Heße zum Flüchtlingsgipfel: Anwalt für Menschenrechte sein
Stefanie Stahlhofen - Vatikanstadt
Erzbischof Stefan Heße, beim 10. Katholischen Flüchtlingsgipfel am 5. Mai 2026 in Würzburg war der Titel: „Auf sicherem Grund? Menschenrechte und Flüchtlingsschutz – politische Entwicklungen und kirchliche Handlungsansätze“. Welche aktuellen Herausforderungen des Flüchtlingsschutzes beschäftigen Sie und die Teilnehmenden besonders?
Erzbischof Stefan Heße, Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) und Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen: Wir stellen fest, dass das Thema Flüchtlingsschutz immer mehr angefragt wird. Es wird angefragt von bestimmten Parteien, es wird angefragt bis in die Gesellschaft hinein. Flüchtlinge werden für manches sozusagen zur Verantwortung gezogen, was in unserem Land natürlich als Problem existiert. Und deswegen ist es wichtig, sich diese rechtlichen Grundlagen immer wieder in Erinnerung zu rufen, die in unserem Land Gott sei Dank bestehen. Und zwar nicht nur durch das Grundgesetz, sondern auch durch die Genfer Flüchtlingskonvention und durch die universellen Menschenrechte.
Das Wichtigste ist für mich als als Christ, aber auch als Staatsbürger, dass jeder Mensch unveräußerliche Rechte hat, dass jeder Mensch seine Würde hat. Und die gilt es zu respektieren und zu schützen. Dafür setzen wir uns als Kirche ein.
Stärkung, Vernetzung, fachliche Bildung
Was erhoffen Sie sich von diesem Treffen?
Erzbischof Stefan Heße: Die Flüchtlingsgipfel dienen dazu, dass die Akteure der Flüchtlingsarbeit in unseren deutschen Diözesen, aber auch in den Verbänden, bei der Caritas, gestärkt werden. Also die Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen. Und während sie 2015, am Beginn der ganzen Bewegung, bejubelt wurden, ist es heute oft schwieriger für sie, und sie müssen sich für ihre Arbeit geradezu erklären und verteidigen. Deswegen erhoffe ich mir immer, dass es die einzelnen Akteure stärkt, sie aber auch vernetzt, und dass es ihnen hilft, durch die thematische Auseinandersetzung an die Grundlagen ihrer Arbeit zu kommen, sodass sie wissen, auf welchem Boden sie das tun und wie sinnvoll das ist, was sie hier in Deutschland für die geflüchteten Menschen leisten.
Wird die Kirche/der Papst zum Thema Flüchtlinge (genug) gehört?
Erzbischof Stefan Heße Es gab ja gerade eine aktuelle Auseinandersetzung zwischen Papst Leo XIV. und dem amerikanischen Präsidenten. Das ist wahrscheinlich auch ein bisschen aufgrund der Zeitversetzung dann zusammengespielt worden. Ich glaube, das hat dem Papst letztlich gutgetan, weil es seine Worte in den Mittelpunkt gerückt hat. Grundsätzlich würde ich aber sagen, ist eigentlich die Frage: Teilen wir als Kirche oft genug unsere Position mit? Sind wir am Puls der Zeit? Und: Verstehen wir es, unsere christliche Auffassung so ins Gespräch zu bringen, dass sie gehört werden kann? Da würde ich sagen, ist immer noch Luft nach oben.
Die Teilnehmer des Flüchtlingsgipfels sind natürlich Multiplikatoren, die die Botschaft vor Ort verstärken. Ich als Flüchtlingsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz versuche das durch Tagungen, durch Interviews, durch Stellungnahmen. Aber ich glaube, dass wir angesichts der Infragestellung des Flüchtlingsschutzes unsere Aktivitäten deutlich erhöhen und jede Gelegenheit nutzen müssen, für diese Menschen einzutreten.
Sie sprachen auch bei einer Podiumsdiskussion zu aktuellen Entwicklungen und Herausforderungen im Flüchtlingsschutz mit Politikern und Experten...
Erzbischof Stefan Heße: Mein Part als Bischof ist natürlich, die universale Perspektive der Menschenwürde und der Menschenrechte einzubringen. Ich kann nur Anwalt sein für dieses Thema und vor allen Dingen für die Menschen, die dahinter stehen. Und wir sehen ja jetzt schon, dass das nicht ganz einfach ist. Ich habe zum Beispiel den Eindruck, dass in unserem Land manche Gerichtsentscheidungen nicht eins zu eins umgesetzt werden. Da darf man sich nicht hinter zurückziehen, weil ich sonst befürchte, dass Recht und Gesetz sehr leicht ausgehebelt werden können. Und das möchte ich für unser Land nicht heraufbeschwören.
Viele EU-Länder setzen auf eine restriktivere Flüchtlingspolitik und vielerorts werden auch Mittel für Hilfen gekürzt - wie steht die katholische Kirche in Deutschland dazu und wie geht sie damit um?
