Vorstellung der neuen Enzyklika im Vatikan Vorstellung der neuen Enzyklika im Vatikan  (ANSA)

Ethik im Algorithmus: Weltweite Kirche reflektiert neue Enzyklika

Internationale Kirchenvertreter nehmen die erste Enzyklika von Papst Leo XIV. zum Anlass, grundlegende Fragen zur Zukunft des menschlichen Zusammenlebens im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (KI) zu erörtern. Führende Kirchenvertreter aus Lateinamerika und Australien bewerten das Schreiben als wegweisenden Impuls für eine ethische Gestaltung der digitalen Transformation. Auch Erzbischof Paul S. Coakley, Vorsitzender der US-amerikanischen Bischofskonferenz (USCCB), gab eine Erklärung ab.

Mario Galgano und Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt

In der offiziellen Erklärung von Erzbischof Paul S. Coakley im Namen der US-Bischofskonferenz heißt es zur Veröffentlichung der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. mit dem Titel „Magnifica humanitas“: „Die Kirche in den Vereinigten Staaten begrüßt die Veröffentlichung der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV., Magnifica humanitas, mit Dankbarkeit und Lob. Sie ist eine eindringliche Mahnung daran, dass keine Technologie ein Kind Gottes ersetzen kann und dass jede Technologie in den Dienst des Wohlergehens der Menschheit gestellt werden sollte." 

Der Vatikan hatte zur Präsentation des Papstschreibens am Montag auch Christopher Olah, den kanadischen Mitbegründer des US-amerikanischen KI-Unternehmens Anthropic als Redner eingeladen. Olah, der sich selbst als Atheist bezeichnet und an der Vorbereitung der Enzyklika mitgewirkt hat, kündigte eine Fortsetzung der Zusammenarbeit zwischen Entwicklern und moralischen Instanzen wie dem Vatikan an.

Zum Hören: Erklärung der US-Bischofskonferenz zu Papst Leos 1. Enzyklika „Magnifica humanitas“ zum Thema KI

Papst Leo XIV. ist der erste us-amerikanische Papst. Die USA sind zudem unter den Vorreitern bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz: Die vier größten Technologiekonzerne der Welt, Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta haben Sitze im kalifornischen Silicon Valley und investieren aktuell aufgrund der KI-Entwichlung so viel Geld in ihre Rechenzentren wie nie zuvor. US-Präsident Donald Trump hat erst kürzlich ein geplantes Dekret, das die Einführung einer staatlichen Aufsicht über KI-Modelle vorsah, wieder kassiert. Einige Medien berichten, dass möglicherweise Druck aus der Technologie-Branche dahinter steckt. 

Angesichts des Aufstiegs der Künstlichen Intelligenz mahnen die US-Bischöfe in ihrer Erklärung zu „Magnifica humanitas“ , die unantastbare Würde des Menschen sowie das Gemeinwohl über partikulare Interessen zu stellen.

„Der Papst ruft uns dazu auf, niemals die innewohnende Würde allen menschlichen Lebens aus den Augen zu verlieren und stets die moralische Verpflichtung zu beachten, dass Technologie dem Frieden und dem Gemeinwohl dienen muss und nicht den begrenzten Interessen einiger weniger“

„Der Papst ruft uns dazu auf, niemals die innewohnende Würde allen menschlichen Lebens aus den Augen zu verlieren und stets die moralische Verpflichtung zu beachten, dass Technologie dem Frieden und dem Gemeinwohl dienen muss und nicht den begrenzten Interessen einiger weniger."

Um dieser kirchlichen Priorität auch auf nationaler Ebene Rechnung zu tragen, habe die US-Bischofskonferenz ihren Glaubensaussschuss damit beauftragt, die theologische und pastorale Arbeit zum Thema KI federführend zu koordinieren, teilt Erzbischof Coakley mit. 

Erzbischof Coakley hebt weiter hervor, dass das Dokument technologischen Fortschritt konsequent in den Dienst der Menschheit stellt und eine Brücke zur historischen Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. schlägt. 

Weitere Reaktionen 

Aus Lateinamerika kommen differenzierte Analysen zu den Inhalten der Enzyklika. Guillermo Sandoval, Direktor des Zentrums für Wissensmanagement des Lateinamerikanischen und Karibischen Bischofsrates (Celam), sieht in dem Dokument Aufgaben für die Bereiche Bildung, Arbeit und Politik. Die Bildung müsse die Fähigkeit zum Urteilsvermögen stärken, während die Arbeit die Würde der Person anerkennen und die Politik das Gemeinwohl über Wirtschaft und Naturwissenschaften stellen müsse. Sandoval verweist darauf, dass technologische Fortschritte zwar die menschliche Würde fördern, aber ebenso die Freiheit gefährden können, da Freiheit im digitalen Zeitalter eine Angelegenheit der öffentlichen Sphäre sei. Als grundlegende Prinzipien zur Vermenschlichung der Technologie nennt er Solidarität und Subsidiarität. Oscar Elizalde, Kommunikationsdirektor des Celam, hebt hervor, dass die Enzyklika keine technikfeindliche oder fatalistische Sichtweise einnimmt, sondern auf der Hoffnung basiert, dass KI dem menschlichen Leben dienen kann.

Beziehungsfähigkeit stärken

In Panama betont der Vorsitzende der dortigen Bischofskonferenz, Erzbischof José Domingo Ulloa Mendieta, die Notwendigkeit, den Menschen und dessen Beziehungsfähigkeit im Zentrum des Fortschritts zu halten. Die Enzyklika warne vor der Gefahr, wesentliche menschliche Eigenschaften im Alltag zu verlieren, und fordere angesichts von Mechanismen der Manipulation und Entmenschlichung den Aufbau einer auf Gerechtigkeit und Dialog basierenden Gesellschaft.

Die chilenische Kirche verknüpft die päpstlichen Mahnungen mit konkreten Initiativen vor Ort. Der Vorsitzende der Chilenischen Bischofskonferenz, Erzbischof René Rebolledo, greift die Sorge des Textes um junge Menschen auf, die digitalen Abhängigkeiten und Manipulationen ausgesetzt sind. Der digitale Raum wird von ihm als ein wichtiges Handlungsfeld für die nachfolgenden Generationen beschrieben. Ende Juli wird sich ein internationaler Kommunikationskongress in Chile gezielt mit den Fragen der Künstlichen Intelligenz auseinandersetzen. Rebolledo erneuert zudem das Versprechen der Kirche, soziale Ausgrenzungen durch Algorithmen zu themeatisieren und technologische Entwicklungen auf der Grundlage der Soziallehre zu prüfen.

Auswirkungen auf Familie, Arbeit und Umwelt

Auch aus Australien liegen Reaktionen vor. Der Erzbischof von Melbourne, Peter Comensoli, erklärt, dass die Priorisierung des Menschen die Antwort auf die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz sein müsse. Da KI eine neue industrielle Revolution anführe, seien Auswirkungen auf Familie, Arbeit und Umwelt zu erwarten. Das Dokument plädiere für eine zeitgemäße Spiritualität, die auf der Menschwerdung Gottes beruht und betont, dass die Erfüllung des Menschseins auf Beziehungen, Freiheit und Verantwortung statt auf technischer Macht gründet. Die in fünf Kapitel gegliederte Enzyklika soll nun in verschiedenen kirchlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen wie Schulen, Hospitälern und Gemeinden diskutiert werden.

(sir/usccb - mg/sst)

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

26. Mai 2026, 13:35