Spanien plant Regularisierung von einer halben Million Migranten
Xavier Sartre und Mario Galgano - Vatikanstadt
In einem Gespräch mit Radio Vatikan analysiert Antoine de Laporte, Spanien-Experte der Pariser Fondation Jean-Jaurès, die Hintergründe dieser Entscheidung. Betroffen sind Personen, die sich seit mindestens fünf Monaten im Land aufhalten und vor dem 31. Dezember 2025 eingereist sind. Ihnen soll der Zugang zum offiziellen Arbeitsmarkt in allen Sektoren ermöglicht werden.
Wirtschaftlicher Pragmatismus und demografische Not
Der erste Grund für diesen Schritt ist laut de Laporte rein pragmatisch: Spanien braucht Arbeitskräfte. „Spanien hat eine zu niedrige Geburtenrate für eine natürliche Generationenerneuerung“, so der Experte. Um die Nachhaltigkeit des Sozialsystems zu garantieren und den Bedarf in boomenden Sektoren wie dem Baugewerbe und der Landwirtschaft zu decken, sei das Land auf Zuwanderung angewiesen. Mit einer Arbeitslosenquote von unter zehn Prozent und einem der dynamischsten Wachstumswerte in der Eurozone ist der Druck auf den Arbeitsmarkt groß.
Politisches Kalkül und ideologische Abgrenzung
Hinter der Maßnahme steht jedoch auch eine komplexe innenpolitische Arithmetik. Die Minderheitsregierung von Pedro Sánchez ist auf die Stimmen der linkspopulistischen Partei Podemos angewiesen. Deren vier Abgeordnete machten die Regularisierung zur Bedingung für ihre Unterstützung. „Ein Abkommen mit Podemos zu validieren, bedeutet auch, das Überleben der parlamentarischen Mehrheit zu sichern“, erklärt de Laporte.
Auf internationaler Ebene stilisiert sich Sánchez zudem als „letztes Bollwerk“ der Sozialdemokratie gegen den wachsenden Rechtspopulismus à la Donald Trump oder die europäische extreme Rechte. Mit der pro-aktiven Migrationspolitik sucht er bewusst den Kontrast zu jenen Staatschefs, von denen er sich politisch abgrenzen will.
Ein breiter gesellschaftlicher Konsens bröckelt
Interessanterweise stößt die Maßnahme in der spanischen Zivilgesellschaft auf viel Zustimmung und zwar sowohl bei Arbeitgebern als auch bei Gewerkschaften: Beide Seiten befürworten die Regularisierung, da sie den Zugang zu legalen Arbeitsverhältnissen erleichtert. Die Kirche - also die spanische Bischofskonferenz - unterstützt deutlich auch das Vorhaben.
Dennoch ist der gesellschaftliche Frieden in dieser Frage nicht mehr unumstritten. Die rechtspopulistische Partei Vox gewinnt zunehmend an Boden – und das nicht mehr nur in Gebieten mit geringem Migrationsanteil, sondern nun auch dort, wo viele Einwanderer leben. „Die extreme Rechte nutzt mittlerweile Begriffe wie den ‚Großen Austausch‘, ein Diskurs, der beginnt, in Teilen der Gesellschaft zu verfangen“, warnt de Laporte. Dies zwingt auch die konservative Volkspartei (Partido Popular), eine härtere Linie einzunehmen.
Für Pedro Sánchez ist das Risiko groß, doch die Strategie scheint klar: Er positioniert sich als klarer Gegenpol zur Rechten und setzt darauf, dass die wirtschaftliche Vernunft die fremdenfeindlichen Ressentiments überwiegt.
(vatican news)
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