Erzbischof Stefan Heße: Ich teile den Eindruck, dass manches restriktiver wird und finde das nicht gut. Ich glaube, man kann es auch anders herum anpacken. Spanien geht im Moment einen ganz anderen Weg, indem fast eine halbe Million geflüchteter Menschen, die dort leben, legalisiert und registriert werden.
Kürzungen am falschen Ende
Ich glaube, man spart am falschen Ende, wenn man die Mittel für die Geflüchteten kürzt. Das sind ja dann Mittel, die normalerweise in die Integration hineinfließen. Und damit wird etwas Gutes bewirkt. Als Kirche haben wir uns auch schon häufiger kritisch zu Wort gemeldet: Im Hinblick auf andere Restriktionen, zum Beispiel die Verlagerung der Verfahren an die Außengrenzen oder den Wegfall der unabhängigen Verfahrensberatung, ebenso wie das Aussetzen des Familiennachzugs für subsidiär Schutzsuchende. Das sind alles schlechte Signale, die den Menschen nicht gut tun. Und deswegen versuchen wir als Kirche so konkret wie möglich unsere Stimme zu erheben, damit die Menschen Rechtsbeistand und gute Verfahren bekommen.
Sich immer und überall für Menschenrechte und -Würde stark machen
Kriege, Krisen und Gewalt scheinen aktuell überall auf der Welt zu explodieren und Menschenrechte mit Füßen getreten zu werden. Internationale Abkommen, etwa die Genfer Flüchtlingskonvention, werden oft missachtet - was lässt sich dagegen tun?
Erzbischof Stefan Heße: Als erstes würde ich empfehlen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Charta der Menschenrechte, die Genfer Flüchtlingskonvention, weiter bestehen, die sind nicht aufgekündigt worden, sondern die existieren. Deswegen gilt es, sich daran zu halten. Das ist ein Schutz für die Flüchtlinge. Und wir drücken aus, dass das nach wie vor besteht.
Das Zweite ist, dass ich sehr dankbar bin - und da dürfen wir auch nicht nachlassen - dass wir nicht nur geflüchteten Menschen helfen, die hier bei uns in Deutschland ankommen, sondern dass wir auch sehr viel tun für die geflüchteten Menschen in den Ländern, wo sie herkommen oder durch die sie hindurchziehen. Also an den Fluchtursachen arbeiten oder ihnen auf den Fluchtroute beistehen und dabei helfen, dass sie menschenwürdig behandelt werden.
Vor zehn Jahren gab es den ersten katholischen Flüchtlingsgipfel - was gibt es zu feiern, und wo sehen Sie noch Herausforderungen?
Erzbischof Stefan Heße: Ich finde - und da will ich uns jetzt nicht selber loben, aber das darf man ja vielleicht auch mal sagen - wirklich wertvoll und beachtenswert, was in den zehn Jahren der Flüchtlingsarbeit der katholischen Kirche seit 2015 in Deutschland alles geleistet worden ist. Ich denke an die vielen Menschen, die sich haupt- oder ehrenamtlich engagieren. Ich denke auch an die vielen finanziellen Mittel, die die Diözesen trotz knapper Kassen immer noch dafür einsetzen. Gott sei Dank. Wichtig ist, dass wir konkrete Akteure haben, die den Menschen zur Seite stehen. Wichtig ist, dass es auch andere gibt, die immer wieder ihre Stimme erheben. Wir müssen als Kirche das sagen, was vielleicht andere nicht mehr sagen. Wir müssen an Grundwerte erinnern, die wir vertreten. Und wir gehen eben auf dem Weg der Nächstenliebe und der Solidarität auf die Menschen zu. Das ist unser Auftrag, den wir Gott sei Dank nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten beweisen.
Letztlich wird es ja darum gehen, dass wir gemeinsam gute Lösungen für die Betroffenen finden. Deswegen appelliere ich an die Mitbischöfe, gerade hier nicht zu streichen. Deswegen appelliere ich auch an die Verbände und die Einrichtungen, ihr Engagement weiter fortzusetzen, selbst wenn es in der Öffentlichkeit immer wieder hinterfragt wird. Ich glaube, wir müssen Zeichen setzen. Wir müssen uns an unseren Taten messen lassen. Und ich hoffe, dass von dem Gipfel auch eine positive Botschaft ausgeht: Es gibt hier und da Schwierigkeiten, es gibt Herausforderungen, es gibt auch Dinge, die nicht gelingen. Wichtig ist mir aber auch, deutlich zu machen, dass vieles gelingt: Es gibt auch viele gute Geschichten der Integration, die in unserem Land geleistet werden. Hinter jedem einzelnen Migranten steht seine persönliche Geschichte. Es geht eben nicht zuallererst um Problembewältigung, sondern es geht um Menschen und um Beistand für jeden einzelnen von ihnen.
Hier die Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz zum 10. katholischen Flüchtlingsgipfel
(vatican news/pm - sst)
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