Gaza: Überleben zwischen Trümmern
Olivier Bonnel und Mario Galgano - Vatikanstadt
Nach Angaben von Ärzte ohne Grenzen konzentrieren sich derzeit rund zwei Millionen Menschen auf weniger als der Hälfte des Territoriums der Enklave. Da Israel etwa 60 Prozent des Gazastreifens kontrolliert, ist der Zugang zu weiten Teilen des Gebiets für die palästinensische Bevölkerung untersagt. Die Zerstörung ist flächendeckend: Rund 92 Prozent der Wohnhäuser gelten als zerstört. Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge wird allein die Beseitigung des Schutts sieben Jahre in Anspruch nehmen.
Filipe Ribeiro weist darauf hin, dass der Begriff des Waffenstillstands die Realität nur unzureichend abbildet: „Es gibt weiterhin jeden Tag Tote und Verletzte. Seit Beginn des Waffenstillstands wurden insgesamt mehr als 800 Todesopfer verzeichnet.“ Dennoch räumt er ein, dass die Intensität der direkten Kämpfe im Vergleich zu früheren Phasen abgenommen habe.
Ein marodes Gesundheitssystem
Von den ehemals 38 Krankenhäusern im Gazastreifen ist heute nur noch ein geringer Teil einsatzfähig. Ribeiro präzisiert: „Weniger als die Hälfte der Krankenhäuser ist funktionstüchtig, und selbst diese sind nur teilweise operabel.“
Die Versorgung dieser Einrichtungen mit Medikamenten und medizinischem Material ist durch strenge Einfuhrbeschränkungen erschwert. „Die israelischen Behörden kontrollieren alles, was in den Gazastreifen gelangt“, erklärt der Missionsleiter. Dies betreffe nicht nur medizinische Güter, sondern auch Ersatzteile für Generatoren und Fahrzeuge. Während Konsumgüter wie Limonaden oder Schokoriegel teilweise verfügbar seien, fehle es an essenziellen proteinreichen Nahrungsmitteln wie Eiern. Diese seien für die Bevölkerung kaum erschwinglich.
Hygienische Bedingungen und Krankheitsrisiken
Die sanitäre Situation in den provisorischen Lagern hat sich massiv verschlechtert. Da die Abwassersysteme zerstört sind, leben viele Menschen unter unzureichenden hygienischen Bedingungen. Ribeiro berichtet von einer Zunahme von Infektionskrankheiten und Ungezieferplagen.
„Wir beobachten eine Ausbreitung von Insekten und Ratten. Es gibt Berichte über Kinder und Säuglinge, die in ihren Zelten von Ratten gebissen wurden“, so Ribeiro. Aktuell breite sich zudem die Krätze aus, und die Bevölkerung leide unter weitverbreitetem Lausbefall. Da Ärzte ohne Grenzen Anfang des Jahres von den israelischen Behörden offiziell ausgewiesen wurde, koordiniert die Organisation ihre Hilfe derzeit verstärkt über lokales Personal vor Ort, um die Grundversorgung unter diesen Bedingungen aufrechtzuerhalten.
Jean-Charles Putzolu führte dieses Gespräch für Radio Vatikan.
(vatican news)
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