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Kardinal Marx und Nuntius Eterovic bei der Versammlung der DBK in Wiesbaden Kardinal Marx und Nuntius Eterovic bei der Versammlung der DBK in Wiesbaden  (ANSA)

Deutsche Bischöfe wollen geistlichen Missbrauch angehen

Bei ihren Maßnahmen gegen Missbrauch im Raum der Kirche will sich Deutschlands katholische Bischofskonferenz (DBK) in der Prävention stärker dem „geistlichen Missbrauch“ zuwenden. Dazu stellten sie am Dienstag in Wiesbaden eine Arbeitshilfe vor.

Anne Preckel – Vatikanstadt

Verwundungen durch geistlichen Missbrauch seien denen des sexuellen Missbrauchs vergleichbar und wirkten bisweilen lebenslang, hob der Bischof von Dresden-Meißen, Heinrich Timmerevers, am Dienstag bei der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz vor Journalisten hervor. Dabei hätten es die Opfer von Geistlichem Missbrauch nach wie vor „sehr schwer, sich Gehör zu verschaffen“ und eine Stimme im Prozess der Aufklärung und Aufarbeitung zu erhalten:

„Es fehlt an Anlaufstellen, an die sie sich wenden können, und an Beauftragten, die ermittelnd und aufklärend tätig werden können. Anders als beim sexuellen Missbrauch hat es praktisch nie Eintragungen in die Personalakten der Täter oder Täterinnen gegeben. Beim Geistlichen Missbrauch waren die Betroffenen, die sich melden, in den – oft jahrlangen! – Zeiträumen des Missbrauchs bereits erwachsen, und die diözesanen Ansprechpersonen für Betroffene von sexualisierter Gewalt sind für sie nicht zuständig“, schilderte Timmerevers die schwere Situation dieser Betroffenen.

Keine Strafverfolgung

Wenn Geistlicher Missbrauch nicht in Verbindung mit sexuellem Missbrauch geschehe, gebe es bei solchen Verbrechen de facto keine Strafverfolgung, ergänzte er. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf ergänzte, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung des Geistlichen Missbrauchs noch lange nicht abgeschlossen sei. Positiv hob er ein von der DBK und den Thuiner Franziskanerinnen unterstütztes Forschungsprojekt der Universitäten Osnabrück und Münster hervor. Das unter Leitung der Professorin Judith Könemann initiierte Projekt ist auf drei Jahre angelegt und trägt den Titel „Geistlicher Missbrauch im Kontext Geistlicher Gemeinschaften“.

„Konkret geht es um die Folgen des Geistlichen Missbrauchs für die Betroffenen sowie um die Fragen, welche Voraussetzungen und Strukturen Geistlichen Missbrauch entstehen lassen und aufrechterhalten, welche religiösen Praktiken, theologischen Überzeugungen und anthropologischen Konzepte diesen begünstigen oder welchen Einfluss spirituelle Traditionen und spezifische Formen geistlichen Lebens haben“, erläuterte Kohlgraf.

Dabei stehen zunächst die Anfang der 1980er-Jahre im Bistum Osnabrück gegründete und eng mit dem Thuiner Orden verknüpfte Christusgemeinschaft sowie die 2007 im Bistum Münster kirchenrechtlich anerkannte geistliche Vereinigung Totus Tuus im Zentrum der Untersuchung; für beide Gemeinschaften ist Geistlicher Missbrauch dokumentiert.

Vorbeugen und Aufarbeitung verbessern

Verabschiedet wurde die Arbeitshilfe „Missbrauch geistlicher Autorität – Zum Umgang mit Geistlichem Missbrauch“ bereits auf der diesjährigen Frühjahrsvollversammlung der Bischöfe; an diesem Dienstag wurde sie nun veröffentlicht. Das Dokument soll laut DBK längerfristig dazu beitragen, die Vorbeugung und Aufarbeitung zu verbessern. Betroffene sollen sich an unabhängige Beraterinnen und Berater in Anlaufstellen wenden können, um Hilfe zu bekommen. Täter sollen, falls möglich, strafrechtlich oder dienstrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Adressaten sind Seelsorgende, geistliche Begleiter, Verantwortliche in Orden und geistlichen Gemeinschaften und Vertreter in Anlaufstellen für Missbrauchsbetroffene wie auch Betroffene selbst. Es gehe um eine „Sensibilisierung“ und die „Implantierung dieser Thematik in Ausbildungsgänge, die explizit auf seelsorgliches Handeln und auf intensive Formen der Begleitung zielen“, so der Fuldaer Bischof Michael Gerber.

„Die zentrale Herausforderung in der Pastoral und Seelsorge wird sein, geistliche Manipulation frühzeitig zu verhindern und der Freiheit, die der Geist Gottes schenkt, Raum zu geben. Dieser wichtigen Präventionsaufgabe müssen wir uns stellen!“, formulierte dazu Bischof Timmerevers.

Manipulation, Ausnutzung oder Bervormundung

Sexueller Missbrauch wird oft von geistlichem Missbrauch angebahnt. Darunter versteht man die Manipulation, Ausnutzung oder Bevormundung von Menschen im Namen Gottes - etwa in der Seelsorge, bei der Beichte oder geistlichen Begleitung. Die Arbeitshilfe liefert Begriffsklärungen zum Geistlichen Missbrauch (Kap. 1), benennt Indizien und Unterscheidungen für Geistlichen Missbrauch (Kap. 2), gibt Anregungen zur Beratung Betroffener und zur Einrichtung von Anlaufstellen (Kap. 3) und zählt Interventionen auf, die heute schon im kirchlichen Bereich möglich sind. 2026 soll die Arbeitshilfe „auf Grundlage aktueller Entwicklungen in der Praxis und in der Wissenschaft“ überprüft werden, kündigte die DBK an.

(vatican news)

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26. September 2023, 14:42