Nuntius im Libanon: „Den ganzen Tag Beschuss“
Salvatore Cernuzio – Vatikanstadt
Die Stimme von Erzbischof Paolo Borgia am Telefon ist erschöpft. Über zehn Stunden lang war er im Süden des Landes unterwegs, gemeinsam mit Patriarch Bechara Boutros Raï, um Hilfe und Nähe zu den Menschen zu bringen, nicht nur zu Christen. Währenddessen gingen in mehreren Landesteilen Bomben nieder; im Rahmen eines koordinierten Großangriffs attackierte Israel am Mittwoch den Süden und Osten des Landes sowie auch die Hauptstadt Beirut. Der Nuntius berichtet:
„Den ganzen Tag über wurden wir von Mörserbeschuss begleitet, wegen der Kämpfe zwischen Hisbollah und Israel. Den ganzen Tag haben wir das gesehen. Jetzt gibt es starken Verkehr, die Stadt ist verstopft, im Zentrum heulen Sirenen, Ambulanzen – Beirut steht Kopf. Die israelischen Angriffe dauern an. Nach dem, was wir aus den israelischen Medien erfahren haben, wird erwartet, dass sie in dieser Intensität noch 48 Stunden andauern werden“, so der Kirchenvertreter am Mittwochabend.
Tote, Zerstörungen und zahlreiche Flüchtlinge
Er wisse von 87 Toten und 722 Verletzten, so Borgia, allerdings würden diese Zahlen sicherlich noch steigen. Viele Zivilisten seien im Libanon auf der Flucht, ganze Dörfer im Süden würden verlassen und Menschen ließen schweren Herzens alles zurück, so der Vatikanvertreter weiter. In der Hauptstadt und im Norden des Landes sammelten sich Flüchtlinge.
„Es gibt viel Leid im Raum Beirut, mit all den Vertriebenen, vor allem unter den Schiiten, die in einer sehr schwierigen Lage sind. Auch viele Christen sind in die Gegend von Beirut oder in den Norden geflohen und müssen alles zurücklassen. Es gibt auch ein großes wirtschaftliches Problem, denn die Wirtschaft kommt zum Erliegen, wenn alle Dörfer im Süden verlassen werden.“
Wer bleibe, lebe in Isolation, so der Erzbischof weiter. Die Kirche versuche weiterhin, diese Menschen zu erreichen. Auf die Frage, wie er die Lage selbst erlebe und ob er erschöpft sei, sagt der Vatikanvertreter mit Haltung: „Ich bin überhaupt nicht müde – man muss die Hoffnung wachhalten, um sie zu den anderen zu bringen.“
Hoffnung auf Waffenruhe auch für den Libanon
Angesichts des großen Leids, das der Krieg verursacht, hofft der Nuntius, dass auch für den Libanon eine politische Übereinkunft gefunden werden kann und die Gewalt ein Ende nimmt.
„Ich verstehe, dass es sich um zwei unterschiedliche, wenn auch miteinander verbundene Situationen handelt. Einerseits ist der Iran mit der Hisbollah verbunden, andererseits stellt die Hisbollah für Israel ein eigenständiges Problem dar. Dennoch ist es sehr wünschenswert, dass es hier zu einem Waffenstillstand kommt und Verhandlungen aufgenommen werden, um eine Stabilisierung im Libanon im Verhältnis zu Israel zu erreichen. Der Konflikt ist nicht einfach und führt nur dazu, die Gegensätze zu verschärfen und Tod und Zerstörung zu säen. Bekanntlich strebt Israel die Entwaffnung der Hisbollah an, und dieses Ziel wurde noch nicht erreicht. Ein Waffenstillstand würde der Diplomatie wieder Tür und Tor öffnen. Krieg aber ist nur Tod“, bekräftigt der Nuntius.
Der Appell von Papst Leo XIV. gelte für alle, zeigt er sich überzeugt, auch Nichtchristen schätzten die Worte des Papstes sehr: „Wir wollen keinen Krieg, wir wollen Frieden!“
(vatican news – aktualisiert von pr)
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