Paderborner Altbischof erbittet Verzeihung von Missbrauchsbetroffenen
Der Untersuchungszeitraum der aktuell publizierten Studie umfasst auch die letzten Jahre der Amtszeit Kardinal Degenhardts, unter dem der spätere Erzbischof einige Jahre als Personaldezernent für das pastorale Personal im Erzbistum tätig war. Die Studie beleuchte „damit einen Abschnitt der Geschichte unseres Erzbistums“, in dem auch er bereits leitend Verantwortung mitgetragen habe, so Becker in seiner Stellungnahme.
„Sexualisierte Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen ist sehr schweres Unrecht. Das ist sie immer schon gewesen. Die Aufarbeitung zeigt, dass es im Erzbistum Paderborn über lange Zeit Strukturen und Vorgehensweisen gab, die dem Schutz der Betroffenen nicht gerecht wurden“, zeigt sich der schon vor seiner Berufung zum Bischof in Leitungsfunktion tätige Becker: „In vielen Fällen stand der Schutz der Institution stärker im Vordergrund als das Leid der Betroffenen“, resümiert er selbstkritisch.
Ansehen der Institution ging vor
Schon als Personaldezernent sei er in Abläufe eingebunden gewesen, in denen über den Umgang mit beschuldigten Priestern entschieden wurde, selbst wenn die maßgeblichen Entscheidungen nicht in seiner Verantwortung gelegen seien, so der Paderborner Priester, der ausdrücklich darlegt, dass er sich „nicht hinter Zuständigkeiten verstecken“ wolle. Seine Involvierung in die dargelegten Fälle sei in der Studie wissenschaftlich aufgearbeitet worden, so der emeritierte Bischof, der im untersuchten Zeitraum in leitender Funktion im Bistum tätig gewesen war: „Ich nehme diese Untersuchung sehr ernst und prüfe sorgfältig, welche Fragen sich daraus für mein eigenes damaliges Handeln ergeben“, so Becker, der sich eigener Aussage nach dazu mit einigem Abstand zu seiner eigenen Amtszeit, dank dessen er „manches anders, manches klarer als früher“ sehe, äußern wolle: „Die MHG-Studie, die weiteren Untersuchungen der vergangenen Jahre und vor allem die heute deutlich hörbaren Stimmen von Betroffenen haben bei mir eine sehr ernste persönliche Reflexion ausgelöst. Mir ist bewusster geworden, wie leidvoll es für Betroffene war, nicht nur Gewalt zu erfahren, sondern danach auf Distanz, Zweifel, fehlendes Interesse oder mangelnde Empathie und menschliche Zuwendung zu stoßen“.
Dass die „Erfahrungen und Perspektiven von Betroffenen heute deutlich wahrgenommen“ würden, empfinde er persönlich als „richtig und notwendig“: „Viele Betroffene haben erfahren müssen, dass ihr Leid nicht gesehen, nicht ernst genommen oder hinter andere Interessen zurückgestellt wurde. Dass dies geschehen ist, bedaure ich zutiefst“, so der ehemalige Erzbischof, dessen eigene Amtszeit zwischen 2002 bis 2022 noch Gegenstand der Untersuchungen ist. Die Ergebnisse werden im kommenden Jahr erwartet.
Tiefe persönliche Reflexion
Unabhängig davon stelle „sich … schon heute“ die Frage nach seiner „späteren Verantwortung neu“, so Becker. Dieser Klärungsprozess könne der ausstehenden wissenschaftlichen Untersuchung seiner Amtszeit zwar nicht vorgreifen oder sie nicht ersetzen: „Aber ich will schon heute sagen: Wo mein Handeln auch in späterer Verantwortung dazu beigetragen hat, dass Betroffene nicht ausreichend gesehen, geschützt oder ernst genommen wurden, bitte ich dafür um Entschuldigung.“
Den Auftrag zur nun veröffentlichten und auf seine Amtszeit erweiterten Studie habe er selbst zu veranworten, so der emeritierte Bischof, der sich selbst auf die Fahnen schreibt, nicht nur die Aufarbeitungskommission einbezogen zu haben, sondern auch deren Mandat, gemeinsam mit Prävention und Intervention, in seiner Amtszeit auf den Weg gebracht und zunehmend professionalisiert zu haben. An der „unabhängigen Erarbeitung der zweiten Studie“ habe er selbst sich durch Interviews beteiligt: „Umso wichtiger ist mir auch zum jetzigen Zeitpunkt, dass das Forscherteam diese Arbeit intensiv und sorgfältig leistet“, so der emeritierte Paderborner Erzbischof, der einerseits für die Arbeit der Forscher dankt, und andererseits seinem Wunsch Ausdruck verleiht, dass die Aufarbeitung für die Paderborner Kirche ein Schritt dahin sei, ihrer Mission besser gerecht zu werden.
Schwere Versäumnisse
Laut der am vergangenen Donnerstag veröffentlichten Studie habe es im Erzbistum Paderborn sehr viel mehr Fälle von sexuellem Missbrauch gegeben als bisher bekannt. In einer Aufarbeitungsstudie, die Wissenschaftler der Universität Paderborn vorgelegt haben, ist für den Zeitraum von 1941 bis 2002 von 210 Beschuldigten und 489 Betroffenen die Rede. Die in diesem Zeitraum für das Erzbistum verantwortlichen Kardinäle Degenhardt und Jaeger hätten große Milde gegenüber beschuldigten Priestern gezeigt, auch wenn sie von deren Schuld überzeugt gewesen seien, so das Ergebnis der Studie. Um die Betroffenen hätten sie sich nicht gekümmert. Beckers eigene Amtszeit ist nich Gegenstand der Untersuchungen.
(pm/vatican news - cs)
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