D: „Einmischen und Zuversicht“
Michael C. Hermann, Freiburg im Breisgau
Das war unlängst auch Thema des Badischen Dialogs, einer Veranstaltung der Erzdiözese Freiburg und der Evangelischen Landeskirche in Baden. Hauptredner war der frühere deutsche Bundespräsident Joachim Gauck.
„Ich bin in Deutschland zuständig für Zuversicht. Ich habe auch in diesem Raum eine Fülle von Wissen vor mir, aber ein Defizit an Zuversicht!“ Das ist der entscheidende Impuls, den Joachim Gauck in Freiburg setzen wollte. Die Lage sei schwierig, und dennoch hätten gerade Christen allen Grund zuversichtlich zu sein, dass sich die Dinge zum Guten wenden.
Netzwerk der Guten und des Guten
Gauck mahnte, man solle doch vorsichtig mit Begriffen wie „Krise der Demokratie“ oder „Verlust demokratischer Kultur“ sein. Er empfahl, weniger von Bedrohungen zu sprechen, sondern „darüber zu reden und sich zu verständigen, wie wir das in uns lebendig erhalten, was diese Gesellschaft zu der gemacht hat, die wir vorfinden“.
Deutschland, so Gauck, sei nach wie vor geprägt von einem Netzwerk der Guten und des Guten. Passivität sei in der derzeitigen Situation nicht angebracht, mahnte Gauck, der vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten im Jahr 2012 unter anderem Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen war.
Die Grundvoraussetzungen, die eine Gesellschaft sich nicht selbst geben kann
„Man kann schon die Demokratie hinterfragen, ob sie perfekt, das heißt menschenfreundlich genug ist, und ihre Fehler und Mängel adressieren. Doch brauchen wir einen entschiedeneren Kampf für unsere Demokratie, obwohl wir durchaus bereit und fähig sind, ihre Mängel zu benennen.“
Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger ist hier ganz bei Joachim Gauck. Es gehe um die Wertebasis, um die christlichen Grundlagen. Hier müssten sich die Kirchen engagieren. „Und ich denke, dass wir diese als Kirche nach wie vor positiv hervorheben, in den Vordergrund rücken. Da geht es um die Grundvoraussetzungen, die eine Gesellschaft sich selbst nicht geben kann. Und da sind wir nach wie vor ein wichtiger Player im gesamtgesellschaftlichen Gefüge und haben unserer Gesellschaft etwas mit auf den Weg zu geben.“
Im Wissen ums eigene Scheitern
Die evangelische Landesbischöfin Heike Springhart meint, die Kirche habe hier ganz spezifische Aufgaben: „Wenn wir alle das sagen, was alle anderen auch schon im politischen Diskurs sagen, nur in erhöhtem Ton, dann haben wir nicht unseren Auftrag erfüllt. Wir müssen klar sagen, wofür wir einstehen, wissend darum, dass wir daran scheitern. Wir scheitern an unseren Ansprüchen, als Gesellschaften und auch als Kirchen.“
Erzbischof Burger ist es wichtig, dass die Kirche ihre Mitglieder als selbstständige Akteure begreift. „Es kann nicht darum gehen, als Kirche den Fehler zu machen, zu glauben, die Menschen bevormunden zu können. Wir haben mündige Christinnen und Christen, wir haben mündige Menschen in diesem Land – mündige Menschen, die auch fähig sind, die Dinge intellektuell zu durchdringen und zu unterscheiden, was gut und böse ist. Und da geht es darum, aufgrund des Evangeliums zu sagen: Wo sind unsere Parameter, wo sind unsere Maßstäbe, wo sind unsere Werte, mit denen wir Gesellschaft weiter aufbauen und gestalten wollen, aufgrund eines friedlichen Miteinanders und nicht in ständiger Polarisierung?“
Aber wir können ja lernen...
Gauck, von Haus aus evangelischer Pastor, ist übrigens froh, dass die Katholiken mitreden und sich Gehör verschaffen. „Gelegentlich bin ich sogar so weit gegangen auf einem Kirchentag, Gott dafür zu danken, dass er die Katholiken erschaffen hat. Ich hatte das Gefühl, dass die katholischen Christen manchmal etwas dankbarer, erdverbundener und dadurch etwas fröhlicher und damit auch etwas gestaltungsbereiter und -fähiger sind als meine, die zwar hochintelligent und hoch sorgenvoll und hochsensibel sind, aber auch etwas scheu, die Wirklichkeit zu akzeptieren und als ihren Raum der Möglichkeiten zu begreifen und damit mit Freude und Dankbarkeit zu begreifen. Aber wir können ja lernen...“
(vatican news)
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