Christin in Bengaluru im Dezember letzten Jahres Christin in Bengaluru im Dezember letzten Jahres  (AFP or licensors)

Indien: Mit der Regierung Modi reden, trotz allem

Jetzt hilft nur noch Beten: Am letzten Sonntag ist in allen indischen Pfarreien während der Messe ein Rundschreiben verlesen worden. Es ruft die indischen Katholiken dazu auf, am 28. Juni einen Tag des Gebets und des Fastens einzuhalten, um die karitativen Organisationen der Kirche zu verteidigen.

Ein Gesetzentwurf, der Spenden aus dem Ausland verbietet, steht nämlich kurz vor der Beratung im Parlament – einem Parlament, das von der hindu-nationalistischen Partei BJP des Premierministers Narendra Modi dominiert wird. Vor einem Monat hat die BJP nach den Landtagswahlen in mehreren Bundesstaaten, darunter Kerala, ihre Machtposition noch weiter ausgebaut – nach einem Wahlkampf, in dem es auch wieder zu Polemik gegen die Minderheiten im Land kam, darunter die christliche Minderheit.

„Es ist ganz klar: Seit 2014, als die derzeitige Regierungspartei an die Macht kam, folgt sie einem bestimmten Schema, bei dem zum Beispiel Wahlen immer gleichbedeutend sind mit Polarisierung und Spaltung.“ Das sagt uns der emeritierte Bischof von Vasai, Felix Machado, in einem Telefoninterview. „So etwas beobachten wir ja überall auf der Welt: Jeder Führer hält sich für den Führer einer Großmacht und denkt: ‚Ich habe das Recht, das zu tun‘, und deshalb tut er es. Hier ist es mehr oder weniger genauso.“

„So ist das eben in Wahlkampfzeiten“

Wie Indiens Christen dem wachsenden Druck durch die Hindu-Regierung begegnen wollen - Radio Vatikan


Das ist auf Modi gemünzt, unter dessen Fittichen sich das gesellschaftliche Klima in den letzten zwölf Jahren zum Schlechteren gewandelt hat. Vor allem für Muslime, aber auch Christen ist die Luft dünner geworden, der Hindu-Nationalismus feiert fröhliche Urständ. In Bengaluru haben Kirchenführer der verschiedenen christlichen Konfessionen am 8. Mai einen nationalen Christenverband ins Leben gerufen, um einer wachsenden Anti-Christen-Stimmung etwas entgegenzusetzen. In Indien leben etwa 28 Millionen Christen, das sind 2,3 Prozent der Bevölkerung. In Kerala ist ihre Präsenz traditionell besonders stark.

„Es ist ärgerlich, dass es manchmal zu Zwischenfällen kommt“, sagt uns Bischof Machado. „Da wird beispielsweise eine katholische Schule von einer fundamentalistischen Gruppe überrannt, die dort auftaucht, und im Anschluss daran gibt es nicht viel Verständnis seitens der Regierung. Solange es der Partei nützt, um gewählt zu werden, schweigt sie darüber – so ist das eben in Wahlkampfzeiten.“


„Die Leute haben auch so schon Angst“

Bedroht fühlen sich in Modis neuem Indien vor allem die Muslime – sie stellen 200 Millionen Menschen. „Ich habe mit Muslimen gesprochen, die betroffen sind über all das, was geschieht: Das heißt, es gibt Drohungen, aber die Leute haben auch so schon Angst. Nicht erst, wenn sie angegriffen werden, sondern vorher schon – aus der Furcht heraus, angegriffen zu werden. Ein Muslim sagte mir, er fühle sich in die Ecke gedrängt, als wäre er nur ein Bürger zweiter Klasse. Davor haben sie Angst: Sie fürchten, dass die Dinge in diese Richtung gehen.“

Auf welche Strategie sollten sich die Christen in dieser Lage verständigen? Bischof Machados Antwort darauf ist klar: „Wir sollten alles tun, was wir können, um mit der Regierung im Dialog zu bleiben.“ Das sehen unter Indiens Christen allerdings nicht alle so wie er. „Es gibt Stimmen, die für Protest und Konfrontation stehen. Doch die offizielle katholische Kirche bevorzugt den Weg des Dialogs und der Versöhnung. Ich will damit nicht sagen, dass wir andere christliche Gruppen, die das anders sehen, nicht mögen… aber es gibt Gruppen, die Dinge tun, die sie nicht tun sollten!“


Heißes Eisen Proselytismus

Eine gar nicht so verhüllte Anspielung auf das heiße Eisen Proselytismus, also das Abwerben von Gläubigen. Immer wieder werfen Hindus Christen vor, dass jene versuchten, Hindus zum Christentum zu bekehren. Tatsächlich gibt es in Indien freikirchliche Gruppen, die solchen Proselytismus betreiben. Die katholische Kirche will mit so etwas nichts zu tun haben, versichert Bischof Machado.

„Papst Benedikt und auch Papst Franziskus haben sich klar gegen Proselytismus ausgesprochen! Wenn Menschen zu uns kommen, dann, weil sie von Jesus angezogen werden. Aber natürlich bringen einige Bischöfe solchen Menschen Sympathie entgegen, weil sie Christen sind, und wir dürfen doch unsere Brüder nicht verleugnen, die den Namen Jesu annehmen und gültig getauft werden…“

„Man darf nicht erst den Krankenwagen rufen, wenn jemand längst im Sterben liegt“


Das alles widerspricht aus der Sicht des Bischofs nicht seinem Anliegen, dass die Kirche sich vor allem um den Dialog mit der hinduistischen Mehrheitsgesellschaft und mit der Regierung Modi bemühen muss. „Das ist doch das Herzstück des Evangeliums, Versöhnung, Frieden, nicht wahr? Aber das Friedenstiften und Dialogführen ist kein Notfalleinsatz. Man darf nicht erst den Krankenwagen rufen, wenn jemand längst im Sterben liegt. Das heißt, wir sollten geduldig daran arbeiten, einen Dialog aufzubauen und eine Atmosphäre des Friedens und der Versöhnung zu schaffen. Darin besteht die Stimme der katholischen Kirche, die dafür auch sehr geschätzt wird.“

Etwas ausweichend antwortet Bischof Machado, wenn man ihn fragt, wie es sich denn mit den Dialogpartnern der katholischen Kirche verhält. Ob es da Personen gibt, die sich auf die Anliegen der Kirche einlassen. Ob also seine Methode, grosso modo, Früchte trägt.

Der Bischof will nicht alles erzählen, aber...

„Gibt man denn einen Dialog auf, nur weil der Partner uns im Stich lässt? Nein. ‘Er ist unser Bruder‘, sagte Papst Franziskus – also lässt man einen Bruder oder eine Schwester nicht einfach so im Stich, sondern bleibt beharrlich. Ich werde Ihnen nicht alles erzählen, aber ich stehe durchaus im Dialog mit den Hindu-Fundamentalisten in Indien, und ich würde nicht sagen, dass das sinnlos ist. Ich sehe auch Früchte – das ist so!“

Das Interview mit Bischof Machado führte Marie Duhamel vom französischen Dienst von Radio Vatikan.

(vatican news)
 

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25. Juni 2026, 09:34