Yaoundé bereitet sich auf Leo XVI. vor Yaoundé bereitet sich auf Leo XVI. vor 

Kamerun: „Die Kirche tickt dort etwas anders“

Schon dreimal war ein Papst in Kamerun: Johannes Paul II. besuchte das Land 1985 und 1995, und Benedikt XVI. reiste 2009 dorthin.

Nun kommt Leo – vom 15. bis 18. April wird er sich in Yaoundé, Bamenda und Douala aufhalten. Vor allem in Bamenda im Osten des Landes wird er dabei auch mit einem Konflikt in Berührung kommen, der international fast nicht beachtet wird, aber seit 2013 Tausende von Menschenleben gefordert und eine halbe Million Menschen zu Binnenflüchtlingen gemacht hat.

Stefan von Kempis unterhielt sich für uns mit dem kamerunischen Herz-Jesu-Priester Boris Signe über sein Land, die Menschen und die Kirche dort.

P. Boris Signe
P. Boris Signe


Interview

Was für ein Land ist Kamerun?

„Kamerun ist ein sehr großes Land, in dem ganz verschiedene Kulturen leben. Man sagt immer, das Land sei ein Afrika im Kleinen: Das bedeutet, alles, was in Afrika zu finden ist, kann man auch in Kamerun sehen. Ich spreche hier nicht nur von einer großen kulturellen Vielfalt, sondern auch von der Landschaft – von Nord bis Süd, von West bis Ost merkt man ganz viele Unterschiedlichkeiten. Und es ist immer schwer, pauschal zu sagen: In Kamerun liegen die Dinge so und so; man muss immer unterscheiden zwischen Norden, Süden, Osten und Westen. Ein Land mit ganz verschiedenen Realitäten.“

Es geht ja auch eine Sprachgrenze genau mittendurch: Englisch und Französisch.

„Genau. Beide sind offizielle Amtssprachen. Während der Kolonialzeit wurde Kamerun in zwei große Gebiete geteilt; 20 Prozent der Bevölkerung sprechen Englisch, sie leben in zwei der zehn Großregionen des Landes; der Rest spricht überwiegend Französisch, 80 Prozent der Bevölkerung. Doch darüber hinaus gibt es ganz viele weitere Sprachen: ungefähr 240 lokale Sprachen landesweit. Die Erziehung an den Schulen läuft in den französischen Regionen auf Französisch und in den englischsprachigen Regionen auf Englisch.“


Und merkt man das auch als Schwierigkeit im Alltag, oder ist das so ein bisschen wie in der Schweiz oder in Kanada, wo man eben als verschiedene Kommunitäten nebeneinander herlebt?

„Seit ungefähr zehn Jahren herrscht eine große anglophone Krise in Kamerun, was das soziale Leben der Kameruner total verändert hat; doch davor hat das Land immer als friedlich gegolten. In jeder Region sprach man in der jeweiligen Sprache. Jetzt aber, nach der Krise, ist alles gemischt: Wir sind viel gemischter und wohnen jetzt nebeneinander, denn viele Kameruner aus den anglophone Regionen haben ihre Regionen verlassen, sind in andere Regionen des Landes gezogen und leben auch mit anderen Familien, die französisch sprechen. Das Ergebnis: In den französischsprachigen Schulen gibt es mittlerweile auch starke Sektionen für Englischsprachige, und umgekehrt. Genauso in den Pfarreien: Viele Pfarreien, nahezu alle, haben jetzt Gottesdienste auch auf Englisch. Das ist vielleicht ein positiver Punkt der Krise hier – wobei es immer schwierig ist, von Positivem zu sprechen, wenn es um eine Krise geht. Aber das Zusammenleben ist noch stärker geworden. Man lebt weniger nebeneinander, mehr miteinander!“

Hier das gesamte Interview zum Nachhören

Wie ist die Kirche in Kamerun? Und die Katholiken – wie leben und wie denken sie?

„Religion insgesamt ist in Kamerun nie ein Problem gewesen; die Katholiken haben immer friedlich mit anderen Konfessionen oder auch Religionen gelebt. Die Katholiken stellen immer noch mehr als 40 Prozent der Bevölkerung, aber das Zusammenleben mit evangelischen Christen und auch mit Muslimen ist gut. Ich selbst komme aus der Nähe einer islamischen Stadt, und der dortige König ist Muslim, kommt aber manchmal an Weihnachten zu den Christen, und der Pfarrer wird auch bei den Muslimen eingeladen. Das ist nur ein Beispiel: Auf dem Feld der Religion sind wir sehr offen.

Um jetzt auf den besonderen Fall der Katholiken zu sprechen zu kommen: Die Kirche in Kamerun ist sehr sensibel für aktuelle Themen, die in den vergangenen Jahren stark thematisieren wurden. Es gibt ganz sensible Themen, die Katholiken manchmal ein bisschen ärgern...“


Was meinen Sie damit?

