zu starten.

Dabei scheint die militärische Schlagkraft der Miliz bereits stark erodiert zu sein. „Die Hisbollah ist erheblich geschwächt“, erklärt Bitar unter Berufung auf Experten. Sie habe bereits rund 80 Prozent ihrer Kapazitäten eingebüßt. Zudem verliere sie Rückhalt in der eigenen Bevölkerung: „Sogar ihre eigene Basis versteht die strategische Positionierung nicht mehr. Die Hisbollah hat keine Verbündeten mehr in anderen libanesischen Gemeinschaften.“

Die Armee am Limit

Inmitten dieses Vakuums fordern viele die libanesische Armee auf, die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet zu übernehmen. Doch Bitar dämpft die Erwartungen. Die Armee sei „völlig überfordert“. Sie müsse gleichzeitig die Grenze zu Syrien sichern, den Drogenhandel bekämpfen und die interne Sicherheit gewährleisten.

Das Paradoxon der internationalen Gemeinschaft verschärft die Lage: „Einerseits fordert man die Entwaffnung der Hisbollah, andererseits verweigern die internationalen Mächte der libanesischen Armee schwere Waffen, mit denen sie Israel Widerstand leisten könnte.“ Dies habe dazu geführt, dass sich die Armee angesichts drohender israelischer Bodeninvasionen zurückziehen musste.

„Der Krieg zu viel“

Die Stimmung der Bürger im Land beschreibt Bitar als „am Ende ihrer Kräfte“. Für viele Libanesen sei dies der „Krieg zu viel“. Es herrsche das Gefühl vor, dass die Hisbollah das gesamte Land in ihren eigenen „Selbstmord“ hineinziehe – und das für Raketenangriffe, die militärisch kaum Wirkung zeigten und oft in unbewohnten Gebieten einschlugen.

Bitar sieht in der Eskalation ein klares Kalkül Teherans: „Es ist eine iranische Entscheidung, das Spektrum des Krieges zu erweitern, damit die USA und Israel an mehreren Fronten gebunden sind.“ Ziel sei es, die öffentliche Meinung in den USA gegen den Krieg zu wenden. Umfragen zeigten bereits, dass eine Mehrheit der Amerikaner nicht verstehe, warum sie in ein neues „riskantes Experiment“ im Nahen Osten hineingezogen würden.

(vatican news)

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09. März 2026, 12:46