Suche

Kardinal Kurt Koch vor dem Grab von Papst Benedik XVI. (Foto: Paweł Rytel-Andrianik) Kardinal Kurt Koch vor dem Grab von Papst Benedik XVI. (Foto: Paweł Rytel-Andrianik) 

Schweiz: Das Erbe Benedikts als Kompass für das moderne Europa

Für Kardinal Kurt Koch, den Protektor der beiden Ratzinger-Schülerkreise, jährt sich 2026 seine Weihe zum Bischof durch den heiligen Papst Johannes Paul II. zum 30. Mal. Aus diesem Anlass versammelten sich die Mitglieder des Neuen Schülerkreises Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. e.V. im Benediktinerkloster Einsiedeln in der sShweiz. Bei den Vorträgen ging es um das Erbe von Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI.

Mario Galgano - Vatikanstadt

1995 wurde Koch vom Basler Domkapitel als Nachfolger von Hansjörg Vogel zum Bischof von Basel gewählt. Die Bischofsweihe spendete ihm am 6. Januar 1996 Papst Johannes Paul II. Sein bischöflicher Wahlspruch lautet: „Christus hat in allem den Vorrang“ und stammt aus Kol 1,18. Im Schweizerischen Kloster Einsiedeln wurde Koch zu Ehren eine Tagung veranstaltet. Nach internen Fachvorträgen und dem Chorgebet der Vesper mündete die Tagung in einen öffentlichen Festakt. Ein zentraler Höhepunkt des Programms, das zudem Würdigungen durch Professor Christoph Ohly und ein Interview durch Professor Stefanos Athanasiou umfasste, war der Festvortrag von Abt Maximilian Heim OCist.

Zum Nachhören - was im Kloster Einsiedeln gesagt wurde

Der seit 2011 an der Spitze der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz stehende Ordensmann – an deren Hochschule der Name des verstorbenen Papstes lebendig gehalten wird – referierte über das Thema „Von Benedikt zu Benedikt“. Dabei zeichnete er den Theologen Joseph Ratzinger als profunden Interpreten des geistigen Erbes des heiligen Benedikt von Nursia. Dieses Erbe, so der Referent, sei kein historisches Relikt, sondern biete eine zeitlose Orientierung für Kirche und Gesellschaft.

Ein Name als völkerverbindendes Programm

Bereits die Wahl des Papstnamens Benedikt XVI. am 19. April 2005 sei keine Äußerlichkeit gewesen, sondern eine bewusste programmatische Selbstverortung. In seiner ersten Generalaudienz bezog sich der damalige Papst sowohl auf den „Friedenspapst“ Benedikt XV. inmitten des Ersten Weltkriegs als auch auf den Patron Europas, Benedikt von Nursia. Damit seien die beiden Leitlinien seines Pontifikats vorgegeben gewesen: die Suche nach Versöhnung und die geistliche Erneuerung Europas aus der Tiefe der Gottsuche heraus. Friede im biblischen Sinne, so die Argumentation, sei weit mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg; er bedeute die Ausrichtung des Menschen auf Gott. Aus diesem Geist heraus trugen und tragen benediktinische Klöster das Wort Pax über ihren Portalen als Einladung zu einer geistlichen Grammatik.

Das hörende Herz und das Abwenden von Pathologien

Als Grundgestalt des kirchlichen Lebens identifizierte der Abt das Hören, angelehnt an das erste Wort der benediktinischen Regel: Obsculta. Schon bei seiner Amtseinführung betonte das spätere Kirchenoberhaupt, kein eigenes Regierungsprogramm durchsetzen, sondern gemeinsam auf den Willen des Herrn lauschen zu wollen. Dieses „hörende Herz“, das auf den biblischen König Salomo zurückgeht, bilde die Mitte der Person und befähige zur rechten Unterscheidungskraft, der Diskretion.

