Unser Sonntag: Worte des Abschieds – Worte für heute
Gabriele Rohardt-Bellè - Verona
Joh. 14,15-21
Liebe Hörerinnen und Hörer,
wie schon am letzten Sonntag erwähnt, führt uns auch das heutige Evangelium mitten hinein in die Abschiedsreden Jesu. Es sind Worte, die er kurz vor seinem Leiden an seine Jünger richtet – Worte voller Tiefe, Trost und Verheißung. Und gerade deshalb sind sie auch Worte für uns heute – besonders in Momenten von Unsicherheit oder innerer Suche.
„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“
Mit diesem Satz beginnt das heutige Evangelium. Jesus spricht von der Liebe – nicht als Gefühl allein, sondern als Haltung, die sich im Leben zeigt. Liebe zu Christus ist nicht etwas Abstraktes, sondern eine lebendige Beziehung, die sich im Alltag konkretisiert: in unserem Handeln, in unseren Entscheidungen, in unserem Umgang miteinander, in der Geduld z.B. mit schwierigen Menschen, in der Bereitschaft zu vergeben, im Mut zur Wahrheit, in der Treue zu dem, was wir als gut erkannt haben.
Das neue Gebot der Liebe
Die Gebote Christi sind kein Zwang – sie sind der Weg der Liebe. „Ich bin der Weg“ – darüber haben wir schon am letzten Sonntag nachgedacht. Erinnern wir uns aber kurz, auf welche Gebote sich Jesus hier bezieht? Es sind nicht die zehn Gebote aus dem Alten Testament, sondern die Gebote der Liebe, die er uns selbst gegeben hat. Im Kapitel 13 des Johannesevangeliums lesen wir: Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.
Ein geistlicher Kommentar zur Liebe
In der Generalaudienz vom 9. August 2006 zitiert Benedikt XVI. folgenden Text aus einem kleinen Buch aus dem späten Mittelalter mit dem Titel Nachfolge Christi. Dort lesen wir: “Jesu edle Liebe spornt uns zu großen Taten an und ruft uns auf, immer größere Vollkommenheit zu erstreben. Die Liebe strebt aufwärts und lässt sich nicht durch niedrige Dinge fesseln. Die Liebe will frei sein und unbeschwert von aller irdischen Neigung… denn die Liebe ist aus Gott geboren und kann in keinem erschaffenen Wesen, sondern nur in Gott Ruhe finden. Der Liebende fliegt, läuft und ist voll Freude; er ist frei und lässt sich nicht aufhalten. Er gibt alles für alles und hat alles in allem, weil er, über alles erhoben, ruht in dem einen Höchsten, dem alles Gute wie einer Quelle entströmt“ (Buch III, 5. Kapitel). Der Papst fügt hinzu: „Gibt es einen besseren Kommentar zum „neuen Gebot“, von dem Johannes spricht? Bitten wir den Vater, es so glaubhaft leben zu können – wenn auch stets in unvollkommener Weise –, dass wir alle, denen wir auf unserem Weg begegnen, mit dieser Liebe anstecken.“
Die Verheißung des Beistands
Kommen wir jetzt wieder zum heutigen Evangelium: Um eben diese Liebe zu leben gibt Jesus uns eine große Verheißung: den Beistand.
Er sagt: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben.“ Damit spricht er vom Heiligen Geist – dem Tröster und Helfer, der uns stärkt. Weil wir ihn jedoch nicht sehen können, fällt es uns schwer, ihn im Alltag wahrzunehmen.
Das Wirken des Heiligen Geistes im Alltag
Wir kennen das alle: Momente, in denen wir uns überfordert fühlen, in denen wir ratlos sind, vielleicht auch im Glauben unsicher. Genau dort wirkt der Heilige Geist. Oft leise, meistens unauffällig – aber real und wirklich.
Er gibt uns Kraft, wenn wir innerlich schwach sind; er erinnert uns an die Worte des Herrn, wenn wir sie vergessen haben; er führt uns auf den richtigen Weg, wenn wir nicht mehr weiterwissen. All das manchmal auf völlig unerwartete und überraschende Weise.
Erinnern wir uns hier an die legendären Worte von Johannes Paul II., mit denen er am 22. Oktober 1978 sein Pontifikat begann: "Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!"
Die Herausforderung: Offenheit für den Geist
Jesus sagt aber auch: „Die Welt kann ihn nicht empfangen“.