„Sie erinnern sich zum Beispiel an die Offenheit des früheren Papstes Franziskus, der eine Politik der Inklusivität verfolgte, etwa in der Frage der Homosexuellen. In Kamerun wurde das Dokument des Glaubensdikasteriums („Fidei supplicans“, das unter bestimmten Bedingungen eine Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren erlaubt) stark kritisiert. Das rührte an Fragen des Glaubens und der Kultur; viele sagten: ‚Bei uns geht das nicht. Natürlich sind alle in der Kirche willkommen, alle dürfen und sollen auch in der Kirche mitmachen. Aber die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren – das ist wie eine Hochzeit, und in unserer Kultur ist das schwer zu integrieren‘. Viele Bischöfe haben auf diese Weise reagiert, nicht nur in Kamerun, sondern in ganz Afrika.

Ich nenne nur dieses Beispiel, um zu zeigen, dass die Kirche in Kamerun vielleicht etwas anders denkt. Viele Kameruner sagen sogar, sie wären bereit, die Kirche zu verlassen, falls die Kirche eine andere Richtung nimmt als die, die immer gelehrt worden ist. Das ist zumindest der Eindruck, den ich nach vielen Gesprächen zu diesem Thema gewonnen habe. Dass die Kirche offen sein soll, ist keine Frage – alle sind damit einverstanden. Das Problem war dieses Dokument des Glaubensdikasteriums zu diesem Thema…“

  (AFP or licensors)


Und was sagen Sie als Priester aus Kamerun, der aber auch in Europa lebt und in Freiburg studiert hat, den Menschen in Kamerun in dieser Hinsicht?

„Ich persönlich denke: Wir leben in einer globalen Welt, und diese Globalität bedeutet das Nebeneinander vieler Kulturen und Mentalitäten. Es ist wichtig, das zu beachten. Manchmal vergessen wir, dass alle Menschen in der Welt aus verschiedenen Kulturfeldern bekommen, und deswegen kommt es zu vielen Konflikten. Die Tendenz, die ich in Europa merke, ist, dass man das Geschehen nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch sehr stark in der Kirche, entsprechend der europäischen Idee und dem europäischen Kontext analysiert, dabei aber wenig achtgibt auf andere Realitäten. Dabei ist das sehr, sehr wichtig.

Diese Frage der Universalität der Kirche heute steht vor vielen Schwierigkeiten. Wenn wir eine einzige Kirche sind und dennoch mit vielen verschiedenen Mentalitäten, Kulturen, Hintergründen konfrontiert werden, dann müssen wir vielleicht anders denken. Das Ziel sollte sein, dass die Menschen im Glauben wachsen, und nicht, dass die Kirche dazu beiträgt, dass Menschen vom Glauben abfallen. Eine Entscheidung, die in einem bestimmten Kontext getroffen wurde, kann sehr stark die Realität anderswo beeinflussen, und umgekehrt. Ein anderes Thema, das den Afrikanern am Herzen liegt – hier spreche ich jetzt nicht nur von der Kirche, sondern von der Kultur –, ist zum Beispiel die Polygamie. Wenn die Afrikaner das Thema der Polygamie ansprechen, ist das in Europa schwer zu verstehen.

Die Kirche müsste wiederentdecken, was genau ihre Lehre ist – und wie sie in den verschiedenen Kulturen und Realitäten aktualisiert werden kann. Das ist eine sehr anspruchsvolle Arbeit; ich persönlich sehe keine einfache Lösung, aber diese anspruchsvolle Arbeit muss geleistet werden.“

  (AFP or licensors)


Letzte Frage: Was erhoffen, was erwarten Sie sich vom Papstbesuch in Kamerun?

„Bevor die Entscheidung zur Reise endgültig getroffen wurde, gab es in Kamerun ganz viele unterschiedliche Meinungen dazu. Viele waren nicht dafür; sie sagten: ‚Das soll ja nur dazu dienen, damit die Regierung ihre Reputation verbessert‘. Aber ich persönlich denke, es ist gut, dass der Papst Kamerun besucht! Vor allem, um den Glauben der Christen in Kamerun zu stärken – das brauchen wir heute. Und die Reise wird vielen Menschen zeigen, dass die Kirche ihren Weg mit allen zusammen zurücklegt. Dass die Kirche nicht nur für eine bestimmte Kategorie von Menschen da ist, sondern für alle Menschen.

Ich erwarte von Papst Leo, dass er genau das zeigt: die Präsenz der Kirche für alle. Auch für die, die stark von Krisen getroffen wurden. Ich erwarte vom Papst, dass er die Botschaft von Frieden stark betont; dass seine Präsenz auch die Regierenden in einer Weise anspricht, dass sie sich von der Botschaft des Friedens und der Gerechtigkeit transformieren lassen. Wir haben eine Reihe von Krisen hinter uns, und der Papstbesuch in Kamerun ist – zumindest aus meiner Sicht – so etwas wie eine Sonne, die bei uns scheinen soll…“

P. Boris Igor Signe SCJ stammt aus Kamerun. Der Herz-Jesu-Priester hat in Freiburg studiert, war bis Mitte 2025 Provinzsekretär der kamerunischen Provinz und ist seitdem im Generalat seiner Gemeinschaft in Rom für die internationale Kommunikation zuständig. Unser Papstreise-Korrespondent Stefan v. Kempis interviewte ihn in Rom, bevor er nach Afrika aufbrach.

(vatican news)

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15. April 2026, 09:00