In der anschreffenden theologischen Diskussion wurde deutlich, wie eng dieser Ansatz mit dem Verhältnis von Glaube und Vernunft verknüpft ist. Unter Verweis auf das historische Gespräch Ratzingers mit dem Philosophen Jürgen Habermas wurde dargelegt, dass beide Dimensionen vor Fehlformen geschützt werden müssen. Ein Glaube ohne Vernunft drohe blind und fundamentalistisch zu werden, während eine Vernunft ohne Offenheit für das Transzendente kalt, rein instrumentalisiert und letztlich zerstörerisch wirke. Die Spiritualität von Subiaco biete hier ein wirksames Kontrollorgan gegen die Hybris der Moderne.

Gottsuche als Ursprung wahrer Kultur

In Rekurs auf Benedikts berühmte Pariser Rede im Collège des Bernardins aus dem Jahr 2008 wurde die historische Rolle des Mönchtums beleuchtet. Die Mönche der Völkerwanderungszeit hatten nicht primär die Absicht, Bibliotheken zu gründen oder Europa zu retten; ihr elementares Ziel war schlicht die Gottsuche inmitten der Trümmer der zusammenbrechenden antiken Welt. Durch diesen Fokus entstand Kultur quasi als Nebenprodukt des Kultus, der Gottesverehrung.

Als symbolisches Schlüsseljahr gilt das Jahr 529, in dem die Platonische Akademie in Athen schloss und gleichzeitig das Kloster Monte Cassino entstand. Die antike Kultur ging dadurch nicht verloren, sondern wurde in der Gottsuche gereinigt und transformiert. Das im Wappen von Monte Cassino verankerte Leitmotiv Succisa virescit – das zurückgeschnittene Grün, das neu ausschlägt – zeige, dass Krisen und Zäsuren stets die Keimzelle für einen lebendigen Neuanfang in Glaube und Hoffnung in sich tragen.

Unter der Führung des Evangeliums gegen den Aktivismus

Gegen den modernen Aktivismus setzten sowohl die benediktinische als auch die zisterziensische Tradition auf die innere Formation durch die Lectio Divina, das betende Lesen der Schrift. Eine von Subjektivismus oder Fundamentalismus freie Schriftauslegung verlangt nach dem befreienden Geist Christi innerhalb der lebendigen Überlieferung. Hier zeige sich das Ideal einer „knieenden Theologie“, in der wissenschaftliche Intellektualität und gelebte Frömmigkeit komplementär aufeinander angewiesen sind. Ohne diese spirituelle Dimension verfalle das Denken in einen dünnen Rationalismus.

Der Vorrang des Gottesdienstes und die Heiligung der Arbeit

Ein zentraler Punkt der monastischen Existenz bleibt das Postulat, dem Gottesdienst nichts vorzuziehen. Klöster fungieren als Orte der Präferenz für Gott und zeigen einer postmodernen Gesellschaft, die von Sinnangeboten überflutet und zugleich von Orientierungslosigkeit bedroht ist, einen bleibenden Urgrund auf.

Eng damit verknüpft ist das Prinzip Ora et labora. Im Gegensatz zur Antike, welche körperliche Arbeit den Sklaven überließ, heiligt die christliche Tradition das Handwerk, da Gott sich selbst als wirkend und arbeitend offenbart hat. Die Erneuerung und Bewahrung der Schöpfung erwächst somit nicht aus einem romantischen Naturverständnis, sondern aus der Verantwortung vor dem Schöpfer. Wo sich der Mensch hingegen selbst zum Maß aller Dinge erhebt, kippt die Weltgestaltung in kriegerische Allmachtsfantasien und ökologische Krisen um.

Der Festakt schloss mit dem Verweis auf die kosmische Vision des heiligen Benedikt, wie sie Gregor der Große beschrieb: Am Fenster stehend sah der alternde Mönch die ganze Welt in einem einzigen Sonnenstrahl gesammelt. Nicht die Welt wurde dabei eng, sondern die Seele des Schauenden weit. Diese Weite des Herzens und die unermüdliche Suche nach Gott bleiben, so das Fazit des Festvortrags, das bleibende Fundament für eine Erneuerung von Kirche und Gesellschaft.

(vatican news)

Danke, dass Sie diesen Artikel gelesen haben. Wenn Sie auf dem Laufenden bleiben wollen, können Sie hier unseren Newsletter bestellen.

27. Mai 2026, 12:37