Er unterscheidet hier zwischen „der Welt“ und seinen Jüngern. „Die Welt“ meint hier nicht die Schöpfung, sondern eine Haltung, die sich Gott gegenüber verschließt. Der Geist Gottes offenbart sich nicht jedem, und da er weder sichtbar oder messbar ist, wird er nur im Glauben erkannt. Das ist natürlich eine Herausforderung für jeden Gläubigen: sind wir offen für die Eingebungen des Heiligen Geistes? Schaffen wir es, in unserem Gebet, Raum für Gott zu schaffen und ihm aufmerksam zuzuhören?
Ja, richtig verstanden: im Gebet zuhören – das hört sich zwar widersprüchlich an, ist aber eine grundsätzliche Voraussetzung für das innere Leben. Das Gebet ist eben nicht ein ständiges Bitten um Beistand und Gnade, sondern ein Sich-Einlassen auf Gott: „dein Wille geschehe“.
Für die Heilige Teresa von Ávila (1515–1582) ist Gebet kein bloßes Sprechen von Worten, sondern ein "inneres Gebet" (oración mental): ein schlichter, herzlicher Umgang und ein vertrautes Gespräch mit Gott, dem Freund, von dem wir wissen, dass er uns liebt. Es ist eine Haltung des Lebens in Gottes Gegenwart, die Demut, gegenseitige Liebe und Loslösung von äußeren Dingen erfordert. Fragen wir uns ganz ehrlich: Leben wir offen für Gottes Wirken oder sind wir so sehr mit dem Sichtbaren, mit dem Materiellen beschäftigt, dass wir das Wirken des Heiligen Geistes gar nicht mehr wahrnehmen?
„Ich lasse euch nicht als Waisen zurück“
„Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen.“ Was für ein tröstliches Wort! Jesus kennt die Angst seiner Jünger und er kennt unsere Angst. Er weiß, wie es sich anfühlt, allein gelassen zu sein. Und genau hier setzt seine Zusage an: Ihr seid nicht allein!
Auch wir erleben Zeiten der Einsamkeit, der Unsicherheit, vielleicht sogar der Gottesferne. Doch dieses Wort gilt allen Menschen, die sich ihm nähern wollen: Christus lässt uns nicht im Stich. Er ist da! Er kommt zu uns – im Gebet, in seinem Wort, in den Sakramenten, in der Gemeinschaft der Kirche.
Das Geheimnis der Gegenwart Gottes
„An jenem Tag werdet ihr erkennen: Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.“
Das ist das Herz unseres Glaubens: die gegenseitige Durchdringung von Gott und Mensch. Der Herr will in uns wohnen. Er will unser Leben von innen her verwandeln. Das ist mehr als nur Nähe – es ist eine tiefe innere Gemeinschaft, die besonders in der Eucharistie deutlich wird. Wenn wir die Kommunion empfangen, dann ist das keine bloße Erinnerung oder symbolische Geste – es ist echte Begegnung! Christus gibt sich uns hin. Er tritt in unser Leben ein, damit auch wir immer tiefer an seinem Leben teilhaben.
Liebe als Schlüssel
„Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden.“
Liebe öffnet den Weg zu Gott. Nicht perfektes Wissen, nicht fehlerloses Verhalten – sondern die ehrliche, suchende, manchmal auch unzureichende Liebe. Sie ist der Schlüssel zur Gotteserkenntnis. Vielleicht ist unser Glaube nicht immer stark. Vielleicht haben wir Fragen, Zweifel, Unsicherheiten.
Aber wenn wir Christus suchen, wenn wir ihn bitten, sich uns zu nähern, trotz unserer Schwächen – oder gerade wegen unserer Schwächen – dann ist der Herr uns schon längst nahe.
Trost und Auftrag
Abschließend können wir sagen, dass dieses Evangelium Trost und Auftrag zugleich ist: Trost, weil wir wissen dürfen: Wir sind nicht allein!
Auftrag, weil unsere Liebe zu Christus sichtbar werden soll, durch unser Leben, unser tägliches Zeugnis als engagierte Christen in diese Welt und in dieser Zeit.
Bitten wir den Heiligen Geist, dass er uns stärkt, führt und verwandelt. Dass wir aus der Liebe Christi leben – und sie voller Freude, überzeugt und überzeugend in diese Welt tragen.
Mit Maria auf dem Weg
Wir beenden auch diese Betrachtung mit einem Blick auf die Heilige Maria – Tempel des Heiligen Geistes – und bitten sie, uns weiterhin auf unserem Weg durch den Monat Mai zu begleiten.
(Radio Vatikan - Redaktion Claudia Kaminski)
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